Der einflussreiche französische Intellektuelle diskutierte an der Goethe-Universität über das Thema Alter.

Am Abend des 28. Oktober 2025 war der französische Autor Didier Eribon zu Gast an der Goethe-Universität. Eribon, Jahrgang 1953, ist Soziologe, Philosoph und einflussreicher Intellektueller. Bei Eribons Besuch stand sein aktuelles Buch „Eine Arbeiterin: Leben, Alter und Sterben“ (2024) im Mittelpunkt. In diesem berichtet er die Geschichte seiner Mutter, einer Frau aus der Arbeiterklasse. Das Buch profitiert von der Kombination aus Biografie-Erzählung und soziologischen Perspektiven und stellt so die Lebensrealität heraus, der Eribons Mutter als Arbeiterin im Alter gegenüberstand. Er beschreibt Themen wie soziale und epistemische Ungerechtigkeit, Pflegebedürftigkeit und den Umgang mit dem Sterben. Begrüßt wurde Eribon im Festsaal auf dem Campus Westend. Schon vor Einlass reichte die Schlange an Gästen durch das Foyer bis nach draußen auf den Vorplatz. Insgesamt lockte die Veranstaltung etwa 450 Gäste. Diese bekamen Kopfhörer, um der simultanen Übersetzung der deutsch-französischen Veranstaltung folgen zu können.
Nach der Begrüßung durch die Veranstalterin Julia Kaufmann (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am FB 04), folgten Grußworte von Sabine Andresen (Vizepräsidentin der Goethe-Universität) und Xenia von Tippelskirch (Direktorin des Institut Franco-Allemand). Das Podium bestand, neben Eribon, aus sechs Diskutant*innen. Die Bachelor-Studentin Franziska Schulze beeindruckte an diesem Abend besonders, sie übernahm sowohl die Moderation als auch die Lesung ausgewählter Passagen aus Eribons Buch. Die Abendveranstaltung stand in Zusammenhang mit dem erziehungswissenschaftlichen Seminar „Theoriebezüge im Werk Didier Eribons“, welches Julia Kaufmann gehalten hatte. Franziska Schulze war eine der Studentinnen im Seminar und gestaltete über die Dauer des Seminares die Veranstaltung mit.
Die Podiumsdiskussion fand im Wechsel statt: Passagen wurden gelesen, Fragen gestellt und Eribon antwortete auf jede sehr ausführlich. Zunächst ordnete Julia Kaufmann das Buch inhaltlich ein und befragte Eribon bezüglich seiner Motivation, sich mit dem Thema Alter zu befassen. Eribon stellte klar, nicht überall werde das Thema Alter gemieden. Er rekurrierte auf Annie Ernaux, auf Simone de Beauvoir, auf Norbert Elias. Jonas Lang (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am FB 03) fragte nach den Spezifika des Genres der Autosoziografie. Eribon beschrieb die Arbeiterin in seinem Buch als einen Sozialtyp, der ihm half, die Welt auf seine Art und Weise zu beschreiben. Milena Feldmann und Karla Wazinski (Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen der Emmy Noether-Gruppe Linking Ages am FB 04) stellten Fragen zum Umzug ins Pflegeheim und den teilweise auch gewaltvollen Erfahrungen, die Menschen dort machen. Sie fragten kritisch, ob Eribons Perspektive auf Alter einseitig negativ sei und Aspekte ausblende. Eribon betont, er habe beschrieben, was er gesehen habe. Alter habe für ihn nichts Schönes, sondern sei ein Zustand, in dem Menschen ihre Fähigkeiten verlieren. Herkunft und die Art der Arbeit, die Menschen in ihrem Leben verrichteten, seien hierbei relevant. Anna Wanka (Leiterin der Emmy Noether-Gruppe) thematisierte die „Altersblindheit“ in Theorie und Wissenschaft. Eribon stellte fest, alle philosophischen Konzepte müssten neu gedacht werden, weil sie alte sowie körperlich und kognitiv schwache Menschen ausschließen. Es gebe außerdem keine politischen Bewegungen, die sich für die Rechte alter Menschen einsetzten. Die Betroffenen blieben unsichtbar, weil – so Eribon – die Gesellschaft schlicht keine Lust habe, sich mit ihnen zu befassen. Wie Eribon sich selbst als älterer Mensch einordnet, blieb unbeantwortet.
Im Anschluss an das Podiumsgespräch folgten Fragen aus dem Publikum, via QR-Code und mündlich. Natürlich gab es am Ende des Abends mehr Fragen an Eribon, als dieser in der zweistündigen Veranstaltung beantworten konnte. Finanziert wurde die Veranstaltung durch die allgemeinen QSL-Mittel, das Institut Franco-Allemand und den Fachbereich Erziehungswissenschaften.
Julia Kaufmann, Institut für Sonderpädagogik











