
Sechs Jahre sind vergangen, seit am 19. Februar 2020 ein 43-jähriger Hanauer neun Hanauer Bürger erschoss und sechs weitere Menschen zum Teil schwer verletzte. Anschließend tötete er seine Mutter und sich selbst. Rassistischer Hass trieben den psychisch gestörten Täter an. Einer der Schwerverletzten starb im Januar 2026 an den Folgen seiner Verletzungen.
Der Täter selbst konnte nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Dennoch tut Aufarbeitung not – juristisch, gesellschaftlich und politisch. Dies wurde durch das Podiumsgespräch und die Theateraufführung deutlich, die der Arbeitsbereich „Kriminologie und Strafrecht“ der Goethe-Universität unter Leitung von Prof. Tobias Singelnstein und Dr. Justine Diebel gemeinsam mit dem Institut für Sozialforschung zum sechsten Jahrestag organisiert hatten. Das Theaterstück „And Now Hanau“ von Tuğsal Moğul ist eine Inszenierung des Staatstheaters Mainz, die an unterschiedlichen Orten gezeigt wird. Diesmal im Casino-Festsaal der Goethe-Universität.
Die Aufführung mit Vincent Doddema, Flora Udochi Egbonu, Anneke Gies, Sabah Qalo rief die Ereignisse des 19. Februar drastisch in Erinnerung. Beruhend auf einer zweijährigen Recherche des Autors und Regisseurs, entfaltet „And Now Hanau“ den Hergang des Geschehens als dokumentarisches Theater. Dabei wird deutlich: Für ein anhaltendes Trauma sorgte nicht nur die schreckliche Tat selbst, sondern vor allem auch das (Nicht)Agieren der Polizei: Der Notruf eines späteren Opfers wurde nicht entgegengenommen, Opferangehörige wurden wie Verdächtige behandelt, stundenlang im Ungewissen über das Geschehen gelassen. Ein Notausgang war versperrt – mutmaßlich, um bei Razzien den Fluchtweg abzuschneiden. Aufarbeitung und Würdigung der Opfer blieben seither hinter den Erwartungen weit zurück. Die Opfer schlossen sich in der Initiative 19. Februar zusammen, setzten sich für eine nachhaltige Gedenkkultur für Opfer des Rechtsterrorismus ein, riefen die Kampagne „Say their Names“ ins Leben.


Der Aufführung voraus ging eine Podiumsdiskussion, moderiert von Dr. Justine Diebel (Goethe-Uni) und Dr. Felix Trautmann (Institut für Sozialforschung). Rechtsanwältin Waltraut Verleih, Rassismusforscher Lorenz Narku Laing, Autor, Arzt und Regisseur Tuğsal Moğul und Armin Kurtović von der Hanauer Initiative 19. Februar, der seinen Sohn bei dem Attentat verloren hat, sprachen aus ihrer jeweils eigenen Perspektive über die Tat und den Umgang damit durch Polizei, Justiz, Politik und Gesellschaft. Im Mittelpunkt stand die Frage, welchen Beitrag die künstlerische Aufarbeitung rechtsextremer Taten zu deren Aufarbeitung beitragen kann.
Darin, dass im Fall Hanau wie in anderen Fällen bei der polizeilichen, politischen und gesellschaftlichen Aufarbeitung vieles falsch gelaufen ist, darin war man sich auf dem Podium einig. Und auch darin, dass es in der Gesellschaft noch immer viele rassistische Verhaltensweise gebe, unabhängig davon, wie integriert eine Person auch sei. „Wir müssen an der Erinnerung arbeiten“, erklärte Regisseur Moğul, was ihn zu seinem Stück motiviert hat. Die Mittel des Theaters ermöglichten ein unmittelbares Miterleben und dadurch mehr Emotionalität.
Die Reaktion nach rassistisch motivierten Straftaten sei immer gleich: ein großer Aufschrei, aber keine angemessene Aufarbeitung, kritisierte Rassismusforscher Lorenz Narku Laing, Professor an der evangelischen Hochschule Bochum. Noch immer würden rechtsextremistisch motivierte Taten als Ausnahmeerscheinung erzählt, die Mehrheitsgesellschaft fühle sich nicht nachhaltig angegriffen. Für Rechtsanwältin Waltraut Verleih ist die Suche nach Gerechtigkeit nicht in erster Linie eine juristische Frage. Es sei wichtiger, die Öffentlichkeit dazu zu bringen, sich mit den Missständen zu auseinanderzusetzen – wozu auch eine künstlerische Bearbeitung des Themas gut geeignet sein könne. Unterschiedliche Auffassungen gab es zur Rolle des Staates. Nur eine differenzierte Kritik könne zu Veränderungen führen, betonte Prof. Laing. Immerhin ermögliche dieser Staat Rassismusforschung und ein Theaterstück, das die Geschehnisse aufarbeitet. Laing forderte jedoch, dass die Justiz eine aktivere Rolle in der Aufarbeitung rechtsextremer Gewalt spielen müsse. Außerdem plädierte er für mehr Diversität in staatlichen Einrichtungen. Aus Wortbeiträgen aus dem Auditorium ging hervor, dass nicht jeder Hoffnung in diese Form der Repräsentation setzt. Opferangehöriger Armin Kurtović indes hofft auf Erfolg für seine Klage beim Bundesverfassungsgericht. Wichtig sei ihm vor allem, dass die Behörden Fehler eingestünden, Verantwortung übernähmen. „Wir hatten bis jetzt kaum Zeit zum Trauern, wir haben nur gekämpft“, sagte er.
Strafrechtsprofessor Tobias Singelnstein zeigte sich im Anschluss zufrieden mit der Veranstaltung: „Der Versuch, wissenschaftliche, juristische, künstlerische und zivilgesellschaftliche Perspektive in einen konstruktiven Austausch zu bringen, ist meiner Einschätzung nach gelungen.“










