Die Poetikdozentin von 1960 und Ehrendoktorin der Goethe-Universität ist die Autorin von Frankfurt liest ein Buch 2026.

dem benachbarten Autor in der Wiesenau.
Repro: UAF
Eine überaus glückliche Hand bewies das Konsortium um Rektor Helmut Viebrock, Gottfried Bermann Fischer und Theodor W. Adorno, als es 1959/60 für die beiden ersten Durchgänge der neu gegründeten „Stiftungs-Gastdozentur für Poetik“ mit Ingeborg Bachmann die spannendste junge weibliche Stimme der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur berief, auf die Marie Luise Kaschnitz folgte, Grande Dame, 1955 als erste Autorin der Nachkriegszeit mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt. Ihre Vorlesungen im Sommersemester 1960, Gestalten europäischer Dichtung von Shakespeare bis Beckett, machten Kaschnitz, seit 1941 gemeinsam mit Guido Freiherr Kaschnitz von Weinberg, im gleichen Jahr berufen auf den Lehrstuhl für Klassische Archäologie, wohnhaft in Frankfurt am Main, Wiesenau 8, zur Frankfurter Autorin im emphatischen Sinn.
Das betrieb ein begeisterter Zuhörer, Siegfried Unseld. Er wurde nach dem Tod von Peter Suhrkamp im März 1959 alleiniger Verleger des Hauses und künftig Gastgeber stilbildender Empfänge in der Klettenbergstraße 35. Dorthin bat er Kaschnitz zu einem Abend, an dem Adorno Klavier spielen würde, womit der Ton zwischen der Autorin und ihrem künftigen Verleger gesetzt wurde (mit Adorno war Kaschnitz befreundet, außerhalb der Verwandtschaft ist er hinter Jesus Christus und Goethe die in ihrem Tagebuch meistgenannte Person). Unselds Antichambrieren verlief dezent; Bruno Cassirer, Claassen & Goverts und zum Schluss Claassen gaben Kaschnitz auch eine verlegerisch feine Herkunft ihres lyrischen und erzählerischen Werks. Doch in den 1960er Jahren geriet Verlässliches in Frage, was zum Verkauf von Claassen an Econ führte. Einem nicht selbst bestimmten Verlagswechsel kam Kaschnitz vorweg. Im Jahr 1966, in dem sie die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt entgegennehmen wird, beginnt der Klappentext ihres neuen Prosa-Bandes Ferngespräche mit einer Pathos wagenden Botschaft: „Mit diesem Buch tritt Marie Luise Kaschnitz in den Insel Verlag ein.“ Nach dem rasanten literarischen wie ökonomischen Erfolg von Siegfried Unseld sowie der Kapitalkraft schweizerischer Miteigentümer hatten die Eigner von Suhrkamp 1963 den Insel Verlag übernehmen können, dessen Identitätsautor Rainer Maria Rilke in der Tagebucheintrags-Liste von Kaschnitz Platz vier einnimmt. Eine perfekte Konstellation, dank der Kaschnitz für ihr Spät- und Gesamtwerk die Heimat in der Insel finden wird.
In der Gemengelage von 1968 betonte die Goethe-Universität ihre ambivalente Rolle. Die erste historische Staffel der Poetikdozentur, in deren Verlauf Unseld die externe Trägerschaft von Bermann Fischer übernommen hatte, war im Wintersemester 1967/68 mit der Vorlesung von Hans Erich Nossack, Ist Poesie lehrbar?, zu Ende gegangen. Was als Symptom für die Verlagerung der Erkenntnisfindung auf das politische Kampffeld außerhalb des Hörsaals verstanden wurde. Helmut Viebrock setzte einen Konterpunkt, indem er die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Kaschnitz aus Gründen anstieß, die wie ein Wunsch nach Überwindung des gesellschaftlichen Bruchs klingen:
„…zuletzt durch den Orden ‚Pour le mérite‘ für Wissenschaft und Kunst. Damit ist anerkannt worden, welcher Rang ihr im Geistesleben der Gegenwart zuerkannt wird. Es sollte aber gerade auch ihre Bedeutung für die Universität und die junge akademische Generation gewürdigt werden; denn hier ist Marie Luise Kaschnitz kraft ihrer verstehenden und entschiedenen Humanität und ihrer überzeugenden künstlerischen Kraft eine echte Mittlerin sowohl zwischen Tradition und Gegenwart, wie zwischen der älteren und jungen Generation.“ (UAF)
Zwischen den Klammern, in denen das Programm von Insel und Suhrkamp gedeiht, blieb Kaschnitz auf Seiten der bildungsbürgerlichen Tradition, nach Marcel Reich-Ranicki: „Sie war konservativ und fortschrittlich zugleich und beides in dieser Begriffe bester Bedeutung.“ Praktisch bedeutete das die Publikation neuer Prosa, neuer Gedichte, die Sammlung des Werks, in dem Individualität in der Wahrnehmung und dessen Versprachlichung nicht reaktionär, sondern als Perspektive von Freiheit erscheint. Am Ende steht die Bitte von Unseld an Kaschnitz, im Städel die Festrede zur 75-Jahr-Feier des Insel Verlags zu halten, Herbst 1974: Rettung durch Phantasie. Kaschnitz starb wenige Tage zuvor.
Frankfurt liest ein Buch, initiiert von Klaus Schöffling, betrat 2010 als Festival zur Wiederentdeckung literarischer Schlüsseltexte zu Frankfurt am Main die Bühnen der Stadt; seit 2017 ist Sabine Baumann, Absolventin der Goethe-Universität, die ehrenamtliche Vorsitzende des Vereins. Das Konzept wurde vom Literaturarchiv der Goethe-Universität durch ein Dutzend Ausstellungen, seine Hauslesungen der Goethe-Universität, Archivführungen und Publikationen begleitet („bin ich in Frankfurt der Flaneur geblieben“ Siegfried Krakauer und seine Heimatstadt, Suhrkamp Verlag 2013; „so schmerzliche, durchseuchte Götter. –“ Nachwort zu: Eva Demski, Scheintod, Insel Verlag 2020)
Die aktuelle Kampagne zu Marie Luise Kaschnitz, Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau, Edition W 2026, beginnt mit der Eröffnung in der Deutschen Nationalbibliothek am 20. April 2026, 19.30 Uhr. Bis zum 3. Mai 2026 sind Sie zu 99 weiteren Erlebnissen des Werks von Marie Luise Kaschnitz eingeladen, siehe: www.frankfurt-liest-ein-buch.de
Autor: Wolfgang Schopf, Literaturarchiv der Goethe-Universität
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Hauslesung der Goethe-Universität
Donnerstag, 30. April 2026, 19.30 Uhr,
Universitätsarchiv Frankfurt, Dantestraße 9,
in Verbindung mit der Horst Bingel-Stiftung für Literatur e. V.
Notwendige Reservierung via w.schopf@lingua.uni-frankfurt.de









