Bad Homburg Conference 16. & 17.09.: Lernen, über Gewalt an Kindern sprechen zu können

Vertreter*innen der Rechts- und Erziehungswissenschaften, Psychologie, Soziologie sowie Philosophie werden sich im September im Rahmen der Bad Homburg Conference (BHC) mit einem Thema befassen, das eine intellektuelle Distanz und Nüchternheit eher erschwert: „Keine Form der Gewalt lässt einen wohl kalt“, betont auch Prof. Sabine Andresen, Erziehungswissenschaftlerin der Goethe-Universität, die in der Vorbereitungsgruppe federführend mitwirkt. Es sei natürlich Aufgabe der Wissenschaft, sachlich und wissensbasiert in die Diskussion zu gehen. Allerdings gebe es auch im wissenschaftlichen Kontext eine Art Reflex, sich vor allem sexuelle Gewalt gegen Kinder nicht vorstellen zu können oder zu wollen. „Diesen Reflex gilt es nun, auch durch eine Tagung zu überwinden. Denn alles, was man sich nicht vorstellen will, ist auch schwer aufzuarbeiten. Das macht es auch für Betroffene schwerer, das, was sie erlebt haben, zum Thema zu machen“, betont Andresen. Wissenschaftlerinnen hätten die Aufgabe, einen Beitrag
dazu zu leisten, dass das, was man wisse, auch zur Sprache gebracht werde. Das sei auch ein Beitrag, die Gesellschaft auf diesem Feld „sprechfähig“ zu machen.

Die BHC soll, so Andresen, eine wissenschaftliche Tagung sein, die sich zugleich öffnet für eine breitere Öffentlichkeit. „Ich verstehe sie als ein Forum, das auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, aber auch übergreifend Themen diskutiert, die uns alle angehen. In der Vorbereitungsgruppe haben wir es uns zu eigen gemacht, dass in den letzten Jahren sensibler und aufmerksamer auf Gewalt gegen Kinder allgemein und insbesondere auf sexualisierte Gewalt geschaut wird. Das haben wir aber vor allem auch betroffenen Menschen zu verdanken, die angefangen haben, laut zu sprechen, auch wenn ihnen nicht immer zugehört wurde.“ Dem möchte man vonseiten der BHC Rechnung tragen, indem die Konferenz mit einer „Zeugenschaft“ beginnt: Sabine Andresen wird einleitend ein Gespräch mit Betroffenen sexueller Gewalt moderieren. In der Vorbereitungsgruppe, erklärt die Erziehungswissenschaftlerin, habe man sich schon das Ziel gesetzt, „Gewalt“ in der ganzen Breite zu erfassen. Allerdings habe man in den Diskussionen gemerkt, dass man der sexuellen Gewalt einen größere Raum geben wolle. „Denn diese Gewalt gegen Kinder und Jugendliche hat in besonderem Maße mit Vertuschen und Verschweigen zu tun. Wir sehen aber gleichzeitig auch, dass die Trennung der verschiedenen Gewaltformen ohnehin nicht aufrechtzuerhalten ist.“ Sexuelle Gewalt gehe sehr oft einher mit emotionaler Gewalt, auch mit körperlicher Gewalt. Die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber Gewalt sei auf diesem Feld besonders deutlich. Sabine Andresen freut sich, dass eine beeindruckende Vielfalt an Disziplinen über das Thema diskutieren wird, natürlich auch mit dem Publikum: beteiligt sind unter anderem die Rechtswissenschaftlerin Beatrice Brunhöber, die Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Christine M. Freitag, der Soziologe Ferdinand Sutterlüty, der Katholische Theologe Christof Mandry sowie der Direktor des Forschungskollegs Humanwissenschaften und Philosoph, Matthias Lutz-Bachmann.

Informationen & Anmeldung: www.forschungskolleg-humanwissenschaften.de

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