Die AG Semitische Sprachen zeigt, wie durch interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht nur Forschung, sondern auch Lehre und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses nachhaltig gestärkt werden können.

Im Frühsommer 2023, Nadja Aboulenein erinnert sich, traf man sich zum ersten Mal, um die AG Semitische Sprachen auf den Weg zu bringen. Der Arabischlektorin und Wissenschaftlichen Mitarbeiterin im Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam merkt man die Begeisterung für die AG deutlich an: „Wir wollten zuerst einmal schauen, in welchen Disziplinen semitische Sprachen überhaupt vorkommen. Uns war zu diesem Zeitpunkt gar nicht klar, dass so viele Personen an der Goethe-Universität damit zu tun haben – und es sind nicht nur Sprachwissenschaftler*innen. Wir saßen bei unserem Treffen an einem Riesentisch und planten mit großem Enthusiasmus die Einrichtung der AG. Die Idee für eine Ringvorlesung wurde geboren. Nach einem ersten Durchgang der Ringvorlesung im Wintersemester 2024/25 beantragten wir zum Frühjahr 2025 QSL-Mittel – und waren erfreulicherweise erfolgreich.“1 An der AG Semitische Sprachen sind heute Forschende und Studierende aus ganz unterschiedlichen Disziplinen beteiligt: aus Islamische Studien, Evangelische und Katholische Theologie, Afrikanistik, Alte Geschichte, Empirische Sprachwissenschaft, Judaistik und Archäologie. Die AG verfolgt mehrere zentrale Ziele: Sie fördert die fachübergreifende Zusammenarbeit, stärkt die Vernetzung von Forschenden und ermöglicht so gemeinsame Forschungsinitiativen. Besonders im Fokus steht die exzellente Lehre, die Studierenden eine diversitätsoffene und vernetzte Denkkultur vermittelt.
Darüber hinaus unterstützen die in der AG vertretenen Fächer gezielt den wissenschaftlichen Nachwuchs, etwa durch die Betreuung interdisziplinärer Abschlussarbeiten und die frühe Einbindung in Forschungsprojekte. Die semitischen Sprachen gelten als eine Untergruppe der afroasiatischen Sprachfamilie, zu der unter anderem Arabisch, Hebräisch und Aramäisch gehören. Rund 260 Millionen Menschen in Vorderasien, Nordafrika und am Horn von Afrika sprechen eine semitische Sprache.
Gemeinsamkeiten aus dem Blick geraten
Wie kam es dazu, dass die engen Verbindungen der semitischen Sprachen untereinander etwas aus dem Blick geraten sind? „Die Erforschung der Sprachen hat sich im 20. Jahrhundert auseinanderentwickelt, das hat auch mit einer zunehmenden Ausdifferenzierung der Disziplinen zu tun“, erklärt der Evangelische Theologe Dr. Johannes Diehl. Wilhelm Gesenius, ein bedeutender Theologe des 19. Jahrhunderts und Erforscher semitischer Sprachen, konnte noch fließend Arabisch, betont Diehl. Dieses Interesse und Verständnis für die benachbarten Sprachen ging leider etwas verloren, neue Fächergrenzen entstanden. „Die Spezialisierung reicht heute sogar so weit, dass klassisches Hebräisch und modernes Hebräisch eigene Forschungszweige sind“, ergänzt Dr. Annelies Kuyt, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Judaistik.
Den Gründer*innen der AG geht es darum, das Verbindende und Gemeinsame der semitischen Sprachen wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken und produktiv für Forschung und Lehre zu nutzen. „Wir möchten vor allem auch junge Menschen dafür begeistern, den Blick über den Tellerrand zu wagen und darüber Einblicke in andere Kulturen zu erhalten“, betont Nadja Aboulenein. „Mein Fach, die Evangelische Theologie“, ergänzt Johannes Diehl, „ist natürlich keine sprachwissenschaftliche Disziplin. Aber auf dem Fakultätentag wurde sich kürzlich dafür ausgesprochen, dass die alten Sprachen wichtig sind und die Auseinandersetzung damit gefördert werden soll. Man lernt darüber andere Weltwahrnehmungen kennen. Diese Sprachreflexion spielt beispielsweise für die Exegese, den Religionsunterricht und auch für den Gottesdienst eine große Rolle.“
„Wir möchten vor allem auch junge Menschen dafür begeistern, den Blick über den Tellerrand zu wagen und darüber Einblicke in andere Kulturen zu erhalten.“
Großes Interesse an der Vorlesung
Wie funktioniert in der Vorlesung das Miteinander verschiedener Sprachen und Kulturen? Spüren die Dozierenden, dass die politischen Spannungen, gerade im Nahen Osten, zu Konflikten führen? „Nein, überhaupt nicht, eher im Gegenteil: Die Studierenden verschiedener Konfessionen zeigen sich als sehr interessiert aneinander“, berichtet Annelies Kuyt. Ihre Kolleg*innen aus der AG stimmen ihr zu. „Ich habe in meinen Veranstaltungen immer schon versucht, die Nähe zwischen Koran und Bibel an bestimmten Textstellen aufzuzeigen. In einem Lektürekurs wurde auf Wunsch der Studierenden die Josefsgeschichte aus dem Koran (Sure 12) gelesen und dann die Josefsgeschichte aus der Bibel in arabischer Übersetzung herangezogen und auf der sprachlichen Ebene untersucht. Das führt sehr oft bei den Studierenden zu Aha-Effekten“, erzählt Nadja Aboulenein.
In der Ringvorlesung Semitische Sprachen, die bereits zum zweiten Mal angeboten wird, werden verschiedene Sprachen vorgestellt – in der Umschrift, damit alle Teilnehmenden dem auch folgen können. „Wir zeigen dann, wie ähnlich die Satzordnungen oder Konjugationen in den semitischen Sprachen sind“, sagt Nadja Aboulenein. Johannes Diehl findet die Raumkonzepte in den vorgestellten Sprachen sehr spannend: „Während in den indogermanischen Sprachen der Referenzpunkt jeweils in der sprechenden Person begründet ist, liegt der Referenzpunkt in den semitischen Sprachen eher im Objekt. Auch die zeitliche Dimension von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielt für die Verbformen semitischer Sprachen eine geringere Rolle.“ Für das kommende Sommersemester plant die AG einen Workshop, der in die verschiedenen Schreibsysteme einführen soll. „Die QSL-Mittel ermöglichen es uns, renommierte Dozierende einzuladen. Ein Thema soll dabei auch die sogenannte Kairoer Geniza sein. Dabei handelt es sich um Fragmente aller Art aus dem 8./9. Jahrhundert bis ins 17. Jahrhundert, oft in arabischer Sprache, jedoch geschrieben in hebräischen Buchstaben (vereinfacht gesagt: in Judäo-Arabisch), die auch aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen erhalten geblieben sind. Es sind wertvolle Dokumente, die uns heute auch viel über das Zusammenleben der Religionsgemeinschaften in dieser Zeit sagen“, erklärt Nadja Aboulenein.
1 QSL = Qualität der Studienbedingungen und der Lehre
Ringvorlesung Semitische Sprachen
Wintersemester 2025/26, jeweils mittwochs von 16 bis 18 Uhr (c.t.) im Seminarhaus 2.104.
Die weiteren Termine im laufenden Semester:
– 17.12.25
– 14.1.26
– 21.1.26
– 28.1.26
– 4.2.26
– 11.2.26
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