„Frankfurt soll Charkiw, Lemberg oder Iwano-Frankiwsk als Partnerstadt bekommen!“, fordert Hanne Kulessa und erntete mit ihrer Forderung in ihrer Einführung erstaunten Applaus. Sie hat gemeinsam mit 30 Studierenden der Buch- und Medienpraxis die Veranstaltung „Bewegliche Territorien“ organisiert, bei denen vier führende ukrainische Schriftsteller im Mittelpunkt stehen.

Zuerst findet eine lange Lesenacht im Literaturhaus statt, bei der Juri Andruchowytsch, Tanja Maljartschuk, Jurko Prochasko und Serhij Zhadan aus ihren Werken lesen. Katharina Raabe, Lektorin beim Suhrkamp Verlag mit dem Schwerpunkt Osteuropa, moderiert die Lesung. Am darauffolgenden Abend diskutieren die vier Autoren, ergänzt durch die Politologin Inna Melnykovska (Justus-Liebig-Universität Gießen), über die politische und gesellschaftliche Lage der Ukraine unter der Moderation von Ruthard Stäblein am Campus Westend.

Verborgene Gewalt, die den Wertewandel nicht aufhalten kann

Die zahlreichen Gäste besuchen erst die Begleitausstellung, um daraufhin den Saal fast zum Bersten zu bringen. Im Casino kann man bereits früh das große Interesse des Publikums für die Stimmen der Autoren spüren, die sich selbst aktiv an den derzeitigen Protesten beteiligen. Der Andrang der Besucher ist nicht zuletzt auf die aktuelle Lage in der Ukraine zurückzuführen. Denn diese war noch nie so unsicher wie gerade. Die Geschehnisse des gesamten Landes scheinen sich zu einem Wertewandel hin zu bewegen. Wie es jedoch nach diesem Angelpunkt weiter gehen könnte, weiß niemand mit Sicherheit vorauszusehen. Auch die Schriftsteller haben unterschiedliche Wahrnehmungen und Beurteilung der Situation. Juri Andruchowytsch, der den Anfragen internationaler Medien kaum mehr nachkommen kann, beginnt die Podiumsdiskussion mit seinen Eindrücken. „Auch wenn sich die Lage an manchen Tagen scheinbar beruhigt, so gibt es immer noch Schwerverletzte und die verborgene Gewalt nimmt weiter zu.“ so Andruchowytsch. Er selbst habe seit Anfang Dezember festgestellt, dass er bespitzelt und sein Handy abgehört werde. Wichtige Telefonate mit bezeichnenden Personen kämen durch technische Störungen nicht zustande.

„Ich habe meinen eigenen Euromaidan.“

Tanja Maljartschuk bleibt von solchen Aspekten glücklicherweise weitestgehend verschont. Sie ist bereits vor drei Jahren nach Wien ausgewandert und unterstützt die Proteste von dort aus. „In Wien habe ich einen eigenen Euromaidan“, so Maljartschuk. Sie nennt viele Proteste, die über die ukrainischen Grenzen hinaus stattfinden und weist auf die wichtige Rolle solcher Solidaritätsbekundungen hin. „Es ist wesentlich, dass Druck von außen auf die derzeitige Regierung ausgeübt wird.“ Dem stimmt Inna Melynkowska zu. Sie stellt die Beobachtungen und Einschätzungen der Autoren in einen politikwissenschaftlichen Kontext. „Die Ukraine gehört zu den Ländern, in denen sich regelmäßig Fenster zur Demokratisierung öffnen.

Podiumsdiskussion mit ukrainischen Schriftstellern an der Goethe Universität

Podiumsdiskussion mit ukrainischen Schriftstellern an der Goethe Universität

Ob diese Zeitfenster genutzt werden, hängt dabei nicht nur von der Bevölkerung ab, sondern auch vom Westen und besonders der EU.“ Hier könne mit einer Positionierung der Agenda oder der Androhung von Sanktionen viel erreicht werden. Die Politologen seien jedoch zuversichtlich bezüglich der aktuellen Lage, da im Gegensatz zur Orangenen Revolution 2004 die Bevölkerung diesmal nicht hinter einem Politiker stünde, sondern sich ganz allgemein und grundlegend für demokratische Werte wie politische Freiheit, Recht  zu demonstrieren, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit einstehe. Darüber, dass sich die Menschen auf dem Maidan für grundlegende Ideale einsetzten und sonst sehr pluralistisch seien, sind sich die Schriftsteller einig.

Unterschiedliche politische Gruppierungen als „trennende Satzzeichen“

Jurko Prochasko erzählt, dass beispielsweise linke und nationalistische Gruppierungen gemeinsam auf dem Maidan aktiv seien. „Dort stellt niemand sein Parteiprogramm vor, denn demokratische Werte stehen jetzt im Vordergrund.“ Dabei vergleicht er die Vielfalt an politischen Gruppierungen mit „trennenden Satzzeichen“. Denn nur mit trennenden Satzzeichen sei ein Satz möglich. Tanja Maljartschuk ergänzt: „2004 wurde die Opposition vergöttert. Diesmal hingegen geht es nur um die Zivilgesellschaft, um das Volk.“ Inna Melnykovska unterstrich diese Aussagen mit Zahlen. Denn 70 Prozent der Menschen, die sich auf dem Maidan befinden, seien selbstständig zum Protest gekommen und nicht von Parteien aufgefordert worden. Sie hätten sich in ihrem früheren Leben gar als apolitisch bezeichnet. So stellen die aktuellen Demonstrationen einen Protest der Zivilbevölkerung dar.

Engagement schafft Resonanz

Die Fragen des Publikums scheinen schier nicht abreißen zu wollen. Am Ende des Abends sind die Schriftsteller sehr zufrieden mit der Veranstaltung. Erstaunt zeigen sie sich darüber, wie sehr sich die deutsche Gesellschaft für die Ukraine interessiert. Serhij Zhadan freut sich über die zahlreichen, gut informierten und sehr engagierten Besucher: „Jede Geste hat eine Resonanz in der Ukraine.“ So sei er optimistisch für die Zukunft, auch wenn die ukrainischen Bürger noch eine schwere Zeit erwarte. [Autorin: Tamara Marszalkowski]