Studentische Ausstellung zeigt faszinierende Fragmente aus dem Mittelalter

Kunstgeschichte und Geschichte (fast) zum Anfassen haben Studierende der Goethe-Universität in einem interdisziplinären Projektseminar erlebt: Im Fokus stand eine Sammlung von mittelalterlichen und einigen neuzeitlichen Handschriftenfragmenten, die im Museum Eschborn gezeigt werden sollten. Die Studierenden konzipierten die Ausstellung nebst Katalog und Online-Vertiefung.

Bei einer Exkursion ins Museum Eschborn sammelten die Studierenden praktische Erfahrungen und lernten, wie eine Ausstellung konzipiert wird. © Steckel
Bei einer Exkursion ins Museum Eschborn sammelten die Studierenden praktische Erfahrungen und lernten, wie eine Ausstellung konzipiert wird. © Steckel

Für Emma Vier, Kaya Walter und Isabell Schumann steht fest: Das interdisziplinäre Projektseminar „Mittelalterliche Texte und Bilder aus der Sammlung Hanny Franke“ war eine sehr besondere Station in ihrem Studienverlauf. Dass man sich nicht nur theoretisch mit Objekten befasst und über sie lernt, sondern sie selbst in die Hand nehmen und untersuchen kann, das kommt selten vor im Studium. „Dieses praktische Arbeiten hat mir viel Spaß gemacht“, sagt Kaya Walter. Wenn sie im Katalog blättert mit all den studentischen Beiträgen, dann ist sie richtig stolz auf das Geleistete.

Aus studentischer Sicht kann man es sicher als Glücksfall bezeichnen, dass sich der Leiter des Museums Eschborn, Dr. Peter Lingens, an die Frankfurter Universitätsbibliothek wandte mit seinem ganz speziellen Anliegen: Er wollte die Sammlung Hanny Franke der Öffentlichkeit zugänglich machen und bat um fachliche und tatkräftige Unterstützung. Die Bibliothek verwies an die Wissenschaft. Kunsthistorikerin Prof. Kristin Böse hatte gleich viel Sympathie für den Gedanken, die Studierenden mit einzubeziehen und entwickelte gemeinsam mit ihrer Kollegin aus der Geschichtswissenschaft Prof. Sita Steckel ein Konzept für das gemeinsame Seminar.

Hanny Franke und seine „Kunstsammlung“

Schon 1991 hatte die Stadt Eschborn den künstlerischen Nachlass und die Kunstsammlung des im Frankfurter Raum bekannten Landschaftsmalers Hanny Franke (1890–1973) erhalten. Wobei der Begriff „Kunstsammlung“ sehr umfassend zu verstehen ist: Enthalten sind Antikes und Archäologisches, Skulpturen, Zeichnungen und Gemälde aus unterschiedlichen Epochen, Objekte aus dem Umfeld von Hildegard von Bingen, aber eben auch mittelalterliche Buchmalerei und Handschriftenfragmente. Gleich nach Erhalt wanderte die Sammlung erst einmal ins Depot. Von dort soll sie nun nach und nach ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden.

Hinsichtlich der Buchkunst gab es allerdings einen gewissen Handlungsdruck: Die Illuminationen – so nennt man die mittelalterliche Buchmalerei – und Fragmente befanden sich in säurehaltigen Passepartouts und mussten restauriert werden, bevor größerer Schaden entsteht. Die frisch hergerichteten Objekte sollten nun gezeigt werden, 41 an der Zahl. Bei Kristin Böse und Sita Steckel fand man nicht nur die notwendige Expertise, sondern auch die Bereitschaft, die Aufgabe anzunehmen.

Genauso engagiert waren 25 Studierende der Kunstgeschichte bzw. Geschichte, die sich für die Sache begeistern ließen und jeweils ein Objekt bearbeiteten. Exkursionen nach Eschborn zu den Originalen und nach Mainz halfen, sich dem Thema fachlich anzunähern, ebenso der Besuch einer Handschriftenausstellung im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst. Von Dr. Christoph Winterer von der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek in Mainz lernten die Studierenden viel für die Erarbeitung und Erschließung der einzelnen Exponate. Die Erschließung und Beschreibung der verbleibenden 16 Objekte übernahmen Janne de Loop aus Mainz und Oleksandr Ohkrimenko aus Birmingham.

Bis auf eine Ausnahme – ein Stundenbuch aus Frankreich aus dem späten 14. Jahrhundert – handelt es sich durchwegs um Fragmente, meist einzelne Seiten aus Handschriften oder Frühdrucken. Hanny Franke wählte die Pergamentseiten offenbar nach künstlerischen Kriterien aus und stellte sie teilweise in seiner Wohnung aus. Wegen der aufwendigen Buchmalerei rahmte er die Blätter nicht selten mit der Rückseite als Ansichtsseite, da sich dort die kostbare Buchmalerei befand. Meist handelte es sich um Gebetstexte und geistliche Musik, worin Frankes eigene religiöse Verankerung deutlich wird. Die Studierenden hatten das Gefühl, allmählich auch die Persönlichkeit des Sammlers kennenzulernen.

Unter den Fragmenten sind nicht nur Einzelseiten, zum Teil sind aus den Blättern auch nur Schmuckinitialen ausgeschnitten. Isabell Schumann hatte ein mit 6,5 x 6,4 Zentimetern besonders kleines Objekt zu bearbeiten. „VESPRES“ steht in Versalien unter einem Bild, das eine Mutter mit Kleinkind und drei weitere Personen zeigt und – als eines der späten Fragmente der Sammlung – aus dem 17. Jahrhundert stammt. Den Text auf der Rückseite konnte Schumann einer Bibelstelle zuordnen, die auf ein Stundenbuch hinwies. Handelt es sich jedoch um einen Druck oder um eine Handschrift? Welche Art von Farbpigmenten wurden verwendet? Auch solche Fragen galt es zu klären. Akribisch wurden die Informationen zusammengetragen und in den Katalogtext eingearbeitet. Eine virtuelle Version der Eschborner Ausstellung, die auch solche Zusammenhänge der mittelalterlichen Buchkultur und Sammlungsgeschichte erläutert, ist dauerhaft im Internet zu finden unter https://tinte-und-gold.de.

Geheimnis einer Streichholzschachtel

Dort findet sich auch die Beschreibung eines Kuriosums: Eine mit Pergamentfragmenten beklebte Streichholzschachtel, die offenbar vom Sammler selbst benutzt wurde. Teile aus unterschiedlichen mittelalterlichen Büchern wurden für dieses Artefakt zerschnitten und auf den Karton geklebt. Ob Hanny Franke selbst dieses Objekt erstellt hat? Sicher geht man heute mit alten Textüberlieferungen nicht mehr auf diese Weise um. Auch das Heraustrennen von Einzelseiten gilt nicht nur unter Fachleuten als verpönt.

Die Ausstellung könnte jedoch auch den Anfang einer zumindest digitalen Wiedervereinigung der Handschriften einleiten: Parallel zur Arbeit für den Katalog werden die Fragmente auch in das digitale Archiv „Museum Digital“ und in die wissenschaftliche Datenbank „Fragmentarium“ eingegeben, die weltweit von Experten bearbeitet wird. „Die Arbeit unserer Studierenden wird so ganz direkt für das momentan florierende Forschungsfeld der digitalen Fragmentforschung sichtbar“, so Prof. Sita Steckel. Doch auch die Lehre der beteiligten Fächer der Geschichte und Kunstgeschichte profitiert: „Der erhöhte Betreuungsaufwand hat sich wirklich gelohnt. Eigentlich ist das die ideale Form von Lehre“, sagt Prof. Kristin Böse.

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