Die einen bezeichnen ihn als „faul“, die anderen halten ihn für »eine der größten Erfindungen der Menschheit«: Die Rede ist vom Kompromiss. Der Forschungsverbund »Democratic Vistas« widmete ihm 2023 eine Tagung. Nun stellte das Forschungskolleg Humanwissenschaften den Forschungsband „Der Kompromiss – Eine demokratische Lebensform“ vor.

Auf der Skala zwischen strikter Ablehnung und reflektierter Zustimmung war sich das Podium nahezu einig: Vier der fünf anwesenden (von insgesamt zehn) Autorinnen und Autoren des Buchs befürworten den Kompromiss laut Untertitel als „eine demokratische Lebensform“; will heißen: Die Autoren, die überwiegend an der Goethe-Universität forschen und lehren, halten den Kompromiss für eines DER zentralen Instrumente der Demokratie zur Konfliktregelung. Keine pluralistische Demokratie ohne Konflikte, keine demokratische Konfliktregelung ohne Kompromiss, erklärte der Münsteraner Politikwissenschaftler Ulrich Willems in seinem Eingangsstatement im gut besetzten Saal des Forschungskollegs Humanwissenschaften. Analog zu John Deweys Gedanken der „Demokratie als Lebensform“ liefere der Konflikt pragmatische Instrumente, um in zunehmend polarisierten Gesellschaften Spannungen universell, flexibel und risikoarm zu mindern. Denn wo kein Kompromiss, so Willems, würden Konflikte entweder per Dekret autoritär entschieden, oder sie provozierten eine gewaltsame Lösung zugunsten eines der Konfliktpartner (Greta Wagner wird im Verlauf des Abends eine Variante hinzufügen: Konflikte können zum Vorteil aller Konfliktpartner auch „vergessen“ werden). Gute Gründe also, so Willems, das bislang kaum erforschte „Kompromiss-Paradox“ in den Sozialwissenschaften einmal systematisch zu erkunden, dass nämlich „eine der größten Erfindungen der Menschheit“ (Georg Simmel) zugleich einen schlechten Ruf habe.
Im Kompromiss gehen Positionen nicht verloren
Der nun veröffentlichte Band spiegelt die Diskussionskultur der Tagung aus dem Jahr 2023 wider – „auf Beiträge folgen jeweils Repliken, die zuvor geäußerte Thesen kritisch kommentieren, anders gewichten bzw. ergänzen. So wies die Konfliktforscherin Nicole Deitelhoff im Anschluss an Willems’ Abriss einer Geschichte des Kompromisses auf zwei Merkmale hin: die Vorläufigkeit und die Bedingtheit des Kompromisses von Institutionen und Regeln. Die vermeintliche Schwäche des Kompromisses, Konflikte nur für eine bestimmte Zeit zu „befrieden“, deutet Deitelhoff als Stärke: Die Vorläufigkeit mache oft eine Beilegung des Konflikts erst möglich. Anders als der Konsens führe der Kompromiss zudem nicht dazu, dass Positionen aufgegeben würden; vielmehr würden Teile von Standpunkten in den Kompromiss integriert – wenn auch je nach Machtverhältnissen oft ungleich gewichtet –, während andere Positionen außerhalb des Kompromisses bestehen blieben und wieder ins Spiel gebracht werden könnten. Zudem, so die Politikwissenschaftlerin, werde der Kompromiss oft von ritualisierten Bedingungen stärkend flankiert – wie etwa im Tarifstreit mit klar definierten Abläufen des Prozesses. Allerdings, auch darauf weist Deitelhoff hin, könnten auch diese Regeln wieder selbst Gegenstand des Kompromisses werden.
Die Position des Außenseiters auf dem Podium nahm Darrel Moellendorf ein („ich freue mich!“), indem er für das gesellschaftliche Konfliktthema „Ausstieg aus fossilen Energieträgern“ leidenschaftlich für Kompromisslosigkeit plädierte. Es gebe Themen, die eine „kompromisslose Haltung für die Dringlichkeit des Jetzt“ erforderten, postulierte der Politikwissenschaftler und Philosoph und holte sich dazu als Gewährsmann Martin Luther King mit seinem Eintreten für ein sofortiges Ende des Vietnamkriegs an die Seite. Moellendorf führte zahlreiche Gründe an, warum beim Ausstieg aus fossilen Brennstoffen kein Kompromiss (mehr) geboten sei. Allerdings musste er sich von Kollegen und Publikum die Frage vorhalten lassen, ob der Weg zum CO2-Ausstieg nicht über Kompromisse ausgehandelt werden müsse. Und sei nicht bereits das Ausstiegsziel 2035 das Ergebnis von Kompromissen?
Kompromiss versus Deal
Moellendorfs kontrovers diskutierte Position machte indes auf zwei Schwächen des Kompromisses aufmerksam, die auch in anderen Beiträgen des Tagungsbands behandelt wurden: Wenn Kompromisse halbherzig geschlossen, erzwungen oder allzu schnell wieder infrage gestellt und bislang stabilisierende Regeln nicht mehr ernst genommen werden, dann wird der Kompromiss zum verächtlich angesehenen Deal. Auch mit der Überlegung, dass es geeignete und weniger geeignete Themen für Kompromisse gebe, manche Konfliktthemen möglicherweise also „unteilbar“ seien, setzen sich andere Autoren auseinander. Thomas Biebricher etwa weist darauf hin, dass es zwar politische Akteure gebe, „denen systematisch daran gelegen ist, den Kompromiss zu desavouieren“, ihn in den „Ruch der Rückratlosigkeit und des Ausverkaufs von Interessen und Positionen“ bringen, um dann „durchregieren“ zu können. Dennoch könne die Kultur des Kompromisses in pluralistischen Demokratien nur dann klug verteidigt werden, wenn auch ihre Schwächen ernst genommen würden: dass es eben durchaus faule Kompromisse auf Kosten Dritter oder eines der Konfliktpartner gebe.
Erkenntnisprozess als Kompromissbildung?
Dem Illustrationsfeld „Klimawandel“ fügte Greta Wagner ein weiteres hinzu: Sie schilderte aus ihrer Langzeituntersuchung in einem rheinhessischen Dorf, wie ein Kompromiss einen größeren Konflikt zwischen Flüchtlingen und Dorfbewohnern verhindert habe und welche Rolle Ehrenamtliche als sogenannte „Kompromissagenten“ dabei spielten.
Die beiden letzten Beiträge des Tagungsbands beleuchten schließlich ein neues Feld der Kompromissbildung: In ihnen geht es um die Frage, wie Kompromisse sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse auswirken bzw. ob diese sich nicht ähnlich pragmatischen Prozessen auch über Kompromissbildung entwickeln können. Alenka Ambroz etwa deutet mit Bezug auf Walther Benjamin den Kompromiss als „Übersetzung“, als Verhandlung zwischen Denkstilen und Sprachen.
Mit ihrem Talent für griffige Formulierungen fasste Nicole Deitelhoff die Ambivalenz der Diskussion durchaus seufzend zusammen: Wie angreifbar und schwach Kompromisse in einer pluralistischen Gesellschaft sein können, die von ungleichen Machtverhältnissen geprägt, polarisiert und zunehmend ohne die stützende Kraft anerkannter Institutionen ist; und wie absolut notwendig eine Kompromisskultur als „demokratische Lebensform“ zugleich ist: Demokratie“, sagte sie, „ist die ätzendste schöne Sache, die es gibt.“ Warum das so ist, ist unter anderem in diesem Band nachzulesen.
Info
Der Kompromiss. Eine demokratische Lebensform hrsg. von Gunter Hellmann, transcript Verlag, 2025 (erschienen in der Reihe „Democratic Vistas: Reflections on the Atlantic World“ am Forschungskolleg Humanwissenschaften).










