Fotos: Dettmar

Bei der Akademischen Feier der Vereinigung der Freunde und Förderer der Goethe-Universität sind heute neun junge Forscherinnen und Forscher aus den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie aus den Naturwissenschaften und der Medizin ausgezeichnet worden. Die vergebenen Preise waren insgesamt mit mehr als 40.000 Euro dotiert.

Prof. Wilhelm Bender, Vorsitzender der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität, und Universitätspräsidentin Prof. Dr. Birgitta Wolff überreichten die Auszeichnungen für herausragende Abschlussarbeiten und Dissertationen sowie zur Förderung von Forschungsvorhaben. Universitätspräsidentin Wolff sagte: „Das Engagement unserer Freunde für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fördert Lehre und Forschung. Die neun Wissenschaftspreise helfen beim Start in eine wissenschaftliche Karriere. Jeder Preis steht für eine außergewöhnliche wissenschaftliche Leistung. Und in der fachlichen Breite bilden die Auszeichnungen das Spektrum der Universität ab.“

Der Vorstandsvorsitzende der Freundesvereinigung Bender betonte die einzigartige Stiftertradition der Goethe-Universität und „die Summe des Engagements einzelner Bürgerinnen und Bürger“. So sicherte der Stifter Claus Wisser in diesem Jahr zum zehnten Mal die Prämierung der besten sozial- und geisteswissenschaftlichen Dissertation und verdoppelte aus Anlass des kleinen Jubiläums das Preisgeld auf 10.000 Euro. Bereits zum 45. Mal wurde der P&G-Nachhaltigkeitspreis ausgelobt. Mit dem Preis unterstützt Procter & Gamble, das eines seiner weltweit größten Forschungszentren in Schwalbach am Taunus hat, seit 1972 junge Talente, die sich für den Schutz der Umwelt und nachhaltiges Wirtschaften einsetzen.

Preisträgerinnen und Preisträger und ihre Arbeiten

Vanessa Eileen Thompson erhielt den mit 10.000 Euro dotierten WISAG-Preis für die beste geistes- oder sozialwissenschaftliche Dissertation. Der Stifter Claus Wisser will mit diesem Preis insbesondere wissenschaftliche Arbeiten zu den Themen „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ und „soziale Gerechtigkeit“ zu fördern. Thompsons englischsprachige Arbeit „Solidarities in Black. Anti-Black Racism and the Struggle beyond Recognition in Paris“ wurde in diesem Jahr ausgewählt. Die Preisträgerin hat zunächst ihr Magister-Studium in Philosophie mit Nebenfach Kulturanthropologie an der Goethe-Universität abgeschlossen und promoviert in Soziologie. In ihrer ausgezeichneten Arbeit untersuchte Thompson die Wirkweisen von Rassismus in den Pariser Vorstädten – und zwar vor dem Hintergrund des republikanischen Universalismus mit seinen Werten von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“. Dabei hat sie mit einer postkolonial-feministisch inspirierten Feldforschung die sozialen und politischen Formationen von schwarzen Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus den deprivilegierten Vorstädten analysiert und sich ihre solidarischen Praxen genauer angeschaut.

In ihrer Analyse bezieht sie sich auf Axel Honneths Theorie der Anerkennung und seine „moralische Grammatik sozialer Konflikte“, aber auch auf Frantz Fanon, einen Vordenker der Postcolonial Studies“. Von ihm stammt der Satz: „Wir [Schwarzen] weigern uns, Außenseiter zu sein, wir nehmen voll und ganz teil am Schicksal Frankreichs.“ Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Pariser Banlieues sind in ihrem Kampf um soziale Gerechtigkeit inzwischen weiter. „Denn dieser Kampf geht sowohl über Anerkennung als auch über Identitätspolitiken hinaus“, erläutert Thompson. Das öffentliche Statement der jungen Generation: „Ich bin schwarz, weil ich dazu von der Gesellschaft gemacht werde!“ Bei ihrer Feldforschung hat Thompson beobachtet, wie viele dieser Gruppen aus den deprivilegierten Vorstädten Räume einfordern, sich spontan zu Protestaktionen zusammenfinden, sich aber auch gegenseitig im Alltag unterstützen und auf die Möglichkeiten von Solidarität jenseits von kollektiven Identitäten einerseits und abstrakten Universalismen andererseits verweisen. Thompson setzt sich auch kritisch mit dem öffentlichen Bild der kleinkriminellen Banden und dem institutionellen Rassismus, insbesondere bei der Polizei, auseinander.

Der mit 10.000 Euro dotierte Preis der Vereinigung der Freunde und Förderer der Goethe-Universität für den naturwissenschaftlichen Nachwuchs ging in diesem Jahr an die Geologin Dr. Katharina Methner. Schon 1969 sahen die Freunde der Goethe-Universität, dass es wichtig ist, Nachwuchswissenschaftler gezielt zu fördern, und stifteten diesen Preis. In ihrer ausgezeichneten Dissertation hat Methner sich mit der Rekonstruktion von Klima und Topographie der westlichen USA im Eozän beschäftigt. Dazu nutzte sie Karbonatknollen, sie sind echte Klimaarchive, weil sie Informationen zu Temperatur und Niederschlag über Jahrmillionen speichern. Für circa 85 Prozent aller klimabezogenen Naturkatastrophen ist heutzutage die Verteilung des Niederschlags verantwortlich. Doch wer die langfristigen Wechselwirkungen zwischen Temperatur, Niederschlag und Atmosphärenzirkulation verstehen will, sollte sich anschauen, wie diese vor Jahrmillionen ablief.

Diese Einblicke liefern die Karbonatknollen, die die Nachwuchswissenschaftlerin nach gründlichen Literaturrecherchen im Nordwesten der USA gesammelt hat und dann im Isotopenlabor auf dem naturwissenschaftlichen Campus Riedberg analysiert hat – und zwar nach der „Clumped-Isotope“-Thermometrie, die unter Leitung von Prof. Dr. Jens Fiebig am Fachbereich Geowissenschaften etabliert worden ist und inzwischen in vielen Bereichen der Paläoklimaforschung angewandt wird. Die 32-jährige Preisträgerin, die zunächst in Hannover und Bern Geowissenschaften studiert hat und wurde dann in Frankfurt promoviert, konnte auf diesem Weg herausfinden, dass in dieser Region Amerikas im mittleren Eozän – also vor etwa 40 Millionen Jahren – deutliche Klimaschwankungen zwischen -11 Grad und +9 Grad Celsius gab. „Vieles deutet darauf hin, dass Warmzeiten auch Feuchtzeiten sind und es in Nordamerika nicht nur wärmer, sondern – vermutlich saisonal – auch feuchter wurde“, so Methner. Als Post-Doc arbeitet sie am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum; in diesem Jahr erhielt sie bereits den Wolfgang-Strutz-Promotionspreis der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, der ebenfalls mit 10.000 Euro dotiert ist.

Die Benvenuto Cellini-Gesellschaft, der Verein der Freunde und Förderer des Kunstgeschichtlichen Instituts der Goethe-Universität, zeichnete in diesem Jahr Anselm Rau mit dem Benvenuto Cellini-Preis aus, der mit 5.000 Euro dotiert ist.

Anselm Rau studierte an der Goethe-Universität Kunstgeschichte, Katholische Theologie und Psychoanalyse. Seine Dissertation mit dem Thema „Imagination und Emotion. Bildstruktur und Emotionalisierungsstrategien in der monastischen Meditation und das ‚Modell Franziskus’“ fragt nach der Funktionsweise des hoch- und spätmittelalterlichen Bildes für den Betrachter in Gebet und Meditation. Dabei interessiert Rau die selbstreflexive Wirkung von Gebet und Meditation und die darin bewusst angelegte Steuerung von Emotionen/Affekten. Denn diese sind – so der Theologe Hugo von St. Viktor im 12. Jahrhundert – Kraft bzw. Motor des Gebets selbst. Gezielt entwickelte Bildschemata, gleich Bildchiffren, dienten als memorierbare Anleitung zu Meditations- und Gebetsabfolgen. Raus Auseinandersetzung ist Grundlage für eine Neubewertung der Bilder von Franziskus, dem neuen Ausnahme-Heiligen des 13. Jahrhunderts. Der Kunsthistoriker führte den Nachweis, dass das in den Mittelpunkt von Bild und Legende dieses Heiligen gestellte Wunder der Stigmatisation bewusst aus der Tradition affektsteuernder Meditationsschemata entwickelt wurde. Um eine Stilisierung des Heiligen zu einem zweiten Christus zu umgehen, wurde eine Visionsszene erfunden, die als Meditationsbild zu lesen ist: Im Nachgang der Engelserscheinung eines sechsflügeligen Seraphim, ein Bildschema zur Bußmeditation, erscheint der Körper des Heiligen mit den fünf Wundmalen (Christi) stigmatisiert. Die Entschlüsselung des „Modells“ Franziskus als Chiffre, um die liturgische Handlung emotionsgesteuert nachzuvollziehen, klärt die „Lesbarkeit“ und Entwicklung der frühen Bilder dieses Heiligen, und sie schließt eine Lücke zum Verständnis spätmittelalterlicher Passionsbetrachtung.

Der mit 5.000 Euro ausgestattete Frankfurter Forschungspreis der Rudolf Geißendörfer-Stiftung, mit dem jährlich der wissenschaftliche Nachwuchs in der Chirurgie und in chirurgischen Fächern bedacht wird, geht in diesem Jahr an Dr. Jonas Lorenz, Facharzt für Oralchirurgie und Leiter des implantatchirurgischen Schwerpunkts an der Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie des Frankfurter Universitätsklinikums. Dr. Lorenz wird das Preisgeld nutzen, um in der Suche nach Knochenersatzmaterial voranzukommen, das bessere regenerative Fähigkeiten besitzt. Denn häufig – insbesondere bei älteren Patienten und Patienten, die an einer Tumorerkrankung im Kopf-Hals-Bereich leiden – wird der Einsatz eines Zahnimplantats dadurch erschwert, dass die Knochensubstanz an diesen Stellen bereits reduziert ist. In manchen Fällen wird die verlorene Knochensubstanz durch eine körpereigene Knochenspende ersetzt, was allerdings für Patienten belastend und mit Komplikationen verbunden sein kann. Da könnte es eine echte Alternative sein, Knochenersatzmaterialien zu verwenden. Das Material muss aber gewerbefreundlich sein und die Knochenbildung fördern.

Das Frankfurter Team um Dr. Lorenz hat bereits vielversprechende Untersuchungen in vitro durchgeführt. So konnten sie durch Zentrifugation von körpereigenem Blut wichtige Mediatoren der Wundheilung und Geweberegeneration isolieren. Als „peripher-venöses Fibrinkonzentrat“ (PRF) steht es nun zur Verfügung und könnte mit einem Knochenersatzmaterial tierischen Ursprungs kombiniert werden. Bisherige Untersuchungen im Rahmen von präklinischen Studien und ersten Pilotstudien mit Patienten zeigten bereits vielversprechende Ergebnisse: So konnte u.a. die Belastung der Patienten – auch durch kürzere Behandlungsdauer – deutlich reduziert werden. Mit Hilfe des Forschungspreises der Rudolf Geißendörfer-Stiftung scheint es möglich, die Anwendung von PRF als Routinebehandlung in der Klinik zu etablieren und deren positiven Effekt wissenschaftlich zu belegen.

Die beiden Archäologen Ruben Wehrheim und Dr. Michael Würz erhielten den Mediterran-Preis, der mit insgesamt 7.000 Euro dotiert ist. Dieser jährlich vergebene Preis wurde von einer Gönnerin der Goethe-Universität für das Fach Archäologie gestiftet – und wird für zwei herausragende Arbeiten auf dem Gebiet der klassischen und der vorderasiatischen Archäologie vergeben.

Ruben Wehrheim entwickelte aus seinem Studium der Klassischen Archäologie und der Vor- und Frühgeschichte eine interkulturelle Fragestellung. In seiner Magisterarbeit beschäftigte er sich mit der Bedeutung griechischer Keramik des 6./5. Jahrhunderts v. Chr., die in ausgewählten keltischen Fürstensitzen gefunden wurde. Kann allein das Auftreten attischen Trinkgeschirrs als Indiz dafür gewertet werden, dass die keltischen Eliten das gemeinsame und gesellige Trinken von den Griechen übernommen haben? Dieses sogenannte „Symposion“ war im griechischen Kulturkreis klar strukturiert und gesellschaftspolitisch wichtig. Wehrheim erteilt der weithin akzeptierten Annahme, dass die Kelten das „Symposion“ adaptiert haben eine überzeugende Absage. So weist er beispielsweise nach, dass keine der notwendigen Voraussetzungen gegeben sind, wie die Präsenz von Geschirrsets, um ein Symposion zu veranstalten. Wehrheim stellt darüber hinaus klar, dass die Kelten sich selbst als gleichwertige Hochkultur verstanden, die nicht auf andere Einflüsse angewiesen waren.

Dr. Michael Würz hat von 1999 bis 2011 im nordsyrischen Fundort Kharab Sayyar geforscht und gehörte zu dem Frankfurter Grabungsteam von Prof. Jan-Waalke Meyer. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit Voraussetzungen, Elementen und Mechanismen der Urbanisierung in diesen Steppengebieten während der früh-islamischen Epoche im 8. bis10. Jahrhundert n. Chr. Er interessierte sich beispielsweise für die Existenzgrundlagen der in der Steppe gelegenen Stadt wie deren Wasserversorgung, Agrarwirtschaft und Handel. So konnte Würz u.a. durch die Nutzung moderner archäologischer Methoden feststellen, dass zwei unabhängige, auf Niederschlag und Grundwasser basierende Systeme der Wasserversorgung existierten: ein öffentliches, mit Speichern, Brunnen und Leitungen, das Moschee, Bad und Bazar bediente, und das autarke für die Wohnhäuser.

Fragen antiker Landwirtschaft hat der Archäologe, der zurzeit als Lehrbeauftragter am Institut für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität tätig ist, mit Erkenntnissen aus der heutigen Zeit und historischen Quellen verglichen. Einen weiteren Schwerpunkt seiner Dissertation bildete die Untersuchung der städtischen Form und ihrer Veränderungsprozesse. Dabei zeigt Würz, wie sich eine unbefestigte Siedlung unter dem Einfluss des abbasidischen Kalifates in Samarra zu einem ökonomischen und administrativen Lokalzentrum und Fernhandelspunkt wandelte – aber auch wie die Schwächung der Abbasiden zum unaufhaltsamen Niedergang der gesamten Region und somit der Stadt führte.

Die beiden Biologinnen Bianca König und Sina Ostermann erhalten den P&G-Nachhaltigkeitspreis, der mit jeweils 1.500 Euro Preisgeld verbunden ist. Procter & Gamble fördert junge Talente in Wissenschaft und Forschung seit 45 Jahren, bereits damals war Nachhaltigkeit ein wichtiges Unternehmensziel. Eines der größten Forschungszentren weltweit hat Procter & Gamble im Norden Frankfurt, „so profitieren auch wir vom engen Austausch mit der Goethe-Universität“, sagt Gabi Hässig, Geschäftsführerin Kommunikation und Nachhaltigkeit Procter & Gamble in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Die Biologin Bianca König untersuchte in ihrer prämierten Masterarbeit bakterielle Exoenzym-Aktivität, um damit die Selbstreinigungskraft der Wasserläufe im Einzugsgebiet der Nidda zu bewerten. Wie hoch der Bedarf an zusätzlichen Verfahren ist, mit denen nicht nur die Verbesserung des Gewässerzustands zeitnah erfasst werden kann, sondern die idealerweise auch wichtige Funktionen des Ökosystems abbilden, zeigt diese Tatsache: 90 Prozent der Bäche und Flüsse in Deutschland erreichen nicht den von der EU-Wasserrahmenrichtlinie geforderten guten ökologischen Zustand. Immer noch belasten Stoffe aus Landwirtschaft, Industrie und kommunalen Kläranlagen die Gewässer. Die Preisträgerin entwickelte einen Biotest, mit dem der Stoffumsatz durch bakterielle Exoenzyme in Wasser- und Abwasserproben erfasst werden kann. Dieser Stoffumsatz ist Grundlage der Selbstreinigungsleistung von Gewässern. Für das Einzugsgebiet der Nidda in Hessen konnte König zeigen, dass der bakterielle Stoffumsatz vor allem durch Abwassereinleitungen mit den darin gelösten Spurenstoffen reduziert und damit das Selbstreinigungspotential im Gewässer gehemmt wurde.

Sina Ostermann, ebenfalls vom Fachbereich Biowissenschaften, beschäftigte sich in ihrer Masterarbeit damit, wie Wasserproben gelagert und aufbereitet werden müssen, um sie auf endokrine Disruptoren aus Kläranlagen und Oberflächengewässern untersuchen zu können. Zwar werden in konventionellen Kläranlagen zahlreiche Substanzen abgebaut oder durch Bindung an den Belebtschlamm aus dem Abwasser entfernt, Spurenstoffe werden jedoch nur unzureichend eliminiert. Unter den Spurenstoffen sind hormonähnlich wirkende Substanzen, sogenannte endokrine Disruptoren, von besonderer Bedeutung, weil sie bereits bei sehr niedrigen Konzentrationen Organismen schädigen können und in wirksamen Konzentrationsbereichen in abwasserbeeinflussten Bächen und Flüssen auftreten. Die Biologin hat in ihrer Arbeit klare Empfehlungen für die Behandlung und Bewertung der Proben aufgestellt, die insbesondere für die Überwachungs- und Bewertungspraxis sehr hilfreich sind.

Zur Erinnerung an den Anwalt Werner Pünder, der in der Zeit des Nationalsozialismus öffentlich für Recht und Gerechtigkeit eintrat, stiftete die internationale Sozietät Clifford Chance 1987 den mit 5.000 Euro dotierten Werner Pünder-Preis. Die in Istanbul geborene Diplom-Politologin und promovierte Erziehungswissenschaftlerin Dr. Zeynep Ece Kaya erhält in diesem Jahr den Preis für ihre herausragende Arbeit zum Themenkreis „Freiheit und Totalitarismus“.

Die Wissenschaftlerin hat sich in ihrer Dissertation angeschaut, wie während der Nazi-Zeit in „kolonialpädagogischen“ Schriften (wie „Die Kolonialpädagogik der großen Mächte“, H.T. Becker, Hamburg 1939) die Rückgewinnung der ehemaligen Kolonien propagiert und Kolonialverbrechen wie der Völkermord an Herero und Nama als „gelegentliche Missgriffe“ verharmlost und verleugnet wurde. In Übereinstimmung mit der Nazi-Ideologie wurde eine rassistisch-nationalistische, „volkstumserhaltende“ Theorie der Kolonialerziehung entworfen. Sie behauptete, dass „Afrika als Vorfeld nur und unbedingt zu Europa [gehöre]“, aber dass „Dem deutschen Menschen das Erziehertum an fremden Rassen und Völkern tiefer im Blute […] als den Angehörigen anderer kolonisierender Nationen“ liege. Nur die deutschen Kolonialherren seien in der Lage, den „tüchtigen Vollafrikaner“ zu erziehen – im Gegensatz zum „Guten Afrikaner“ oder „Schwarzen Franzosen“. Die französische und englische Kolonialpolitik sei „Verrat der weißen Rasse“ und „Doppelzüngigkeit“.

Den Erziehungsplänen der NS-Kolonialpädagogik wurde eine kolonialistische „Erziehung zur Arbeit“ zugrunde gelegt. Dabei wurde den angeblich „nicht leistungsfähigen“ afrikanischen Bevölkerungen auch intellektuelle Bildung verweigert, da sie diese „für angenehme Schreiberstellungen“ ausnutzen und eine Gefahr für die „weiße Vorherrschaft“ darstellen würden.