Atmosphärenforscher Prof. Joachim Curtius vom Fachbereich Geowissenschaften / Geographie der Goethe-Universität (Foto: Dettmar)

Joachim Curtius ist seit 2007 Professor für experimentelle Atmosphärenforschung an der Goethe-Universität. Der renommierte Forscher zählt zu den meistzitierten Wissenschaftlern der Goethe-Universität. 2017 wurde er zum „Scientist of the year“ gewählt. Für „Goethe-Uni online“ kommentiert er das am 8. August erschienene Gutachten des Weltklimarates (IPCC).  

Der Weltklimarat in Genf hat mit der geballten Kompetenz von weltweit 107 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern einen dringenden Appell an die globale Politik und Gesellschaft gerichtet, auf eine Veränderung des Lebensstils insbesondere in den Industriestaaten hinzuwirken. In der Analyse spielt die dramatische Steigerung der globalen Temperaturen eine entscheidende Rolle. Welche Konsequenzen lesen Sie als Atmosphärenforscher aus dem Gutachten heraus?

Prof. Joachim Curtius: Der neue Bericht des IPCC befasst sich speziell mit den Wechselwirkungen des Klimawandels mit der Landoberfläche, also vor allem den Wäldern und den landwirtschaftlich genutzten Flächen. Ein wichtiger Aspekt ist die Rolle der Moore. Moore, die vom Menschen trockengelegt wurden, geben über lange Zeiten enorme Mengen an COan die Atmosphäre ab, für Deutschland sind das fast fünf Prozent der Gesamtemissionen. Durch Stopp des Torfabbaus, Wiedervernässung der trockengelegten Flächen und Renaturierung könnten diese Emissionen vermieden werden, und auch für die Verbesserung der Biodiversität könnte damit viel erreicht werden. 
Der zweite Punkt in diesem Bericht ist, dass die Landwirtschaft auf der einen Seite erheblicher Verursacher von Klimawandel ist, aber auch durch Klimawandel massiv geschädigt wird. Einerseits stammt insgesamt etwa ein Viertel der globalen Treibhausgasemissionen aus der Land- und Forstwirtschaft, gerade die nicht-CO2-Treibhausgase wie Methan – durch Rinder und Reisanbau – oder Lachgas – durch Düngemittel – stammen hauptsächlich aus der Landwirtschaft. Andererseits werden sich zunehmende Hitzewellen, Dürren und Starkregen und viele weitere Faktoren des Klimawandels massiv auf die landwirtschaftlichen Erträge auswirken. 

Und wie sieht es mit den Wäldern aus? 

Es wird sehr schwer und teuer, den Wald bei uns in den kommenden hundert Jahren an die sich durch Klimawandel schnell verändernden Gegebenheiten anzupassen: Die großen Schäden durch Trockenheit und Borkenkäferbefall, die wir derzeit beobachten, machen diese Problematik überdeutlich. Das noch viel größere Problem ist aber die Brandrodung in den tropischen Regenwäldern. Dadurch werden jedes Jahr mehrere Milliarden Tonnen COin die Atmosphäre emittiert, die freiwerdenden Flächen werden in Brasilien für Rinderzucht und Sojaanbau verwendet; Soja, das dann vor allem als Futtermittel für die Tierhaltung in den Industriestaaten zum Einsatz kommt. Der Bericht zeigt auch, dass weltweit mehr als 80 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen für die Tierhaltung und den für die Tiere benötigten Anbau von Futtermitteln verwendet werden. Würden wir deutlich weniger Fleisch konsumieren, dann könnten große Flächen wieder aufgeforstet und renaturiert werden. 

Was bedeutet das für unsere Ernährungsgewohnheiten? 

Hier fordert der Bericht tatsächlich sehr direkt eine Änderung des Lebensstils und der Ernährungsgewohnheiten in den Industriestaaten. Darüber hinaus müssen wir es schaffen, viel weniger Lebensmittel wegzuwerfen. Wenn wir heute in Europa zirka 30 Prozent der Lebensmittel wegwerfen, dann bedeutet das eine immense Vergeudung von Ressourcen und unnötige Emissionen bei der Erzeugung. Bildlich gesprochen sind das beim Fleisch viele Millionen Rinder, Schweine und Hühner, die – meist in ethisch sehr fragwürdiger Massentierhaltung – nur für die Mülltonne gehalten werden. 

Liest man das Gutachten, kann man zu dem Schluss kommen, dass der Prozess der globalen Erwärmung bereits viel weiter vorangeschritten ist, als man dies vor wenigen Jahren noch für möglich gehalten hatte. Wie erklären Sie sich diese enorme Beschleunigung?

Nein, die Erwärmung ist eigentlich nicht viel weiter vorangeschritten, als nach den Modellrechnungen bereits vor einigen Jahren vorhergesagt. Unter vielen Aspekten tritt sogar ziemlich genau das ein, was in den Klimamodellen schon vor Jahren prognostiziert wurde, nur wird jetzt von einer breiten Öffentlichkeit immer klarer wahrgenommen, was das alles bedeutet. Und die Klimaforscher können immer mehr Details angeben, nicht nur zu den Veränderungen im globalen Durchschnitt, sondern zu den regionalen Veränderungen, zu den Veränderungen der Wetterextreme und zu den vielfältigen Auswirkungen für Mensch, Natur und Umwelt. Hinzu kommt, dass in diesem Jahrzehnt die Extreme erstmals außerhalb der bisherigen natürlichen Schwankungsbreite liegen. Die immer neuen Temperaturrekorde oder der Anstieg der durchschnittlichen Sommertemperaturen in Europa sind da gute Beispiele. Damit wird erstmals klar, dass wir nicht nur über Vorhersagen für eine fernere Zukunft sprechen, die vielleicht eintreten oder nicht, sondern dass der Klimawandel und seine vielfältigen Konsequenzen jetzt auch bei uns in den klimatisch eher gemäßigten Breiten unmittelbar erfahrbar werden. Zugleich wird die Zeit, die zum Handeln bleibt, immer knapper. Einige Veränderungen beschleunigen sich auch tatsächlich, aber dies ist vor allem eine Folge der sich immer weiter erhöhenden Emissionen.

Gibt es einen Punkt, an dem sich das Klima möglicherweise irreversibel verändert? Ist dieser Punkt vielleicht bereits überschritten? Oder besteht noch eine Chance, die menschengemachte Erwärmung zu begrenzen?

Ja, solche Punkte gibt es sicherlich, die sogenannten Kipppunkte, an denen ein Klimasystem schnell in ein ganz neues Regime rutscht. Bei weiterer starker Erwärmung und fortgesetzter Rodung des Amazonas-Regenwalds ist es beispielsweise möglich, dass ein Punkt erreicht wird, an dem sich die Verdunstung aus den Wäldern und damit auch Niederschläge und Temperaturen in dieser Region dann schlagartig so verändern, dass auch der verbleibende Regenwald nicht mehr weiterbestehen kann und dass die Veränderungen dann tatsächlich irreversibel sind. Wann genau solch ein Punkt erreicht wird, ist aber nach wie vor schwer abzuschätzen.

An verschiedenen Stellen sind die durch den Klimawandel verursachten Veränderungen vermutlich bereits jetzt irreversibel, beispielsweise beim arktischen Meereis, dessen Ausdehnung im Sommer dramatisch abgenommen hat und das vermutlich noch in diesem Jahrhundert im Sommer jeweils ganz verschwinden wird. Oder denken wir an die Korallenriffe: Wenn die Korallen abgestorben sind, dann sind sie unwiederbringlich verloren.   

Sehen Sie denn die Gefahr, dass viele Menschen zu der Auffassung gelangen, eine Veränderung ihres Konsumverhaltens wäre ohnehin vergeblich und wirkungslos? 

Meiner Einschätzung nach sind die Veränderungen zwar dramatisch, es ist aber noch kein Punkt überschritten, an dem die Probleme so groß sind, dass wir nichts mehr tun könnten. Es besteht auf jeden Fall noch die Chance, die menschgemachte Erwärmung so zu begrenzen, dass katastrophale Schäden abgewendet werden können, wenn wir – insbesondere die Industriestaaten als Hauptverursacher – jetzt schnell und entschlossen handeln.  

Für eine Änderung des Konsumverhaltens ist es bestimmt noch nicht zu spät. Natürlich muss es uns gelingen, nicht nur die Emissionen in Deutschland und in Europa zu reduzieren, sondern auch die USA, China, Brasilien und weitere Länder müssen überzeugt werden, mitzumachen. Aber zunächst muss sicherlich jeder vor seiner eigenen Türe kehren. Wir haben seit mehr als einem Jahrhundert wesentlich die Emissionen verursacht und unseren Wohlstand darauf aufgebaut, daher haben wir eine hohe Verantwortung, die Emissionen auch als Erste zu reduzieren. Weiterhin denke ich, dass die notwendigen Änderungen nicht durch freiwillige Einsparungen erreicht werden können, sondern es müssen Regeln und Gesetze her, die für alle gelten. Es ist wie bei den Steuern: Da gelten in allen Ländern Gesetze, und jeder muss seinen Teil beitragen. Würden die Steuern nur auf freiwilliger Basis erhoben, aufgrund von Appellen, dann würde auch nur ein Bruchteil des heutigen Steueraufkommens zusammenkommen. Aber die Steuereinnahmen sind elementar wichtig, um Bildung und die vielen anderen staatlichen Aufgaben zu finanzieren, Ich glaube, wir sind genau jetzt an einem Punkt, an dem eine demokratische Mehrheit im Land die Notwendigkeit dieser Regeln zur Emissionsminderung einsieht und von der Politik erwartet, dass solche Regeln schnell, effizient und für alle verbindlich eingeführt werden.  

Für den Fall, dass tatsächlich eine radikale Wende in der globalen CO2-Emission möglich wäre: Gibt es Erkenntnisse darüber, in welchem Zeitraum der Trend zur Erwärmung gestoppt bzw. sogar umgedreht werden könnte?  

Genau dazu gibt es ja inzwischen viele Modellrechnungen. Wir gehen davon aus, dass es möglich wäre, den Erwärmungstrend bei maximal 1,5 bis 2,0 Grad zu stoppen und längerfristig sogar umzudrehen, wenn es gelingt, die globalen CO2-Emissionen ab sofort stetig zu reduzieren und zwischen den Jahren 2040 und 2055 sogar auf „Netto-Null“ zu kommen. Klimaneutralität wäre dadurch zu erreichen, dass fossile Emissionen in die Atmosphäre auf einen kleinen Bruchteil des heutigen Niveaus reduziert werden, und die restlichen Emissionen von CO2, Methan und Lachgas durch Maßnahmen kompensiert werden, die der Atmosphäre CO2 entziehen, wie Aufforstung und “BECCS“, also Gewinnung von Bioenergie aus Pflanzen mit anschließender Abscheidung und Speicherung des bei der Verbrennung entstehenden CO2. Inzwischen gibt es auch große Studien, wie man den globalen Energiebedarf bis 2050 fast vollständig aus Solar- und Windenergie decken könnte, was für Kosten dieser Umbau verursacht und welche Optionen zur Verfügung stehen, um der Atmosphäre COzu entziehen.

Was bedeutet das für die Energiewende in Deutschland? 

Die globale Energiewende, die notwendig ist, ist sicherlich deutlich radikaler als das, was in Deutschland in den vergangenen Jahren als Energiewende bereits eingeleitet wurde. Bisher haben wir in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren nur etwa ein Prozent Emissionsminderung pro Jahr geschafft, notwendig sind in den kommenden 25 Jahren aber etwa vier Prozent pro Jahr. Das ist sehr ambitioniert und muss sofort angegangen werden. Aber ich halte das für absolut erreichbar, ohne dass man deswegen eine Ökodiktatur oder ähnliches befürchten muss. Wir müssen nur akzeptieren, dass wir nicht weiter wie bisher auf Kosten der Umwelt, auf Kosten der ärmsten Länder und auf Kosten der zukünftigen Generationen wirtschaften können. Das ist, als ob wir ständig ungedeckte Kredite aufnehmen und verpulvern würden, die Kredite müssen dann aber von der nächsten Generation und von den am härtesten betroffenen Ländern zu horrenden Zinsen zurückgezahlt werden. CO2-intensive Produkte und Dienstleistungen müssen entsprechend teurer werden. Fliegen ist äußerst klimaschädlich, und ich sehe zum Beispiel keinen Grund, warum Kerosin nicht genauso hoch besteuert werden sollte wie Diesel und Benzin. Das wichtigste ist aber, dass wir in allen Sektoren schnell und vollständig auf regenerative Energien und viel bessere Energieeffizienz umsteigen. Solange unsere Energieversorgung zu 80 Prozent auf fossilen Energieträgern beruht, sind wir von Nachhaltigkeit leider meilenweit entfernt.    

Für wie stark erachten Sie die Chancen, mit technologischen Mitteln dem Klimawandel entgegenzuwirken?

Das kommt darauf an, was Sie mit „technologischen Mitteln“ genau meinen: Zum einen sind Solar- und Windenergie inzwischen sehr weit entwickelt, so dass grundsätzlich die globale Energieversorgung damit möglich ist. Es bedarf bei der Speichertechnik und Techniken wie der „Power-to-Liquid-Umwandlung“ zum Beispiel für synthetische Flugzeugkraftstoffe in der Zukunft sicher auch noch großer technischer Entwicklungen, die aber machbar sind. Die Technologien, mit denen COaus Kohlekraftwerken abgeschieden und dann im Boden eingelagert werden kann, werden in manchen Ländern wie China oder Russland in Zukunft vermutlich auch verwendet. Auch Technologien, um der Atmosphäre COzu entziehen, werden sicherlich weiter erforscht und entwickelt, wir sollten aber nicht zu viel Hoffnung darauf setzen, mit diesen in Zukunft alle Probleme lösen zu können. Gegenüber Technologien, mit denen man das Klima aktiv beeinflusst, wie zum Beispiel Partikel in die Stratosphäre zu bringen, bin ich sehr skeptisch, denn man würde den Teufel mit Beelzebub austreiben, statt die Ursachen zu bekämpfen.

Die Fragen stellte Dr. Olaf Kaltenborn