Nicole Deitelhoff (Foto), Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungspolitik, leitet das Leibniz-Institut Hessische Friedens- und Konfliktforschung und das Frankfurter Teilinstitut des Forschungsinstituts gesellschaftlicher Zusammenhalt. Am 9. Juli findet die Jahreskonferenz des Instituts in Frankfurt statt.

Frau Professor Deitelhoff, Sie sind Sprecherin des Forschungsinstituts gesellschaftlicher Zusammenhalt, das dezentral über die Republik verteilt ist. Was genau versteht man unter „gesellschaftlichem Zusammenhalt“ und woran lässt sich seine Qualität messen?

Es gibt nicht das eine Verständnis von Zusammenhalt, das alle teilen, sondern durchaus verschiedene Vorstellungen davon. Sie alle drehen sich aber um die Frage, was es braucht, damit Gesellschaftsmitglieder jenseits aller Differenzen solidarisch füreinander einstehen können und gemeinsame Institutionen unterhalten können. Was dafür benötigt wird, variiert dann sehr und reicht von geteilten Normen und Werten über sozioökomische Grundlagen bis hin zu Vertrauen in gemeinsame Verfahren. Entsprechend variieren auch die Messoperationen: Wir können über die Analyse öffentlicher Kommunikation und über Befragungen die Einstellung von Bürgerinnen und Bürgern zueinander und ihrem Gemeinwesen abfragen, die Einhaltung von Normen erfassen, sozioökonomische Ungleichheit messen etc.

„Zusammenhalt in der Krise“ – so lautet der Titel der Jahrestagung des Instituts, die kommende Woche in Frankfurt stattfindet. Eine bewusst zweideutige Formulierung, oder können Sie sich auf eine Bedeutungsvariante festlegen? Schwächt die Krise den Zusammenhalt oder steigert sie ihn gar?

Die Krise stärkt den Zusammenhalt in bestimmten Bereichen und zeitlichen Phasen und sie schwächt ihn zugleich. Wenn Krisen ausbrechen oder – richtiger – ausgerufen werden, dann rücken Gesellschaften zunächst zusammen, sie vergewissern sich ihrer Solidarität. Setzt sich innerhalb einer Gesellschaft aber der Eindruck durch, dass das Krisenmanagement seinen Aufgaben nicht hinreichend nachkommt, treiben Gesellschaften auch wieder auseinander. Ebenso bedeutsam ist: Je länger die Krise anhält, desto deutlicher treten die Verteilungseffekte hervor, dass nämlich einige soziale Gruppen weit stärker belastet werden als andere. Zugleich sind Krisen aber auch Phasen des Umbruchs und Neuanfangs, die Grundlagen der Gesellschaft werden plötzlich wieder thematisch und unter Umständen auch neu begründet und bekräftigt.

Wodurch ist der Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft bedroht – und in welchen Zeiten war er schon besser?

Bedrohungen des Zusammenhalts sind klassische Krisenzuschreibungen: Zusammenhalt wird beschworen, wenn große Herausforderungen zu bewältigen sind. Das heißt auch im Umkehrschluss, dass in Phasen, in denen solche Herausforderungen absent waren, der Zusammenhalt weniger bedroht war. Das muss aber gar nicht stimmen. Es liegt wohl eher daran, dass er nicht „gebraucht“ wird in ruhigen Zeiten. Mit anderen Worten: Zusammenhalt wird immer dann problematisch, wenn er angefordert wird.

Und – meine letzte Frage – welchen Beitrag kann die Wissenschaft leisten, um den Zusammenhalt in diesem Land zu verbessern?

Als Zusammenhaltsforscher:innen interessiert uns dabei insbesondere, ob Krisen die gesellschaftliche Polarisierung verstärken oder Konflikte sogar eine neue Quelle von Zusammenhalt bilden, und welche Faktoren hier eine Rolle spielen. Wir können auf die verschiedenen Quellen von Zusammenhalt aufmerksam machen und zugeschriebene Bedrohungen kritisch hinterfragen. Wissenschaft unterstützt in diesem Sinne die gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Grundlagen gesellschaftlicher Kooperation und stärkt diese darüber auch indirekt.

Interview: Anke Sauter