Lehrforschung mitten im Alltag Kenias

Aufregender kann Lehrforschung wohl kaum sein: Auf einer Exkursion nach Mombasa (Kenia) haben sich vier Studenten aus Mainz und Frankfurt mitten hineinbegeben in die fremde Sprache und Kultur. Ihre Themen klingen nicht nur originell und spannend, sie sind es auch: Fachsimpeln über Fußball, die Subkultur der Skateboarder, visuelle Sprache im öffentlichen Raum und Sprachporträts von Mehrsprachigen.

Foto: J. Gengenbach

Fast fünf Jahre sind seit dem Start des RMU-Bachelor-Studiengangs „Afrikanische Sprachen, Medien und Kommunikation“ vergangen: Seit dem Wintersemester 2021/22 kann man standortübergreifend Lehrveranstaltungen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Goethe-Universität Frankfurt am Main besuchen. Der Studiengang, der mitten in der Corona-Zeit gestartet ist, war von Anfang an beliebt. Inzwischen kenne er nicht mehr alle Studierenden persönlich, sagt der Frankfurter Afrikanistikprofessor Axel Fanego Palat – das spreche für sich. Im Fokus steht das moderne Afrika: Wie verständigen sich Afrikanerinnen und Afrikaner, die von Haus aus mehrsprachig sind, in der europäischen Diaspora? Welche Rolle spielen Social Media auf einem Kontinent mit mündlicher Tradition? Gemeinsam mit dem Mainzer Afrikawissenschaftler Prof. Nico Nassenstein konzipierte Fanego Palat einen Studiengang, der den Absolventen gute Berufschancen und eine solide sprachliche Ausbildung eröffnen sollte.

Um das moderne Afrika ging es auch auf der Kenia-Exkursion im Frühjahr 2026, organisiert und begleitet von Axel Fanego Palat, Dr. Julia Schwarz (beide Goethe-Uni) und Dr. Holger Tröbs (JGU Mainz). Von der Unterkunft in einem nördlichen Stadtteil Mombasas aus erkundeten die Studierenden die Umgebung. So lernten sie den Kaya Mudzimuvya Sacred Forest kennen und das Museum des Missionars Ludwig Krapf, der im 19. Jahrhundert auch linguistisch zum Swahili und lokalen Bantusprachen gearbeitet hat. Im Mittelpunkt des Aufenthalts aber standen die studentischen Forschungsprojekte (s. u.), für die die Teilnehmer sich auch auf eigene Faust zurechtfinden mussten – angeleitet von ihrem Begleitteam und mit Unterstützung von kenianischen Kontaktpersonen.

„Die Teilnehmenden konnten erste Erfahrungen in Afrika sammeln, in einer für sie vollkommen ungewohnten Umgebung. Wir hoffen, ihnen auf diese Weise einen guten Start in ein Forschungsfeld zu ermöglichen, das einen zunächst ja schon etwas nervös machen kann“, so Fanego Palat. Am Ende jedes Tages wurden die Erfahrungen gemeinsam besprochen und reflektiert. Auf sich gestellt in unbekannten Stadtteilen Mombasas mit dem Skateboard unterwegs zu sein, mit der Kamera die Outskirts der Stadt zu erkunden oder Interviews mit Einheimischen zu führen, erfordere einen gewissen Mut. „Die Studis waren großartig“, lobt der Afrikanist Fanego Palat. Nicht alle vier studentischen Kenia-Reisenden sind im RMU-Studiengang eingeschrieben, der derzeit den Prozess der Reakkreditierung durchläuft und voraussichtlich vom Wintersemester 2027/28 an in leicht modifizierter Form angeboten wird. Auch der Frankfurter Bachelorstudiengang „Empirische Sprachwissenschaft mit Schwerpunkt Afrikanische Sprachwissenschaften“ und der Masterstudiengang „Sprache und Gesellschaft in Afrika“ waren vertreten.

Multilingual: Eines der studentischen Projekte untersuchte geschriebene Sprache
im öffentlichen Raum. Foto: J. Gengenbach

Hendrik Leyser und sein Skateboard gehören zusammen. In seiner Freizeit ist er ständig damit unterwegs. Gibt es auch in Mombasa eine Skateboarder-Szene? Diese Frage trieb den 31-jährigen Masterstudenten an – und er machte sie zum Gegenstand seines studentischen Forschungsprojekts. Wochen vor der Reise begann er mit der Recherche, über Social Media hat er Kontakt aufgenommen zu einem Skateboarder in Mombasa. Das Skateboard im Gepäck, war der junge Ethnologe und Linguist gespannt auf die erste Begegnung. Einer der vier Jungs, die er nun kennenlernte, hat in Brandenburg studiert. So war man gleich miteinander vertraut. „Jo, Alter“ – das gemeinsame Abhängen nach dem Sport fühlte sich fast an wie daheim. Aber Hendrik vergaß nicht seine akademische Mission: Nach den Treffen fertigte er Gedächtnisprotokolle an. Außerdem führte er mit den Vieren semistrukturierte Interviews. Bald merkte er: Die Bedingungen für Skateboarder in Kenia sind kaum vergleichbar mit jenen in Deutschland. Skateboarden gilt als Randsportart, es fehlt an Infrastruktur, an Geschäften. Insofern war Hendrik Leyser wohl Zeuge, wie sich eine Community erst findet. Seine ethnologisch-sprachwissenschaftliche Studie will Hendrik vielleicht zur Masterarbeit ausbauen.

Der Fokus liegt auf dem Gebrauch unterschiedlicher Sprachen: Welche Zielgruppe wird mit welcher Sprache angesprochen? Welches Prestige verbindet sich mit welcher Sprache?

Martin Kostov studiert Afrikanistik im Hauptund Slavistik im Nebenfach. Er liebt Sprachen und konnte schon als Schüler nicht genug davon bekommen. Nach Englisch, Französisch und Russisch ist Swahili für ihn „mal was anderes“, und er ist froh, dass er es dank des standortübergreifenden Studiengangs nun durchgängig vier Semester lang lernen kann. Wie die Kenianer Sprachen lernen, sei besonders spannend: „Sie lernen sehr visuell, aber auch durch Youtube und von Touristen und Handelspartnern“. Mithilfe von Interviews fertigte Martin Kostov Sprachporträts an: Auf einem Blatt mit der Silhouette eines menschlichen Körpers ließ er seine Gesprächspartner die Sprachen notieren und deren Funktion, auch mit Farben wurde gearbeitet. „Am Kopf stand in einigen Fällen Englisch. Diese Sprache ist sehr dominant in Kenia. Und die Leute müssen es lernen, denn Kenia ist sehr international“, so der Student. Für andere Gesprächspartner hat der Kopf offenbar eine andere Symbolik, auch zu anderen Farben griffen sie: „Das Faszinierende war, dass jeder der Interviewten offenbar ein ganz individuelles Verhältnis zu den unterschiedlichen Sprachen hat.“ Viele Kenianer sprechen neben ein oder zwei lokalen Bantusprachen aus der Gruppe des Mijikenda natürlich Swahili und Englisch, aber oft auch noch Französisch, Deutsch, Polnisch und Italienisch. Die Sprachenvielfalt der Kenianer verlangt Martin Kostov großen Respekt ab, und er freut sich schon darauf, die Skizzen für seinen Abschlussbericht auszuwerten.

Jan Gengenbach hat unter den Reiseteilnehmenden die meisten Fotos aufgenommen. Das gehörte zu seinem Projekt, in dem es um „Linguistic Landscapes“ geht, also verschriftlichte Sprache im öffentlichen Raum. Straßenschilder, Werbetafeln, Warnhinweise auf Stromkästen, Graffiti – aber auch die Gestaltung von Restaurants, Geschäften und Märkten – mehr als 600 Bilder hat er davon aufgenommen, und die gilt es nun auszuwerten. Der Fokus liegt auf dem Gebrauch unterschiedlicher Sprachen: Welche Zielgruppe wird mit welcher Sprache angesprochen? Welches Prestige verbindet sich mit welcher Sprache? Welches Verhältnis besteht zwischen Sprache und Schriftgestaltung? Und wie geht man mit Lehnwörtern um, die einer anderen Grammatik unterliegen? Jan Gengenbach, der als Zehnjähriger Griechisch aus dem PONS-Wörterbuch gelernt hat, hat nach einem Studium der Touristik in der empirischen Sprachwissenschaft das Fach gefunden, für das er „brennt“. Mit seiner Kamera war er stundenlang in den Straßen Mombasas unterwegs. Dass auf öffentlichen Aufschriften Englisch und Swahili vorkamen, lag nahe. Aber mit arabischen, hebräischen und chinesischen Schriftzeichen hatte er nicht gerechnet. Der 28-jährige Student versuchte, möglichst unvoreingenommen zu arbeiten. Trotzdem konnte er bald Muster erkennen: Bei der Vermarktung von Reparaturen etwa greift man auf Swahili zurück, Neugeräte werden auf Englisch angepriesen. Muttersprachliche Kommunikation findet nicht schriftlich statt – sie ist offenbar dem Mündlichen vorbehalten.

Robert Schneider ist Fan des FC Kaiserslautern, und er spielt selbst Fußball in einem Verein in Sossenheim. Fußball und Sprache, dieses Thema hat er sich für seine Lehrforschung gewählt. Er hatte bereits Erfahrungen mit Fußball in Afrika: Bei einem Freiwilligendienst auf Sansibar (Tansania) unterstützte er bei einem kostenlosen Fußballtraining für Kinder. Dort erlebte er den Fußballenthusiasmus der Einheimischen: „Jeder Fan hat dort zwei Mannschaften. Außer für das lokale Fußballteam schlägt das Herz für einen der großen europäischen Vereine“, erklärt der 25-Jährige, der im vierten Semester des RMU-Bachelorstudiengangs ist. In Kenia hingegen fiebert man vor allem mit den britischen Clubs mit. Der einheimische Kontaktmann machte Robert Schneider mit zwei seiner Freunde bekannt, die bereit waren für ein Interview. Zehn Minuten auf Swahili zu transkribieren, das war harte Arbeit, erinnert sich Schneider: „Für eine Minute Interview habe ich eine Stunde transkribiert.“ Die drei Männer, jeder Fan einer anderen Mannschaft, sprachen über das letzte Spielwochenende und darüber, warum afrikanische Spieler in ihrer Nationalmannschaft schlechter spielen als in den europäischen Ligen. Alles interessant, aber noch spannender findet Robert Schneider, wie grammatikalisch mit den vielen Lehnwörtern aus der englischen Fußballsprache umgegangen wird. Sein größtes „Learning“ aber sei gewesen: Feldforschung braucht Zeit, viel Zeit.

Zusammenarbeit im Verbund der Rhein-Main-Universitäten

Beiträge aus dem UniReport (Ausgabe 1.26) über:

das Forschungsprojekt SFB/TRR 326 GAUS
den RMU-Bachelor-Studiengangs „Afrikanische Sprachen, Medien und Kommunikation“
das DFG-Graduiertenkolleg „Standards des Regierens“

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