In „academia“, in der Welt der Wissenschaft, ist Sichtbarkeit ein hohes Gut: Je öfter jemand zitiert wird, je häufiger eine Person sogar im Fließtext genannt wird, je prominenter die eigenen Thesen von anderen behandelt werden, desto besser. In welchem Zitierkosmos jemand seine Bahnen zieht, wie viele Rezensionen das letzte Buch eines Wissenschaftlers als Schweif hinter sich herzieht, desto heller erstrahlt der Ruf, der Name, der „zweite Körper“ des wissenschaftlichen Ruhms eines Forschers bzw. Forscherin. Doch was, wenn jemandes Formulierungen gar nicht mehr als Zitat kenntlich gemacht würden? Wenn wissenschaftliche Neologismen quasi frei aus dem Sprachschatz verfügbar wären? Wenn deren Schöpfer unsichtbar würde? Muss deren Erschaffer dann nicht im Vergessen versinken, betreibt man damit gar eine Damnatio memoriae!? Grundsätzlich: Ja. Aber im Fall desjenigen, der heute seinen 90. Geburtstag feiert: Nein. Denn im Fall von Jürgen Habermas ticken die Uhren anders, sind mittlerweile andere als die gewöhnlichen Maßstäbe anzulegen. Ein Beispiel: Das von ihm kreierte Idiom vom „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ kann man selbstverständlich nach wie vor in Anführungszeichen setzen, um die geistige Herkunft anzuzeigen. Allerdings ist diese Wendung längst kein Zitat mehr, sondern eine allgemein gebräuchliche Formulierung geworden für das, was kontroverses, aber vernünftiges Diskutieren ausmacht. Sie ist ein Beispiel für die bildungssprachliche oder auch schon umgangssprachliche Eingemeindung ursprünglich spröder wissenschaftlicher Terminologie. Wenn also die eigene Sprache zum Allgemeingut wurde – ist die damit einhergehende Unsichtbarkeit auf der Leiter zum Ruhm nicht noch eine Stufe höher, als eine angefügte Fußnote samt Namensnennung? Und damit bin ich bei dem „Phänomen Habermas“.

Jürgen Habermas bekam 1976 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Dafür bedankte er sich mit einer Rede über das Einsickern sozialwissenschaftlicher Terminologie in die Umgangssprache. Im Jahr darauf behandelte er das Thema noch einmal ausführlicher in einem Vortrag über „Umgangssprache, Bildungssprache und Wissenschaftssprache“, zu dem die Max-Planck-Gesellschaft den damaligen Co-Direktor des Starnberger Max-Planck-Instituts zur Erforschung der wissenschaftlich-technischen Welt eingeladen hatte. Darin nannte er Darwin und Freud, Evolutionstheorie und Psychoanalyse, als Beispiele für die radikale Veränderung des Selbstverständnisses eines größeren Publikums. Ein neuer Typus von Wissen drang dadurch ins Alltagsbewusstsein ein. Das Unbewusste, der Aggressionstrieb und die Libido, Ich, Es und Überich machten Annahmen zur Psychopathologie des Alltagslebens zum kritischen Bestandteil des Alltagsbewusstseins. Ein anderes Beispiel bot die Protestbewegung Ende der 1960er Jahre. Sie beschleunigte die Anreicherung der Bildungs- und der Umgangssprache mit psychologischer und soziologischer Terminologie. Und da hatte auch schon die Durchsetzung der Bildungs- und Alltagssprache mit Habermasʼschen oder durch Habermas zu profilierter Bedeutung gelangten Termini begonnen – ein Vorgang, der bis heute anhält. Er nehme immer mehr „rohe Rede“ in Kauf, verzichte immer mehr auf das Element der „schönen Zunge“, das Günter Grass einst Adorno zuschrieb, meinte Habermas 1981 vor seiner Rückkehr aus Starnberg nach Frankfurt in einem Gespräch u.a. mit Axel Honneth. Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass Habermasʼsche Begriffsprägungen und Dicta weiterhin Sichtweisen „kippen“ lassen und Kristallisationspunkte für die Verbreitung neuer, argumentativ fundierter Deutungsperspektiven bilden.

Als die Goethe-Universität ihrem Emeritus Jürgen Habermas vor fünf Jahren zum 85. Geburtstag gratulierte, wurden seine Hauptwerke aufgelistet – „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962), „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) und „Der philosophische Diskurs der Moderne“ (1985). In die Kategorie „Hauptwerk“ fällt natürlich auch „Faktizität und Geltung“ (1992) – und mit Sicherheit wird das demnächst erscheinende zweibändige Werk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ dazuzurechnen sein, dessen bescheiden klingender Titel auf Johann Gottfried Herders klassisches geschichtsphilosophisches Werk „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“ anspielt. Die Verbindungen von Jürgen Habermas zur Frankfurter Universität sind zahlreich: hier nennen möchte ich vor allem die Zeit als Adornos Assistent am Institut für Sozialforschung in den Jahren von 1956 bis 1959, die Zeit als Nachfolger Max Horkheimersʼ auf dem Doppellehrstuhl für Philosophie und Soziologie von 1964 bis 1971, die Aufrechterhaltung der Verbindung durch eine Honorarprofessur in den Jahren von 1975 bis 1982 und schließlich die Zeit als Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt Sozialphilosophie zwischen 1983 und 1994. Hinzu kommen weitere vielfältige Verbindungen zu Frankfurt, die bis heute währen – der von ihm morgen, am Mittwoch, den 19. Juni 2019, an seiner Universität gehaltene Vortrag „Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit“ zeigt es.

Als Jürgen Habermas 2013 den „Kulturellen Ehrenpreis“ der Stadt München erhielt, erwähnte er „eine fast sentimentale Bindung an Frankfurt, wo sich die Erinnerungen eines erfahrungsreichen und dynamischen Lebensabschnittes an vielen Orten festgesaugt haben“. Umgekehrt gilt Ähnliches: Das nationale wie internationale Ansehen der Goethe-Universität Frankfurt ist nicht nur, aber eben auch mit den Namen Horkheimer und Adorno verbunden; und darüber hinaus – und welche Institution kann dies schon von sich sagen? – auch mit Habermas. Schon aufgrund ihrer Gründungsgeschichte versteht die Goethe-Universität sich als „Scharnier“ zwischen Gesellschaft und Wissenschaft: Durch ihre Mitglieder, nicht zuletzt durch die Studierenden, werden die Impulse der Gesellschaft beständig in die Forschung importiert, mit jedem ausgebildeten Akademiker werden die neuesten Erkenntnisse, das neueste Wissen in die Gesellschaft zurückgespielt. Es ist dieses spezifische Zusammenspiel von Forschung und Lehre, diese gegenseitige Beflügelung von Lehre und Forschung, die die Wissenschaftsinstitution einer Universität vor allen anderen auszeichnet. Dementsprechend kommen nur hier, können nur hier, an einer Universität, die unterschiedlichen Milieus und Generationen zusammenkommen, die in und mit ihrem Aufeinandertreffen die Energien freisetzen, um solch geistige Leistungen freizusetzen, wie sie ein Jürgen Habermas vollbracht hat. Jürgen Habermas arbeitet in dieser Konstellation, weiß sie zu schätzen, kam nicht zuletzt deswegen auch immer wieder von außeruniversitären Forschungseinrichtungen an die Goethe-Universität in Frankfurt zurück. Zugleich bereichert und beschenkt er eben diese Universität mit seiner Person und Philosophie ungemein.

Die Goethe-Universität ist ebenso stolz wie dankbar, einen solchen Wissenschaftler, einen Gelehrten und Lehrenden, zugleich aber auch Intellektuellen in ihren Reihen zu wissen: Mit seinem Werk und Wirken gestaltet Professor Jürgen Habermas die Wissenschaft – und schärft unseren Blick auf Demokratie und Gesellschaft.

Im Namen der Goethe-Universität Frankfurt am Main gratuliere ich Jürgen Habermas aufs herzlichste zum 90. Geburtstag!

Birgitta Wolff
Präsidentin der Goethe-Universität Frankfurt am Main