Am 17. und 18. September findet am Forschungskolleg Humanwissenschaften die Bad Homburg Conference 2021 statt. Diesmal dreht sich alles um das Thema Klimawandel und darum, wie der Bedrohung am besten zu begegnen sei. Wir haben uns im Vorfeld mit Prof. Matthias Lutz-Bachmann, Direktor des Forschungskollegs, zum Online-Interview getroffen.

Anke Sauter: In der Gesellschaft herrscht ein breiter Konsens: Der Klimawandel ist das vordringliche Problem unserer Zeit, und auch im Bundestagswahlkampf spielt der Klimawandel eine große Rolle. Gut eine Woche vor der Wahl lädt das Forschungskolleg Humanwissenschaften, dessen Direktor Sie sind, nun zu einer Bad Homburg Conferences 2021 mit dem Thema „Klima. Politik. Wandel. Wie gestalten wir Zukunft?“. Ist der Zeitpunkt bewusst so gewählt?

Matthias Lutz-Bachmann: Nein. Die Bad Homburg Conferences werden mit der Stadt Bad Homburg lange im Voraus geplant, der Termin steht schon seit einem Jahr. Im Kalender der Stadt ist das vorletzte Wochenende im September das günstigste, und auch für die Universität passt das gut vor dem Semester und nach der Sommerpause. Wir wussten zwar, dass in diesem Herbst die Wahlen sind, aber das wir so nah dran sein würden, war bei der Terminierung nicht klar. Auf keinen Fall war es unsere Absicht, einen Akzent in der Wahl zu setzen. Das erkennen Sie auch am Programm: Wir haben keine Vertreter von Parteien dabei – mal abgesehen von Oberbürgermeister Hetjes, der ist ja Mitveranstalter. Wir haben vor allem privatwirtschaftliche Verbände oder Institute, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Personen aus dem öffentlichen Raum von Wirtschaft und Öffentlichkeit eingeladen, sich mit den drängenden Fragen zu beschäftigen. Eine parteipolitische Festlegung ist nicht intendiert.

Dennoch könnte es beim ein oder andere zu einer vertieften Wahlentscheidung kommen durch die Teilnahme an der Konferenz…

…und das ist ja dann umso besser. Die Parteien müssen sich selbst erklären, aber sie haben bei uns nicht das Forum dafür. Hauptredner ist Klement Tockner, der neue Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Sein Thema ist von allgemeiner Bedeutung: die Domestizierung der Natur. Das ist übrigens ein altes Thema auch der Frankfurter Schule, der Philosophie und der Sozialwissenschaften: Wie gehen wir als Menschheit in Technik und Industrie mit dem um, was nicht nur die äußere Natur, sondern auch unsere, die menschliche Natur ausmacht. Der Begriff der Domestizierung, der Beherrschung, der Unterwerfung, zeigt eine grundsätzlich kritische Position der Wissenschaft. Ich sehe einen großen Fortschritt in der Politik darin, dass ein großer Konsens darüber besteht, dass wir viel tun müssen im Hinblick auf das Verhältnis von Mensch und Natur, Artenvielfalt und -verlust. Allerdings sind die Wege, die die Parteien und andere Akteure vorschlagen, verschieden. Und darüber wollen wir diskutieren: Über die unterschiedlichen Wege und die Kosten, die diese Wege jeweils für uns alle mit sich bringen.

Hin und wieder ist zu hören, dass dieses Problem so drängend ist, dass das demokratische System nicht dazu passen will: Die Prozesse sind zu langsam und die Konsensfindung und der Kompromiss sind nicht die richtigen Instrumente, um eines so großen Problems Herr zu werden. Wie sehen Sie das als Philosoph?

Das ist eine große Gefahr. Ich denke, die Klimapolitik muss so gestaltet werden, dass sie im Rahmen der Demokratie funktioniert. Wir haben weltweit ja Konkurrenten: Die Chinesen oder die Russen haben ein ganz anderes gesellschaftliches und politisches System. Wir werden sehen, welches System erfolgreicher ist. Ich glaube nicht, dass eine Diktatur, auch nicht eine Diktatur der Wohlmeinenden oder der Experten, die Menschheit voranbringt. Wir müssen auch sehen: Klimaschutz ist nicht das einzige Thema, das die Politik zu bearbeiten hat. Es gibt auch die Frage der Gerechtigkeit, und zwar weltweit: Wie erkläre ich einem Land, das wir früher als unterentwickelt beschrieben hätten, dass die Menschen dort keine fossilen Energien einsetzen dürfen für ihre wirtschaftliche Entwicklung und die Beseitigung von Hunger und Armut. Es gibt konkurrierende Ziele, auch die Erhaltung der Demokratie und die Menschenrechte. Wir können aber nach meiner Überzeugung das Klimaproblem nicht lösen, indem wir uns das Konzept einer Diktatur der Experten einreden lassen. Dazu hat vielleicht auch der Philosoph Hans Jonas mit seinem Prinzip Verantwortung beigetragen, der vor 40 Jahren schrieb, dass es heute so etwas wie Platons Philosophenkönige geben sollte, also Experten, die allein entscheiden. Wir müssen unsere Öffentlichkeit überzeugen, auch mit bescheidenerem Lebensstil und Standard zufrieden zu sein. Andernfalls wird die Klimapolitik scheitern.

Das ist aber ja genau die Schwierigkeit in einer Wohlstandsgesellschaft, in der es immer nur um Wachstum gegangen ist.

Da haben Sie recht. Das ist ein komplizierter Vorgang von Information, Motivation und institutionellen Antworten, die wir auch geben müssen, damit das nicht nur von der Frage der persönlichen Lebensführung abhängt – also Konsumverzicht, Fleischverzicht oder Verzicht auf Auto- oder Flugreisen. Das alles muss eine Rolle spielen, wird aber allein das Problem des Klimawandels nicht lösen können. Und diese gesamte Palette öffentlicher, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, politischer, moralischer, individueller Einstellungen und Maximen soll Thema unserer Konferenz sein, und da ist unser Forschungskolleg genau der richtige Ort. Wir gehören zur Goethe-Universität, sind also Plattform für gesellschaftliche Debatten unter dem Vorzeichen universitärer Verantwortung, und nur das bessere Argument soll hier gelten. So wollen wir uns als Universität in diesen Prozess einbringen. Wir haben diesen thematischen Bogen auch zum Anlass genommen, in einer Initiative von Forscherinnen und Forschern zusammen mit der Universität Gießen einen größeren Forschungsansatz, ein Konsortium zu entwickeln. Da sind wir auf einem guten Weg, zusammen mit dem Senckenberg-Institut über planetare Krisen, planetare Herausforderungen nachzudenken.

Der Klimawandel ist ein physikalisches Phänomen, dessen Auswirkungen seit Jahrzehnten bekannt sind. Klimakatastrophen wie Waldbrände und Sturmfluten haben das Thema verschärft auf die Tagesordnung katapultiert. Warum hat es so lange gedauert, bis sich auch die Gesellschaftswissenschaften der Thematik angenommen haben? Kann man von einer gewissen Versäulung der Wissenschaften sprechen?

Das Gespräch zwischen den Wissenschaften war lange Zeit längst nicht so gut, wie es sein sollte. Die Versäulung, wie Sie es nennen, führt dazu, dass viele Wissenschaftscommunitys ihre Themen unter sich verhandeln. Wir haben es hier aber mit einem Problem zu tun, das weit über die Physik hinausgeht und in die Lebenskultur, die Normen, weit in Gesellschaft und Politik eingreift. Aber Physiker waren bislang nicht so sehr mit anderen Disziplinen vernetzt, und auch die Geistes- und Sozialwissenschaften haben zu wenig Biologie, Physik und Chemie als Wissensbestände zur Kenntnis genommen haben. Hier wollen wir mit dem Forschungskolleg jetzt eine neue, grundlegende Orientierung entwickeln und bereithalten. Wir begreifen uns immer mehr als ein Institut, das von den Humanwissenschaften ausgeht, aber zugleich intensiv das Gespräch mit den Natur- und Lebenswissenschaften sucht, immer entlang bestimmter Problemfelder und Erkenntnisherausforderungen. Im Unialltag bekommt man das oft nicht hin.

Und diese zusätzlichen Freiräume bietet das Forschungskolleg?

Ja, genau. Wir wollen uns bemühen, die jeweiligen Forscherinnen und Forscher, die ja in der Spitze forschen und überaus ausgelastet sind, in geeigneter Form, nämlich in kleiner Zahl, mit anderen Disziplinen ins Gespräch zu bringen. Dafür bietet das Forschungskolleg ideale Voraussetzungen. Und durch Veranstaltungen wie der Bad Homburg Conference können wir schon mal zeigen, wo wir stehen in dieser interdisziplinären Kommunikation zwischen Spitzenforscherinnen  und -forschern der Goethe-Universität.

Und das wiederum ist ja auch ein Angebot an die Politik, die ja auch Orientierung und Unterstützung benötigt.

Richtig. Gerade beim Thema Klimawandel, Klimapolitik, Klimapolitikwandel werden wir mit einer großen Idee auf Landesregierung und Universität zukommen. Wir würden gern ein eigenes Institut hier in Frankfurt oder Rhein-Main eröffnen. Die Überlegungen sind noch in den Anfängen, aber wir sind in engem Austausch mit dem Senckenberg-Institut, wobei es vor allem die Geistes- und Sozialwissenschaften sind, die hier in besonderer Weise gefragt sind, natürlich in Zusammenwirken mit den Naturwissenschaften.

Das klingt ja spannend. Wird dies auch bei der Exzellenzinitiative eine Rolle spielen?

Alle, die hier beteiligt sind, sind wir in unterschiedlichen Verbünden der Exzellenzinitiative unterwegs, und auch in der Exzellenzinitiative gibt es diese besonderen Fokussierungen. Insofern geschieht am Forschungskolleg momentan nichts, was nicht mit den Vorbereitungen der Exzellenzinitiative zu tun hätte.

Wie sieht denn das Interesse der Bevölkerung an der Veranstaltung aus? Haben Sie schon viele Anmeldungen?

Ja. Der Freitag ist fast ausgebucht. Wegen der Pandemie haben wir eine gewisse Sitzplatzbeschränkung. Unser großer Saal fasst unter Normalbedingungen 190 Personen, wir dürfen jetzt aber nur 60 zulassen. Wir haben aber auch Online-Anmeldungen, sodass wir jetzt schon sehen: Die Konferenz stößt auf großes Interesse, und  leider können nicht alle in Präsenz teilnehmen, die das gern möchten.

Interview: Anke Sauter

Weitere Infos zur Bad Homburg Conference 2021 hier.

Das Programm sowie die ausführliche Konferenzbroschüre finden Sie auf der Webpage des Forschungskollegs Humanwissenschaften www.forschungskolleg-humanwissenschaften.de

E-Mail: anmeldung@forschungskolleg-humanwissenschaften.de

Anmeldeschluss: Freitag, 10.09.2021 | Teilnahmebestätigung: Versand ab 13.09.2021.