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Eintracht Frankfurt: Holger Horz und Rainer Forst waren beim Sieg über West Ham United dabei

Foto: Isabelle Hammerschmiedt

Ein hochemotionaler Fußballabend im Deutsche Bank Park: Mit 1:0 gewann die SGE am 5. Mai gegen den englischen Club West Ham United und sicherte sich damit nach dem 2:1 im Hinspiel den Einzug ins Finale der Europa League. Am 18. Mai geht es in Sevilla gegen die FC Rangers. Auch zwei Professoren der Goethe-Universität – ein Psychologe und ein Philosoph – waren am Donnerstagabend im Stadion, wie haben sie dieses Spiel erlebt? Und waren sie etwa beim Platzsturm dabei?

Prof. Rainer Forst, Politischer Philosoph an der Goethe-Universität, ist noch ganz euphorisiert: „Das war eine große Sache. Lustigerweise hat uns (meinen Sohn und mich) die Lotterie der kontingenten Platzvergabe neben Holger Horz und seinem Sohn landen lassen, und so gehen wir seit einiger Zeit gemeinsam durch Höhen und Tiefen dort (ist auch nicht nur Männersache, meine Frau und meine Tochter kommen auch gelegentlich mit). Die Euphorie war die ganze Zeit über groß, und obwohl man ja keine roten Karten der Gegner bejubeln soll (moralphilosophisch gesprochen), war das die Wende im Spiel, das große Zittern blieb zum Glück aus. Das steht demnächst wohl im Finale an. Der Platzsturm aus der Nordwestkurve war nicht aufzuhalten, aber aus dem Alter bin ich dann doch raus, fürchte ich.“

Nur eine Fußverletzung, mein Sohn, Rainer Forst und sein Sohn hielten mich – mit aller Kraft – nach Spielende zurück über die Bande zu springen.

Holger Horz

Sein Sitznachbar im Stadion, Prof. Holger Horz, Pädagogischer Psychologe an der Goethe-Universität, erzählt: „Wie immer in den letzten Jahren saß ich mit meinem Sohn neben Rainer Forst in der ersten Reihe der Gegentribüne. Nur eine Fußverletzung, mein Sohn, Rainer Forst und sein Sohn hielten mich – mit aller Kraft – nach Spielende zurück über die Bande zu springen. Die Ordner sahen mich auch bittend an, nicht zu springen, da sie wohl Sorge hatten, dass ich mich zusätzlich verletzen könnte und sie mir auf die Beine helfen müssten, was bei mir eine körperlich anspruchsvolle Aufgabe sein kann. So hielt ich mich also zuerst weinend mit meinem 13-jährigen Sohn in den Armen und klatschte mich anschließend mit Rainer und seinem Sohn jubelnd, singend und freudetrunken ab.“ Horz ergänzt: Dies sei nicht der erste Platzsturm gewesen, bei dem er anwesend war: „Früher halt auch mal auf dem Rasen“, lacht er.

Eine Frage stellt sich angesichts einer solchen geballten akademischen Kompetenz: Sind philosophisch-psychologische Fußballfans eigentlich (eher) beobachtend und analysierend im Stadion?  Holger Horz antwortet: „Ich weiß natürlich mit 95%-Sicherheit bei einem 5% Konfidenzintervall das Ergebnis vorher. Es kommt mir also weniger auf das Ergebnis an, als die eigene Gefühlswelt durchleben zu können“, sagt er augenzwinkernd.

Rainer Forst antwortet in Frankfurter Tradition ganz dialektisch: „Vielleicht ist es meine Generation, die, sozialisatorisch bedingt, die Tür endgültig aufstieß, um das Bekenntnis zum Fußball in der akademischen Welt leben zu können; bei einem Sieg erhalte ich witzigerweise Glückwünsche von Kolleg*innen aus aller Welt. Und das Erlebnis von einem großen Spiel und die vibrierende Zeit davor und danach sind etwas ganz Besonderes. Dennoch bleibt es ein Wechselspiel von Teilnahme und Beobachtung – gut dialektisch ausgedrückt: Wer sich der elektrisierenden Teilnehmerperspektive bei so etwas versperrt, der versäumt etwas, und wer ganz darin aufgeht, verliert etwas.“

Seit Kindheitstagen mit dem Fußball-Virus infiziert

Fußballbegeisterung findet man heute in ganz unterschiedlichen Milieus und Kontexten. Viele Fans sind neu dazugekommen, seitdem es Public Viewing und neue digitale Fernsehangebote gibt. Ganz anders aber die beiden Professoren, die bereits als Buben vom Fußball-Virus infiziert wurden. Und wenn es etwas zu feiern gibt, beweisen beide einen langen Atem, auch wenn mal die Stimme versagt:  

Holger Horz: „Ich bin ca. 100km von Frankfurt aufgewachsen und war bereits damals mehrfach pro Saison mit meinem Vater im Stadion. Als ich in Frankfurt studierte, war ich mit einigen Leuten des späteren Fanclubs ‚Zeugen Yeboahs‘ häufig unterwegs. Bis auf die Jahre, die ich beruflich bedingt nicht in Frankfurt wohnte, bin ich regelmäßiger Zuschauer und Mitglied der Eintracht. Am besten fühlt sich das Feiern an, wenn man in einem fast tranceartigen Zustand am Spielende ist, nachdem man gefühlt mehr als hundert Mal auf die Uhr schaute und auf den Abpfiff wartete, diesen hört und sich mit seinen Nebenleuten in die Arme fällt. Bei mir löst dieser Moment regelmäßig Tränen aus und ein Gefühl der Erleichterung und Vergessenheit um all die Probleme der Welt, die es sonst gibt. Letztlich eine glückliche, selbstvergessene Trance mit einem Aufgehen in der Menge.“ 

Rainer Forst ist zwar ebenfalls schon lange dem Fußball verbunden, wenn auch nicht dem Stadion: „Ich habe schon immer Fußball geliebt und gespielt, war aber in meiner Jugend kein Stadiongänger, und während des Studiums und Zeiten im Ausland flachte das alles auch etwas ab. Als mein Sohn sich aber ebenfalls zu einem Fußballspieler und großen Fan entwickelte, begannen wir, öfter zur Eintracht zu gehen, zu Zeiten von Legenden wie Amanatidis, Carlos Zambrano oder Fußballgott Alex Meier. Dieser Verein, dem wir angehören, hat in dieser Zeit eine ungeheure Entwicklung durchgemacht, große Siege und auch Abstiege eingeschlossen. Es hat sich hier, im ‚Herzen von Europa‘, wie man sagt, eine großartige Fan- und Feierkultur entwickelt, mit dem bisherigen Höhepunkt des DFB-Pokalgewinns 2018 (wo wir dabei waren). Und was die SGE samt Fans in Barcelona geliefert hat, war einzigartig (leider ohne uns). Gefeiert wird, wo immer wir das erleben, ob im Stadion oder zuhause oder im Urlaub. Bis zum Verlust der Stimme.“

Magie kann man nicht planen, an sie muss man glauben, dann passiert es auch.

Rainer Forst

Eintracht Frankfurt hat zum dritten Mal nach 1960 und 1980 ein europäisches Finale erreicht. Nun geht es im Endspiel gegen die Rangers. Werden Holger Horz und Rainer Forst nach Sevilla fahren? Und wie schätzen sie die Chancen der SGE ein? „Wenn ich mit meinem Sohn Karten erhalte, werde ich in Sevilla dabei sein“, betont Holger Horz. Sein Tipp fällt wiederum sehr wissenschaftlich aus: „Was ich weiß: Die Siegchancen der Eintracht verbessern sich exponentiell mit der Anzahl der erzielten Eintracht- Tore bei negativ reziprok sich verhaltender gleichzeitiger Niederlagenwahrscheinlichkeit. Mit anderen Worten, die SGE wird gewinnen…wenn es sein muss, nach Verlängerung… hoffentlich…“

Rainer Forst setzt ganz auf die Magie der Eintracht: „Ich wäre gerne dabei, aber es wird schwierig, andere Verpflichtungen stehen dem entgegen, und Karten gibt es auch nicht viele. Aber wo auch immer ich das Spiel sehe, werde ich hypnotisiert sein. Die Chancen sind gut, wenn auch einige Ausfälle (Hinti insbesondere) schmerzlich sind. Aber die Eintracht gewinnt ohnehin zu einem guten Teil diese Spiele durch die bloße Euphorie, die sich quasi magisch auf den Platz überträgt, und diese Magie kann man nicht planen, an sie muss man glauben, dann passiert es auch. Deshalb geht es 3:1 für die SGE aus, wie seinerzeit in Berlin.“

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