Das 19. Mainzer Mediengespräch widmete sich in diesem Jahr „algorithmenbasierten Entscheidungen im Netz“.

Expertinnen und Experten diskutierten im Atrium maximum der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz über die zunehmend wichtiger werdende Frage, welchen Einfluss automatisierte Datenflüsse auf die Aufmerksamkeit des Individuums und auf gesellschaftliche Prozesse haben. In der von dem Journalisten und Blogger Richard Gutjahr moderierten Runde war einleitend eine von Prof. Birgit Stark vom Institut für Publizistik durchgeführte Studie, die untersucht hat, welche Vorstellungen Nutzerinnen und Nutzer von Algorithmen haben, Thema. „Algorithmen fallen einem meistens dann auf, wenn man sie nicht selber steuern kann, zum Beispiel bei unpassender Werbung, die angezeigt wird.

Ansonsten ist den Nutzern meistens weit weniger bewusst, welchen Einfluss Algorithmen gerade haben“, betonte Prof. Leyla Dogruel, Kommunikationswissenschaftlerin am Institut für Publizistik. Matthias Spielkamp, Journalist und Mitbegründer der Initiative AlgorithmWatch, bemängelte ebenfalls, dass das Wissen über Einsatzformen und Funktionsweisen von Algorithmen noch nicht sehr verbreitet sei: „Ich musste lachen, als ich in der Studie las, dass sich manche Nutzer wünschen, dass bei Dating-Plattformen die Algorithmen nicht zum Einsatz kommen sollen. Aber gerade dabei sind sie absolut notwendig!“ Sobald man seinen Rechner einschaltete, spielten Algorithmen bereits eine wichtige Rolle.

Prof. Petra Ahrweiler vom Institut für Soziologie an der Universität Mainz verwies in diesem Zusammenhang auf die Diskussion um das Video des Bloggers Rezo: „Man weiß noch viel zu wenig darüber, wie digitale Technologien funktionieren. Die Gestaltungsmacht einer Demokratie steht dabei aber auf dem Spiel.“ Ein Algorithmus sei im Prinzip ein „formalisierter Problemlösungsmechanismus“; die Frage sei, ob Menschen dadurch verlernten, die komplexe Wirklichkeit selbstständig zu bewältigen. Der Wahlomat sei beispielsweise ein nützliches Tool, um durch die politische Landschaft zu navigieren, allerdings habe die Bundeszentrale kurz vor der Europawahl diesen vom Netz nehmen müssen, weil er bedingt durch das Auswahlformat kleine Parteien benachteiligt habe.

Prof. Dieter Kugelmann, Landesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit in Rheinland-Pfalz, stellte die Frage in den Raum, ob wirklich jeder Nutzer die Funktionsweise eines Algorithmus verstehen müsse; Tatsache sei aber, dass die Menschen ein Bewusstsein davon entwickelt hätten, dass die Technik „etwas mit einem mache“. Die von manchen Beobachtern geforderte Offenlegung der Quellcodes sei nicht umzusetzen, so Kugelmann.

Entscheidend sei ohnehin eher, wer den Zweck eines Algorithmus festlege. Grundsätzlich sollten Algorithmen nicht verteufelt werden, ihr Nutzen in vielen Anwendungskontexten sei nicht zu bestreiten, so der Tenor in der Diskussion. Allerdings bedürfe es Regularien und Instrumentarien, wie moderne Informationssysteme künftig im Hinblick auf ihren Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse untersucht werden können. Die Frage einer Kontrollier- und Intervenierbarkeit stelle sich besonders bei selbstlernenden Systemen.

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