Mira Gunkel ist eine von vier deutschen Delegierten des „Weltjugendgipfels“ Y7-Summit, der Mitte Mai online stattgefunden hat. Stellvertretend für die junge Generation formulierte das internationale Team aus acht Ländern Forderungen, die beim G7-Gipfel im Juni vorgetragen werden sollen. Ein Gespräch über Riesenherausforderungen, den langen Weg zu einem guten Dialog und die Hoffnung, ernst genommen zu werden.

Frau Gunkel, wie kommen Sie ins deutsche Y7-Team?

In Deutschland kann sich jede und jeder als Jugenddelegierte:r bewerben, die oder der Expertise einbringen und sich engagieren möchte und Erfahrungen in der Jugendarbeit und mit Ehrenämtern hat. Der Vorschlag kommt dann über Verbände – ich wurde zum Beispiel von der Deutschen Sportjugend vorgeschlagen. Das Deutsche Nationalkomitee für internationale Jugendarbeit (DNK) entscheidet sich dann für die Delegierten. In diesem Jahr waren es vier.

Dem Y7-Summit wurden die Themen Climate&Environment, Digital &Technology, Health and Economy vorgegeben. Sie selbst haben sich für das Thema Gesundheit entschieden und gemeinsam mit jungen Menschen aus den anderen Y7-Ländern Vorschläge formuliert. Wie sind Sie vorgegangen?

Wie haben zunächst quantitativ und qualitativ geforscht. Wir haben also einen Fragebogen für Jugendliche entwickelt, den in Deutschland 836 junge Leute ausgefüllt haben. Weltweit waren es rund 10.000. Zusätzlich haben wir noch qualitative Interviews geführt. Von britischer Seite wurden wir auch durch Experten gecoacht (Großbritannien steht als Veranstalter des diesjährigen G7-Gipfels mit allen Nichtregierungsgruppen in Kontakt, die auf dem G7-Gipfel ihre Forderungen vorlegen, Anm. d. Red.). Außerdem haben sich alle Delegierten regelmäßig getroffen. Zum ersten Mal wurden auch junge Leute aus Großbritannien, das sogenannte Youth Forum, integriert, die uns mit ihrer Lebenserfahrung und Expertise beraten haben.

Haben Sie in Ihrem internationalen Delegiertenteam schnell an einem Strang gezogen?

Wir haben bis Ende März debattiert und dann in einem Ascent Camp die Themen Digital health, mental health und sozial determinants of health präsentiert. Danach haben wir über die Details verhandelt. Da war es natürlich schon so, dass es verschiedene Prioritäten gab und wir abstimmen mussten. Ich hätte zum Beispiel gern die Relevanz von Bewegung und Ernährung im Kommuniqué gehabt, das war Anderen aber zu spezifisch.

Haben sich die einzelnen Themengruppen auch untereinander ausgetauscht?

Ja. Irgendwann wurde uns klar, dass man die Themen gar nicht voneinander getrennt betrachten kann. Wir können nicht über Klimaschutz oder Digitales reden, ohne die Wirtschaft zu betrachten. Andererseits können wir nicht über Wirtschaft ohne den Gesundheitsbereich reden. Es gab dann mehrere Crosstrack-Treffen, bei dem Mitglieder aus einem Bereich an einer anderen Gruppe teilgenommen haben. Als Headdelegate der deutschen Gruppe habe ich mich sowieso mit allen Bereichen beschäftigen müssen.

Anfang Mai hat der Y7-Summit stattgefunden – online und nicht wie geplant vor Ort in London. Wie haben Sie das Treffen erlebt?

Die Veranstaltung war in private und public days geteilt. An dem private day haben sich alle head delegates stundenlang lang getroffen, um das Kommuniqué zu vollenden. Das war eine Megaherausforderung – in letzter Sekunde wurden nämlich Forderungen von anderen Themengruppen noch einmal angezweifelt. Da musste ich parallel mit meinem Team kommunizieren, ob wir diesen Antrag annehmen oder nicht. Gleichzeitig meldete ein Kollege aus der deutschen Delegation, dass seine Forderung verändert werden sollte – da sollte ich auch noch eingreifen. Am Ende hat die CEO der britischen Organisation für den Y7 uns einzeln gefragt, ob wir mit dem Kommuniqué einverstanden sind. Jede, jeder sollte sagen: I do agree oder I do not agree – wenn jemand sich dagegen ausgesprochen hätte, wäre alles von vorn losgegangen. Das war hochspannend.

Bei den Public days eine Woche später durften die Headdelegates das Kommuniqué dann als erste der Welt präsentieren – eine Riesenchance für unsere Themen. Von dem britischen Sherpa, der den Gipfel vorbereitet und auch mit dabei ist, wurde mir rückgemeldet, dass psychische Gesundheit gar nicht auf dem Plan stand. Da wir dieses Thema aber vehement vertreten haben, wird er es jetzt in den Gipfel einbringen.

Sie gehen also davon aus, dass Ihre Forderungen wahrgenommen werden …

Ja, wir simulieren nichts, sondern wir haben die Chance, auf höchster Ebene Vorschläge zu machen. Dass wir etwas beeinflussen könne, steht in jedem Fall fest. Aber natürlich haben wir keine Garantie, dass unsere Forderungen auch umgesetzt werden.  

Man könnte auch annehmen, dass der Y7-Summit als Feigenblatt dient, jungen Menschen ein Forum gegeben zu haben – und das war´s dann.

Es gibt diese Veranstaltung, um jungen Leuten eine Stimme zu geben. Wenn wir denken würden, das interessiert sowieso keinen, dann bräuchten wir auch gar nicht erst anzufangen. Wir können nur unser Bestes geben.

Der G7-Treffen steht in der Kritik, weil dort einige Industrienationen zusammenkommen und Entscheidungen für eine globale Welt treffen. Könnte der Y7-Summit nicht mit gutem Beispiel vorangehen und mehr Länder einbeziehen?

Uns war das bewusst, und wir haben uns auch kritisch damit auseinandergesetzt. Deshalb haben wir auch versucht, unsere Forderungen so global wie möglich zu formulieren. Gleichzeitig haben wir uns gefragt: Kehren wir erst mal vor unserer eigenen Haustüre, wo es durch die Corona-Krise schon genug zu tun gibt? Haben wir überhaupt eine Expertise für die ganze Welt? Immerhin gab auch Gäste aus Australien und Korea, auch wenn das wiederum privilegierte Länder sind.

Haben Sie durch den Jugendgipfel etwas über politische Arbeit gelernt?

Ja, wir haben extrem viel über internationale Entscheidungsfindung gelernt. Das fängt ja schon damit an, wann man sich trifft: Wenn bei uns Tag ist, schläft man in Japan und Kanada. Und dann nationale Belange zu berücksichtigen und darüber in einen guten Dialog zu treten, war nicht einfach – wir haben diese Arbeit ja auch nebenbei, neben dem Studium oder einem Job, gemacht. Ich finde aber, es ist uns gut gelungen.

Haben Sie Ihre Forderungen eher allgemeiner formulieren wollen, um Chancen zu haben, gehört zu werden? Oder wollten Sie so konkret werden wie möglich?

Es ist sicher ein Mix aus beidem. Bei dem Thema Mentale Gesundheit wurde uns von Anfang an gesagt, dass es nicht auf der priority list steht. Vielfach hatten wir das Gefühl, dass sich in diesem Jahr kaum jemand damit beschäftigen möchte. Dass wir psychische Gesundheit aber trotzdem zu einem eigenen Thema gemacht haben, hat niemand erwartet. Wir sagen: Mentale Gesundheit muss in die Schulen, und sie muss Teil eines Schulfachs sein. Wir sagen auch: Wir möchten es jetzt und nicht im nächsten Jahr. Und wir sagen außerdem, dass wir ein peer-grading wollen: Junge Leute sollen darin geschult werden, mit jemandem, dem es psychisch nicht gut geht, richtig umzugehen.

Der Summit ist vorbei, aber Ihre Arbeit geht weiter. Was steht jetzt noch an?

Wir müssen jetzt noch einmal alle Belege und Studien, die unsere Forderungen stützen, zusammenfassen und gut formulieren – damit auch diese beim Gipfel auf den Tischen landen. Und in einigen Tagen habe ich noch einmal ein letztes Online-Treffen mit dem britischen Sherpa. Wir müssen alle Chancen nutzen.

Wann endet Ihre Arbeit?

Eigentlich wäre sie schon zu Ende. Viele sagen uns aber, dass Großbritannien in Bezug auf die Nongovermentgruppen extrem engagiert ist. Noch nie gab es so viel Arbeit, noch nie war die Vorbereitung so intensiv, und noch nie haben die Gruppen den Summit überdauert. Den Organisatoren ist es aber extrem wichtig, dass unsere Forderungen nicht in der Versenkung verschwinden. Auch wenn ich jetzt endlich einmal wieder ein freies Wochenende haben werde: Wir sind aufgefordert, unsere Forderungen publik und groß zu machen. Im Oktober treffen wir uns noch einmal mit allen internationalen Beteiligten. Hoffentlich live in London.

Der Veranstalter entscheidet also ganz wesentlich darüber, wie ernst die Nongovernment-Gruppen beim G7-Gipfel genommen werden?

Total. Die Latte liegt für Deutschland, das nächstes Jahr den Gipfel austrägt, extrem hoch.

Mira Gunkel, 27, hat Erziehungswissenschaften und Sportwissenschaften studiert und befindet sich im 2. Semester ihres Masterstudiums Erziehungswissenschaften. Sie absolviert außerdem eine dreijährige Ausbildung zur Psychotherapeutin und arbeitet in einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutischen Praxis. In ihrer Freizeit treibt sie gerne Sport und leitet Kindersportgruppen an. Sie engagiert sich zudem in einer digitalen Beratungsplattform für Jugendliche.

Die Fragen stellte Pia Barth.

Weitere Informationen

Das Kommuniqué des Y7-Summit 2021 “Making Waves for Futures Generations” ist einsehbar unter https://www.futureleaders.network/y7-call-to-action

„Weltjugendgipfel“ Summit Y7
Der Y7-Summit findet seit 2006 als Ergänzung der G-7-Gipfeltreffen statt. Junge Menschen aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, den USA und Kanada (in diesem Jahr waren es vier Delegierte pro Land und der EU) erarbeiten Forderungen zu vorgegebenen Themen und leiten sie an den G7-Gipfel weiter. Die Themen des “Weltjugendgipfels” im Mai 2021 waren Climate&Environment, Digital &Technology, Health and Economy.

Der G7-Gipfel, in diesem Jahr von Großbritannien ausgerichtet, findet vom 11. bis 13. Juni statt.