Zhiyi Yang, Sinologin; Foto: Lecher

Dichter sind Dichter, und Politiker sind Politiker, von möglichen Ausnahmen abgesehen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. In China war das jedoch lange Zeit anders, und es galt insbesondere nicht für die chinesische Führung, die während des zweiten Weltkriegs mit den feindlichen Japanern kollaborierte:

„Sie müssen sich vorstellen, dass die meisten führenden Mitglieder dieser Kollaborationsregierung Dichter waren“, sagt die Sinologie-Professorin Zhiyi Yang, zu deren wissenschaftlichem Hauptinteresse die Lyrik der Kollaborateure gehört, „das ist so, als hätte in Frankreich das Vichy-Régime nur aus Schriftstellern bestanden.“

In China hieße sie Yang Zhiyi. Aber dass in Europa und Amerika zuerst der Vor- und dann der Familienname genannt wird, daran hat sie sich längst gewöhnt, seit sie an der Universität von Beijing vergleichende Literaturwissenschaft studierte und 2006 im Anschluss daran in die USA ging, um in Princeton ihre Dissertation über mittelalterliche chinesische Lyrik und insbesondere über den berühmten chinesischen Dichter Su Shi zu schreiben – gewissermaßen über den chinesischen Goethe.

„Die Arbeit heißt ,Dialektik und Spontaneität‘, das klingt schon ziemlich deutsch, nicht wahr?“, lächelt Yang. „Das wiederum passt ziemlich gut“, fügt sie hinzu, „weil ich dabei viel auf die deutsche Theorie der Ästhetik zurückgegriffen habe.“ Zwar beschäftigt sich Yang immer noch mit chinesischer Lyrik im klassischen Stil, also mit einer Dichtkunst, die in puncto Rhythmus, Reimschema und Phonetik strengen Vorgaben folgt.

Der Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit hat sich allerdings um rund 900 Jahre nach später verschoben: Zu klassischer Lyrik im modernen China, und zwar insbesondere zur Lyrik Wang Jingweis, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den Gründern der Republik China gehörte und später die Kollaborationsregierung führte. An diesem Dichter-Politiker hat Yang eine auffällige Diskrepanz beobachtet: „In seiner eigenen Wahrnehmung und auch für viele Leser seiner Gedichte ist Wang ein guter Patriot, der stets zum Wohle Chinas handelte.

In der öffentlichen Erinnerung, zum Beispiel in Schulbüchern und Fernsehsendungen, wird er hingegen als Verräter betrachtet. Mir geht es nicht darum, sein Verhalten moralisch zu be- oder zu verurteilen – mich fasziniert, wie aus historischen Einzelheiten die öffentliche Erinnerung eines Staates wird.“

Chinesisch wird als Fach beliebter

Einen solchen Wechsel ihres Forschungsschwerpunktes wie den von Su Shi zu Wang Jingwei hätte sie an einem der chinesischen oder amerikanischen Institute nicht so ohne weiteres vollziehen können. In Deutschland hingegen genießt sie die Freiheit, dass sie ihre Forschung ganz nach ihren persönlichen Interessen ausrichten kann – umso mehr, als sie an der Goethe-Universität die deutschlandweit einzige Professur für klassische chinesische Lyrik innehat.

„Aber das zeigt, dass die sinologische Forschung in Deutschland mittlerweile einen schweren Stand hat“, bedauert Yang. „Noch immer haben beispielsweise viele Sinologen, die an britischen oder amerikanischen Universitäten lehren, ihre akademischen Wurzeln in Deutschland. Aber es gibt hier nicht genügend Professorenstellen und eigentlich auch zu wenige Studierende. Wegen der wirtschaftlichen Entwicklung in China studieren immer mehr junge Leute Chinesisch.

Einerseits ist das wünschenswert, weil China ja kein Studienobjekt aus einem Museum ist. Umso wichtiger wäre es andererseits, dass sich die Studierenden auch mit chinesischer Philosophie oder Literatur auseinandersetzen.” Yang genießt es, mit ihren Frankfurter Kollegen über verschiedene Forschungsthemen zu diskutieren, so etwa über Gedächtnis/Erinnerung, neuere chinesische Geschichte oder eben Philosophie.

Manchmal reist sie ins Ausland, um sich mit anderen Sinologen über klassische chinesische Lyrik auszutauschen, oder lädt die „scientific community“ der Sinologie an die Goethe-Universität ein. So wie im Juli 2014, als rund 20 Forschende aus Deutschland, anderen europäischen Ländern, den USA, Australien und natürlich Asien zusammenkamen, um über klassische chinesische Lyrik in moderner Zeit zu diskutieren.

Die Teilnehmer dieser Konferenz waren sich einig, dass angesichts des wachsenden Einflusses von umgangssprachlicher chinesischer Literatur und angesichts der Gleichsetzung von „umgangssprachlich“ mit „fortschrittlich/ zukunftsträchtig“ die verschiedenen Formen klassischer chinesischer Literatur besondere akademische Aufmerksamkeit verdienen. Daher verabschiedeten sie die „Frankfurter Erklärung“, in der sie ihre Unterstützung für chinesische Literatur im klassischen Stil und für die Forschung daran ausdrücken.

Dieser Standpunkt soll auch in Zukunft Yangs Forschungs- und Lehrtätigkeit prägen: als Autorin von Monographien über ausgewählte Aspekte chinesischer Literatur, als Vorstandsvorsitzende des Frankfurter Konfuzius-Instituts ebenso wie gegenüber ihren Studierenden, denen sie beispielsweise im kommenden Wintersemester in einem (englischsprachigen) Seminar das Verhältnis von „Man and nature in chinese poetry“ näherbringen will.

Als Doktorandin in den USA verfasste sie selbst viele Gedichte im klassischen Stil, um sich ihrer chinesischen Identität bewusst zu werden. Als Hochschullehrerin an der Goethe-Universität genießt sie es, die Studierenden zum selbstständigen Denken anzuregen, damit auch diese sich ihrer eigenen Identität bewusst werden: „Ich denke, dass die chinesische Kultur dazu besonders geeignet ist.“

[Autorin: Stefanie Hense]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.