Juliane Wolf; Foto: Lecher

Juliane Wolf beim Training; Foto: Jürgen Lecher

Rund 10.000 Kilometer Luftlinie. Zwölf Stunden Flugzeit. Von der Nordhalbkugel in die tropische Wärme der Südhalbkugel – einmal quer über den Atlantischen Ozean. Ziel der Reise ist Rio de Janeiro. In der brasilianischen Großstadt beginnt in wenigen Wochen eines der größten internationalen Sportereignisse im Behindertensport: die Paralympischen Sommerspiele 2016. Mit dabei: die Goethe-Universität.

Juliane Wolf, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sonderpädagogik und zugleich Profi-Tischtennisspielerin, ist eine von zehn deutschen Startern, die mit Schlägern und Bällen im Gepäck die Reise auf den südamerikanischen Kontinent antreten wird. »Die Teilnahme für London hatte ich leider verpasst, umso mehr freue ich mich jetzt auf Rio«, sagt Wolf. Die Vorbereitungen für ihre ersten Paralympics, die vom 7. bis 18. September 2016 stattfinden, laufen bereits auf Hochtouren.

Wolf ist seit ihrer Geburt durch eine neurologische Erkrankung, genannt Cerebralparese, in ihrer Motorik eingeschränkt. Insbesondere ihre linke Körperhälfte ist davon betroffen. »Der Sport hat mir bisher sehr geholfen, meine Motorik zu verbessern«, sagt Wolf. Ihre Behinderung schränke sie kaum ein, nur gelinge es ihr etwa nicht, im Zehn- Finger-System zu schreiben.

Vierte der Weltrangliste

Die Qualifikation als erstes Ziel ist bereits erreicht, doch damit nicht genug: Ihr großer Traum ist es, ein Platz auf dem Podium zu bekommen: »Ich möchte unbedingt eine Medaille gewinnen. Die Chancen dafür stehen ganz gut«, ist die Sportlerin optimistisch. Dabei möchte sie nichts dem Zufall überlassen und bereitet sich intensiv vor, denn eine Paralympicsmedaille zu gewinnen habe eine viel größere Bedeutung als eine EM- oder WM-Medaille, sagt Juliane Wolf, die bei der WM 2014 in Peking Bronze im Einzel und Silber im Team gewonnen hat.

Mit acht Jahren hat sie mit dem Tischtennis angefangen. Ein Schulfreund nahm sie damals mit zum Training. Ihr großer Wunsch war es eigentlich immer, Fußball zu spielen. Aufgrund der vielen Beinarbeit in der Sportart riet Wolfs Familie ihr, doch lieber eine andere Sportart auszuprobieren. Kein schlechter Rat. Neben Tischtennis spielte die derzeit Vierte der Weltrangliste lange Zeit auch Volleyball, bis die Zeit kurz vor dem Abitur nur noch für eine Sportart ausreichte – im Tischtennis war sie erfolgreicher.

Kurz nach dem Abitur dann wollte sie den Schläger an den Nagel hängen und nur noch als Trainerin arbeiten. Zu dem Zeitpunkt allerdings war Juliane Wolf der Behindertensport auch noch nicht bekannt. Während eines Freiwilligendienstes als Trainerin in Schweden erfuhr sie erstmals davon. Daraufhin trat sie nach ihrer Rückkehr 2009 in einen Behindertensportverein ein und setzte ihre Laufbahn als Spielerin fort.

Noch im selben Jahr ließ die BSG Offenburg Wolf ihre erste Deutsche Meisterschaft spielen. Anschließend nominierte sie der Bundestrainer für ihr erstes internationales Turnier. »Jetzt bin ich glücklich darüber, dass ich mich anders entschieden habe«, sagt Wolf. Bereits 2010 wurde die Athletin in das Paralympics-Förderteam des Badischen Behindertensportverbands aufgenommen.

Deutschland hat ein Nachwuchsproblem

Der Offenburger Verein unterstützt die 28-Jährige auch finanziell, ebenso wie die Deutsche Sporthilfe und seit April auch die Frankfurter SportStiftung. Von letzterer wurde Wolf zu einer von vierzehn Botschaftern Frankfurts für Rio auserwählt. »Ohne die finanzielle Unterstützung könnte ich den Sport nicht so betreiben, wie ich es derzeit tue«, sagt Wolf. Doch um davon leben zu können, reiche die Förderung längst nicht aus. Einige ihrer internationalen Gegnerinnen seien Vollprofis, könnten demnach von dem Sport leben.

»Die Behindertensportförderung in anderen europäischen Ländern ist viel fortgeschrittener«, sagt Wolf. In Deutschland bestehe in der Hinsicht großer Nachholbedarf. Sobald internationale Turniere gespielt würden, werde der Unterschied zwischen den Leistungssportlern aus den unterschiedlichen Nationen deutlich sichtbar. Die mangelhafte Förderung im deutschen Behindertensport trage auch zu einem immer größer werdenden Nachwuchsproblem bei.

In Vorbereitung auf Rio trainiert die Nationalmannschaft auch im Tischtenniszentrum in Düsseldorf. Dort werden die Wettkampfbedingungen in Rio mit exakt den gleichen Tischen, Bällen und Bodenbelägen simuliert, sodass vorab unter realen Bedingungen geprobt werden kann. »Das Material spielt eine wichtige Rolle, daher ist es wichtig, schon jetzt mit den Rio-Bällen trainieren zu können«, sagt Wolf. Ihre derzeit größte Sorge vor dem großen Ereignis ist nicht etwa die Nervosität, sondern: eine Verletzung.

»Ich hoffe, dass ich gesund bleibe bis Rio.« Die Sportler erhalten in der Vorbereitung jedoch nicht nur in sportlicher Hinsicht Unterstützung, sondern auch mental. »Die Psyche kann sehr entscheidend sein für den Erfolg eines Spieles, da man beim Tischtennis in einer eins-zu-eins-Situation ist, anders als bei Mannschaftssportarten«, sagt die Athletin. Mit einer gewünschten Medaille im Gepäck, möchte Wolf sich nach den Paralympics zunächst ganz auf ihre Promotion zum Thema Schulbegleitung von Kindern mit Behinderung konzentrieren und eine Weile vom Tischtennissport pausieren. Ihr sei es wichtig, neben dem vielen Sport auch etwas für den Kopf zu tun.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.16 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.