Mirjam Wenzel, Leiterin des Jüdischen Museums, ist Honorarprofessorin an der Goethe-Universität und in diesem Jahr Referentin bei der Kinder-Uni.

Anke Sauter: 2016 kamen Sie als Leiterin des Jüdischen Museums nach Frankfurt, an der Goethe-Universität wurden Sie fast zeitgleich aktiv. Wo gibt es Berührungspunkte?

MIRJAM WENZEL: Ich habe von Anfang an enge Beziehungen zur Goethe Universität gesucht, weil wissenschaftliches Arbeiten für mich das Rückgrat der Museumstätigkeit ist: Ich habe etwa in dem Grade-Programm mitgewirkt und im Rahmen des Studiengangs Curatorial Studies Studierende durch das Museum geführt und mit ihnen zu unseren Themen gearbeitet. Ich habe mehrere wissenschaftliche Konferenzen und Symposien organisiert, auch in Zusammenarbeit mit dem Fritz Bauer Institut. Und seit letztem Jahr bin ich Mitglied im Rat für Third Mission. Im Sommersemester 2018 fand dann auch mein erstes eigenes Proseminar am Institut für Judaistik statt.

Und wie kam es zu dieser engen Verknüpfung?

Das Jüdische Museum ist eine Einrichtung, an der Forschung betrieben wird, angewandte, objektbezogene Forschung. Um diese Forschung zu betreiben, stehen wir schon immer in engem Austausch mit Wissenschaftlern an verschiedenen Universitäten und kooperieren mit Archiven und Bibliotheken, insbesondere auch mit der Frankfurter Universitätsbibliothek, wo es ja auch einen Sammlungsschwerpunkt im Bereich der Judaica und Hebraica gibt. Mein Vorgänger Raphael Gross hatte eine besonders enge Beziehungen zur Goethe-Universität; er war ebenfalls Honorarprofessor und zudem Leiter des Fritz Bauer Instituts. Von daher war die Verbindung sicherlich schon ein wenig angebahnt, zumal ich selbst ja wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität München war, bevor ich im Museum gearbeitet habe. Dementsprechend habe ich mich sehr darüber gefreut, dass mir die Türen an der Goethe Universität so offenstanden.

Was bedeutet Ihnen die Ernennung zur Honorarprofessorin?

Für mich persönlich und für meine wissenschaftliche Arbeit ist dies eine sehr schöne Anerkennung. Da ich ja bereits am Institut für Judaistik unterrichte, wird die Ernennung selbst keine großen Auswirkungen haben. Aber sie unterstreicht, dass das Jüdische Museum und die Universität eng miteinander verbunden sind.

Was motiviert Sie bei der Arbeit mit Studierenden?

Beim Unterrichten interessiert mich, welche Fragen und Themen die Studierenden beschäftigen. Sie lesen die Texte ja anders und sehen darin auch andere Dinge, sind erstaunt, wo ich gar nicht mehr staune. Als Museum versuchen wir, unser Wissen um jüdische Geschichte und Kultur an eine breite Öffentlichkeit zu vermitteln. Und zwar so, dass Menschen interessiert sind, die von anderen Perspektiven herkommen, die andere Hintergründe und Fragestellungen mitbringen. Diese Multiperspektivität lerne ich selbst in meinen Seminaren kennen. Aufgrund meiner eigenen Studienerfahrung ist es mir zudem wichtig, den Studierende Möglichkeiten zu zeigen, was sie später mit dem erworbenen Wissen anfangen können. Für Geisteswissenschaftler ist diese berufsbezogene Perspektive ja nicht von vorneherein gegeben. Meine bisherigen Seminare waren ausstellungsbezogen: Ich habe den Studierenden nicht nur einen Einblick in die Konzeption von Ausstellungen gegeben, sondern ihnen auch angeboten, das erworbene Wissen in Form eines objektbezogenen Textes für die Ausstellung oder den Katalog fruchtbar zu machen. Diese unmittelbare Wirksamkeit zu sehen und zu erleben, dass Museumsarbeit anknüpft an das, was im Rahmen des Studiums erlernt wird, halte ich für Studierende für eine ganz wichtige Perspektive.

Das hört sich nach einer Win-Win-Situation an: Sie bekommen Rückkopplung für Ihre Arbeit im Museum und die Studierenden eine Perspektive auf das, was das echte Leben sein könnte nach dem Studium.

Genau.

In diesem Sommersemester bieten Sie ein Proseminar über die weibliche Seite Gottes an. Sind die Buchreligionen nicht vor allem männlich geprägt?

Seit einigen Jahren wird darüber debattiert, dass der Begriff des Monotheismus eine zu eindeutige Abgrenzung von dem Begriff des Polytheismus vornimmt. Archäologischen Funden zufolge aber müssen wir von Gleichzeitigkeiten und Übergängen in den kultischen Praktiken von Judäa und Samaria ausgehen. Insbesondere vor dem so genannten babylonischen Exil ist die Verehrung von weiblichen Gefährtinnen Gottes, gelegentlich gar von Göttinnen belegt. Spuren davon findet man auch noch in der hebräischen Bibel, z.B. in Jeremia 2, wo es heißt „ihr sollt nicht die Himmelskönigin verehren“. Im Seminar schlage ich einen Bogen von archäologischen Funden aus der Gegend des heutigen Israel bis zur jüdischen Vorstellung der „Einwohnung Gottes auf Erden“, die einen weiblichen Namen hat: Schechina. Im rabbinischen Judentum und in der jüdischen Mystik spielt diese Vorstellung einer dem Menschen zugewandte Seite Gottes eine große Rolle. Das Christentum hat diese dann weiterentwickelt zur Figur der Mutter Gottes, die im Marienkult verehrt wird. Und dieser Bogen, den ich mit Texten und Museumsbesuchen in meinem Seminar schlage, wird auch die Erzählung der Ausstellung sein.

Nehmen die Studierenden bei der Umsetzung eine praktische Rolle ein?

Ich lege im Seminar Wert darauf, dass die Texte gelesen und kurz zusammengefasst werden. Am Ende steht eine praxisbezogene Arbeit. Ich stelle den Studierenden Objekte vor, die in der Ausstellung sein werden, und bitte sie, zu diesen Objekten zu recherchieren und Texte zu verfassen. Im vorigen Jahr sind daraus teils glänzende Beiträge entstanden.

Ihr Seminar bringt u.a. Judaisten und Islamwissenschaftler zusammen. Gibt es da auch manchmal Konflikte?

An meinem letzten Seminar haben auch Islamwissenschaftler teilgenommen, worüber ich mich sehr gefreut habe. Das Seminar hatte die Situation von Jüdinnen und Juden in der unmittelbaren Nachkriegszeit zum Thema. Konflikte gab es da nicht, aber es wurde deutlich, dass der Wissenshorizont sehr unterschiedlich ist. Viele der Islamwissenschaftler konnten kaum glauben, dass Jüdinnen und Juden unmittelbar, nachdem sie den Holocaust überlebt hatten, weiter verfolgt wurden, und wussten nichts über die damalige bürgerkriegsartige Situation in Osteuropa. Ich fand ihren neugieren Blick auf die historischen Ereignisse eine große Bereicherung.

Sie stammen ja aus dem Rhein-Main-Gebiet, sind aber zum Studium nach Berlin und Tel Aviv gegangen. Welches Bild hatten Sie von der Goethe-Uni?

Meine Eltern haben beide an der Goethe-Universität studiert, mein Vater war Jurist, meine Mutter studierte Germanistik auf Lehramt. Sie haben mir natürlich immer erzählt von ihren Studienzeiten.

Über die wilden Jahre?

Ja, auch das. Mein Vater hat Vorlesungen bei Max Horkheimer besucht. Theodor W. Adorno fand er unverständlich. Also im Familiengedächtnis spielte die Goethe-Uni schon eine gewisse Rolle. Später, als ich an der Kracauer-Edition mitgearbeitet habe, bin ich dann selbst zu Recherchezwecken wieder nach Frankfurt gekommen. Damals ging es allerdings vor allem um das Institut für Sozialforschung und die Frankfurter Zeitung, die heutige FAZ. Es gibt also eine biografische Bezogenheit zu Frankfurt als intellektueller Stadt.

Hatten Sie nie erwogen, an der Goethe-Uni zu studieren?

Ich habe Anfang der 1990er Jahre Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft und Politikwissenschaft studiert. Diese Kombination war damals in Frankfurt noch nicht möglich, weil das Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft hier erst später eingerichtet worden ist.

Jetzt werden Sie ja auch unsere Schülerstudenten bei der Kinderuni „unterrichten“. Wie spontan war Ihre Zusage?

Ich finde, das ist ein großartiges Projekt. Als Museum bieten wir ja auch sehr viel für Kinder und Familien an. Wir haben ein eigenes Kinderprogramm, einen Katalog für Kinder, eigene Angebote in den Ausstellungen. Ich sage meinen Kolleginnen immer, wir können nicht an unserem Schreibtisch sitzen und die Dinge nur konzipieren, wir müssen auch ein Gefühl dafür haben, wie sie eigentlich ankommen. Ganz ehrlich: Ich selbst habe unsere Kinderprogramme bislang nur sporadisch begleitet. Gerade deshalb möchte ich gerne im Rahmen der Kinderuniversität ein gewisses Gefühl dafür entwickeln, wie wir diese Zielgruppe für jüdische Geschichte und Kultur begeistern können. Ich mache das gerne, denn ich bin überzeugt: Wir müssen unsere Themen so durchdringen, dass wir Kinder und Jugendliche mitreißen können.

Mit welchem Ansatz werden Sie die Kinder bei der Kinder-Uni begeistern?

Wir wollen jüdische Kultur und jüdisches Leben in seiner Lebendigkeit, Facettenhaftigkeit, Vielschichtigkeit vermitteln. Kinder und Jugendliche erreicht man am besten, wenn sie eine Erfahrung machen dürfen – etwa durch gemeinsames Essen. Die Kaschrut, also die jüdischen Speiseregeln, spielen ja in der jüdischen Tradition eine große Rolle. Eine andere Möglichkeit besteht darin, sie über ihre eigene Familiengeschichte nachdenken zu lassen. Gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund sind viel eher bereit, jüdische Migrationsgeschichten kennenzulernen, wenn sie zuvor über die Erfahrungen ihrer eigenen Eltern und Großeltern sprechen durften. Das sind beispielsweise Zugänge zur jüdischen Geschichte und Kultur, mit denen wir gute Erfahrungen gemacht haben. Jetzt versuchen wir, sie fruchtbar zu machen in der Kinderuni.

Darauf freuen wir uns schon sehr. Vielen Dank für das Gespräch!