Kostenlos, professionell, teamorientiert – die studentische Initiative TechAcademy organisiert digitale Bildung für alle Studierenden an der Goethe-Universität. Dieses Konzept ist dem Deutschen Hochschulverband und dem Deutschen Studentenwerk eine hohe Auszeichnung wert. Sie haben die TechAcademy als „Studierende des Jahres“ ausgewählt.

Ein Unternehmen digitalisieren – wie geht das? Der Bachelor war abgeschlossen, Start up-Erfahrung vorhanden. Doch um das Thema Digitalisierung in Unternehmen voranzutreiben, reichte das technische Wissen nicht aus, noch weniger das Verständnis von digitalen Zukunftsthemen wie Big Data, Machine Learning und Künstlicher Intelligenz. Ein Zustand, den die Gründer nicht länger als gegeben hinnehmen wollten. Der Entschluss zur Gründung der „TechAcademy“ war deshalb im Sommer 2018 schnell gefasst. Digitales Wissen vermitteln, und zwar für alle Studierenden der Goethe-Universität – dieses Konzept haben die Studenten der Wirtschaftswissenschaften Natnael Fekade, Georgios Brussas und Joel Tecle anschließend in „unerwartet harten“ acht Monaten entwickelt. „Man darf die Arbeit einer Gründung nicht unterschätzen“, wissen die Gründer heute. „Man braucht eine richtig gute Idee – und vor allem auch ein richtig gutes Team.“

Die „richtig gute Idee“ von TechAcademy könnte man als einen Supermix aus Data Science, sozialem Engagement, inspirierter Gruppendynamik sowie gesellschaftlicher Verantwortung beschreiben. Die TechAcademy bietet Studierenden an der Goethe-Universität ein digitales Intensivprogramm an. Sie haben die Wahl zwischen Programmieren im Bereich Data Science, also Python oder R, oder im Web Development, also HTML, JavaScript und CSS. Der einsemestrige Kurs ist kostenlos, hochprofessionell und intensiv betreut. Zwei Dinge sind den Gründern besonders wichtig: Studierende nicht Informatik-naher Ausbildungen sollen ihre Angst vor dem Programmieren verlieren. Und Frauen sollen früh in Informatik eingebunden und in dem traditionell eher von Männern dominierten Feld gestärkt werden.  

Mehr als 250 Studierende aus 11 Fachbereichen und 56 Studiengängen haben den Programmierkurs inzwischen durchlaufen und das TechAcademy-Zertifikat erhalten. Wöchentliche Workshops, Meetings und Projektarbeit in der Gruppe – der Arbeitsaufwand beläuft sich auf etwa die Hälfte eines Moduls im jeweiligen Studienfach. Dennoch gehen bei der TechAcademy jedes Semester zwei- bis dreimal mehr Bewerbungen ein, als es Plätze gibt. Dass dies so ist, spricht dafür, dass die Gründer auf eines besonders Wert legen: die Motivation ihrer Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Das Mittel, das die TechAcademy gegen Lernfrust und Motivationsverlust setzt, heißt Community. Nur die Hälfte der Zeit verbringen die Teilnehmer mit eLearning-Kursen, die andere Hälfte werden sie vom TechAcademy-Team eng betreut – in Kleingruppen oder einzeln. Auch die Community-Veranstaltungen tragen zur Motivation bei – wie das opening event, die networking events und das Abschlussfest, Pizzaessen inklusive. Und damit auch die Unterrichtsmaterialien zum Konzept passen, absolute Digitallaien auf dem anstrengenden Bildungsparcours mitzunehmen und praxisnah auszubilden, hat das Team selbst Projektkonzepte entwickelt – etwa zur Auswertung aktueller Coronadaten oder Airbnb-Buchungen in Berlin.

Es spricht für die soziale Intelligenz der Gründer, dass sie die TechAcademy nicht nur im Gründungstrio und als full-time-job betreiben, sondern es inzwischen ein 22-köpfiges Team gibt, das sich die vielen Arbeitsstunden effektiv und gleichberechtigt aufteilt. Zum Beispiel auch, das Bildungsangebot am Anfang jedes Semesters in allen Fachbereichen vorzustellen. Das funktioniert nur, weil das Leitungsteam auch in hohem Maße auf Ausgewogenheit achtet: beim Anteil von Frauen und Männern, von hochspezialisierten Nerds und kommunikationsbegabten Multiplayern, von vollgepacktem Arbeitsplan und Spaß im Team, von „Profis“, die sich auskennen, und Neuen, die hochmotiviert einsteigen und die Staffel weitertragen wollen. „Immer mehr ehemalige Teilnehmerinnen und Teilnehmer schließen sich dem TechAcademy-Team an“, erklärt Georgios Brussas. „Sie haben sich für Themen rund um die Digitalisierung begeistert.“

Finanziert wird die TechAcademy durch die Kooperation mit Tech-Unternehmen wie Microsoft oder der Direktbank ING. Diese garantieren mit ihren Mitarbeitern auch die Professionalität der Workshops. „Wenn zu viel Eigenwerbung gemacht wird, dann schreiten wir ein“, sagt Natnael Fekade. „Wichtig ist uns, dass unsere Teilnehmer sehen, wie digitales Wissen in der Praxis angewandt wird.“ Dass die Unternehmen zudem Praktikumsangebote machen und Jobmöglichkeiten vorstellen, ist gewollt. Warum sollen nicht Fachfremde wie Psychologiestudierende Einblicke in mögliche Berufsfelder bekommen? Nicht wenige Teilnehmer, auch TechAcademy-Mitarbeiter, haben über die TechAcademy-Programme Praktika und auch Jobs gefunden. Auch das passt ins Konzept, möglichst vielfältige Win-Win-Situationen herzustellen.

Hohen Respekt verlangt dem Professor für Betriebswirtschaftslehre, Bernd Skiera, dagegen die Tatsache ab, dass alle Teammitglieder noch immer ehrenamtlich in der TechAcademy aktiv sind. „Das ist schon eine sehr selbstlose Initiative“, findet Skiera. Schließlich könnten die Mitglieder ihre „skills“ andernorts gegen Bezahlung einbringen. Der Electronic Commerce-Spezialist und Professor am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften unterstützt die TechAcademy von Anfang an. „Die Idee ist sehr gut, die Leute sind klasse; ich habe es ihnen zugetraut. Außerdem“, betont Skiera, „wenn nicht in Frankfurt, wo dann? Data Science ist ja gerade für die Unternehmen in Frankfurt äußerst relevant, und der tolle Campus hilft natürlich auch.“

Von einer Sache hat Skiera der Initiative allerdings abgeraten – im November vergangenen Jahres die Online-Konferenz zum den Themen Datenschutz und Künstlicher Intelligenz zu veranstalten. „Viel zu viel Arbeit“, war er überzeugt. Nun ist er froh, dass die jungen Leute nicht auf ihn gehört haben. „Was ich da hinter den Kulissen gesehen habe, war schon beeindruckend professionell.“ Hochkarätige Referenten aus Technologieindustrie, Wissenschaft und Politik, mehr als 1200 studentische Teilnehmerinnen und Teilnehmer: die damalige Präsidentin der Goethe-Universität, Prof. Dr. Birgitta Wolff, sagte prompt ihre Unterstützung als Schirmherrin zu.

Skiera und Wolff haben die TechAcademy dann gemeinsam bei der Ausschreibung der „Studierenden des Jahres“ eingereicht. Dass die Jury des Deutschen Hochschulverbands und des Deutschen Studentenwerks die Idee, auf uneigennützige Weise Studierenden digitale Kompetenzen zu vermitteln, nun als „innovativ, einzigartig und erfolgreich“ beschreibt und ihr die Auszeichnung zuspricht, passt dazu genau. Und dass das Team nun seinerseits die Hälfte des Preisgelds von 5000 Euro spenden will, passt auch.

Die Preisträger der TechAcademy sind Georgios Brussas, Natnael Fekade, Filip Dos Santos, Lukas Jürgensmeier, Jonathan Ratschat, Tahir Simsek, Felix Schneider, Benjamin Lucht, Daniel Schulz, Bianca Lakomiec, Dunja Djebbari, Lara Zaremba, Manuel Mair am Tinkhof, Tom Schwitzkowski, Nadja Wüst, Lazaros Papadopoulos, Reinhild Rülfing, Esnaf Memovic, Mona Stöckl, Pascal Klimmesch, Daniel Hinz und Jan Zacharias.