Prof. Helma Lutz, Foto: Renate Hoyer

Am 18. Dezember 2018 findet zum zweiten Mal der Wissenschaftstag #4genderstudies statt. Ziel ist es, kurz und knapp verständlich zu machen, was Gender Studies sind und tun. Unter dem #4genderstudies und mit Statements wird aufgezeigt, was Geschlechterforschung leistet und warum Geschlechterperspektiven für die Gesellschaft als Ganzes von Bedeutung sind. Geschlechterforschung steht unter Druck – Geschlechterforscher*innen sind zunehmend Hetzkampagnen und Angriffen ausgesetzt, in Ungarn wurde das Studienfach gar verboten.

Das betrifft auch die Goethe-Universität: denn das Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse kooperiert u.a. im Rahmen des Erasmusprogramm mit der Central European University in Budapest. Der Wissenschaftstag stellt eine Antwort auf diese Entwicklungen dar. Er bietet außerdem die Möglichkeit, Gender Studies zu unterstützen – auch wenn es sich nicht um die eigene Forschungsperspektive oder das eigene Forschungsfeld handelt. Denn: welche Forschungsrichtung wird es als nächstes treffen?

Prof. Helma Lutz, Geschäftsführende Direktorin des Cornelia Goethe Centrums, im Interview

Welche Bedeutung haben die Gender Studies für Ihre Forschungs- und Lehrtätigkeit?

Die Gender Studies betrachten einerseits Geschlecht/erdifferenzen als ein in der Gesellschaft tief verwurzeltes soziales Ordnungsprinzip und ermöglichen gleichzeitig, Gender in seiner gesamten Vielfalt von Sexualität, Identität und Zugehörigkeit zu erforschen. Für mich ist es wichtig die Verknüpfung von Gender mit anderen gesellschaftlichen Platzanweisern, wie soziale Klasse, ‚Race‘/Ethnizität, Staatsbürgerschaft, Alter, Religion, ‚Kultur‘ in den Blick zu nehmen. Im Zentrum meiner Forschungstätigkeit und Lehre steht die intersektionale Analyse sozialer Ungleichheiten und damit die Frage welcher Zusammenhang zwischen Diskriminierung und Ausgrenzung aufgrund von Geschlecht und der Abwertung und Benachteiligung aufgrund von sozialer Klasse, Herkunft, Religion, Alter etc. besteht.

Diese Perspektive erforsche ich momentan am Beispiel der aktuellen Care-Debatten etwa in Bezug auf die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit und Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern aber auch zwischen Einheimischen und Migrant*innen. Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit und Anerkennung interessiert mich auch bei der Erforschung anderer Phänomene, etwa der transnationalen Familienführung von Migrant*innen aus Osteuropa oder der Identitätsbildung junger Musliminnen.

Welche gesellschaftliche Bedeutung haben die Gender Studies?

Gender Studies sind ein multi-disziplinäres Feld, in dem ein ständiger interdisziplinärer Austausch stattfindet. Keine angemessene Gesellschaftsanalyse kann heute auf die Erkenntnisse der Gender Studies verzichten, denn die Wirkmächtigkeit von Geschlecht/erverhältnissen steht im Schnittpunkt institutioneller sowie rechtlicher Zwänge, normativer Muster und individuellem Verhalten und beeinflusst den gesamten Lebenslauf aller Gesellschaftsmitglieder.

Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: Die Gender Studies sind wichtig, weil…

Die Gender Studies sind wichtig, weil sie die Frage nach sozialer Gerechtigkeit ins Zentrum von Forschung und Lehre stellen.

Helma Lutz ist seit 2015 geschäftsführende Direktorin des Cornelia Goethe Centrums und seit 2007 Professorin am Schwerpunkt Frauen und Geschlechterforschung des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Gender Studies, transnationale Migrationsforschung,
Intersektionalitätsforschung, Rassismus- und Ethnizitätsforschung, Qualitative Forschungsmethoden und Biographieforschung. Aktuell leitet sie das DFG-Projekt „Decent Care Work? Transnational Home Care Arrangement“. Dieses Projekt befasst sich mit den Arbeitsbedingungen in der 24-Stunden-Pflege in Privathaushalten, die zum großen Teil von MigrantInnen erbracht wird.