Prof. Rolf van Dick, Vizepräsident der Goethe-Universität, Foto: CGC/Mandy Gratz

Am 18. Dezember 2018 findet zum zweiten Mal der Wissenschaftstag #4genderstudies statt. Ziel ist es, kurz und knapp verständlich zu machen, was Gender Studies sind und tun. Unter dem #4genderstudies und mit Statements wird aufgezeigt, was Geschlechterforschung leistet und warum Geschlechterperspektiven für die Gesellschaft als Ganzes von Bedeutung sind. Geschlechterforschung steht unter Druck – Geschlechterforscher*innen sind zunehmend Hetzkampagnen und Angriffen ausgesetzt, in Ungarn wurde das Studienfach gar verboten.

Das betrifft auch die Goethe-Universität: denn das Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse kooperiert u.a. im Rahmen des Erasmusprogramm mit der Central European University in Budapest. Der Wissenschaftstag stellt eine Antwort auf diese Entwicklungen dar. Er bietet außerdem die Möglichkeit, Gender Studies zu unterstützen – auch wenn es sich nicht um die eigene Forschungsperspektive oder das eigene Forschungsfeld handelt. Denn: welche Forschungsrichtung wird es als nächstes treffen?

Interview mit Prof. Rolf van Dick, Vizepräsident der Goethe-Universität

CGC: Prof. van Dick, Sie sind an der Goethe-Universität Frankfurt seit diesem Jahr auch Vizepräsident für Internationalisierung, Nachwuchs, Diversität und Gleichstellung. Am 18.12.2018 findet zum zweiten Mal der Wissenschaftstag #4genderstudies statt. Welche Bedeutung hat die Geschlechterforschung für Ihre Arbeit?

Prof. Rolf van Dick: Für meine Aufgabe als Vizepräsident und meine Zuständigkeit im Gleichstellungsbüro ist es mir ein Anliegen zu schauen, ob wir nicht mehr Frauen fördern können, dort – wo sie gefördert werden müssen. Ich finde, dass das Kaskadenmodell ein gutes Modell für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses an der Uni Frankfurt ist. Das Modell besagt, dass der angezielte Frauenanteil jeder wissenschaftlichen Karrierestufe durch den bereits bestehenden Anteil von Frauen in der direkt darunter liegenden Karrierestufe bestimmt wird. Das bedeutet, dass wir uns die Repräsentanz von Frauen auf der jeweils niedrigeren Qualifikationsebene ansehen – also von den Studierenden zu den Doktorandinnen, von den Doktorandinnen zu den Habilitandinnen und so weiter – und wenn wir an bestimmten Stellen Brüche wahrnehmen, also dass das Verhältnis in ein Ungleichgewicht gerät, dort ansetzen. Das heißt, dass wir uns damit befassen, welche Ursachen diesem Ungleichgewicht zugrunde liegen und was wir verändern können, um wieder zu einem Gleichgewicht zu kommen. In diesem Bereich wird an der Goethe Universität viel getan. Aber wir können natürlich auch immer besser werden.

Wie sieht das konkret aus?

Zum Beispiel betreiben wir aktive Rekrutierung. Hier müssen die Fachbereiche bei Berufungsverfahren offen legen, wie sie sich um weibliche Kandidatinnen bemüht haben. Aktive Ansprache von Frauen belohnen wir mit der Möglichkeit, Mittel für Reisekosten oder ähnliches für die Bewerberinnen bei uns abzurufen. Mit solchen kleinen Sachen können wir bereits viel erreichen. Es geht dabei aber auch immer um fordern und fördern. Wenn man es nicht aktiv unterstützt, wenn man diese Ansätze nicht auch mit Mitteln hinterlegt, dann passiert leider wenig. Die Bereitstellung von Mitteln ist natürlich ein Signal des Präsidiums, dass wir es mit dem Thema Gleichstellung ernst meinen. Mit meinem Amtsantritt habe ich nicht nur die Bereiche Gleichstellung, Diversität und Early Career Research, sondern auch den Bereich Internationalisierung übernommen. Diese Bereiche haben sehr viel miteinander zu tun. An wen kann sich zum Beispiel eine weibliche Doktorandin aus dem Ausland wenden? An das Goethe Welcome Center? An das International Office? Geht sie zu GRADE? Oder geht sie, wenn sie ein Problem hat, ins Gleichstellungsbüro? Daher müssen wir perspektivisch die Kernaufgaben der Abteilungen bzw. Institutionen und deren mögliche Synergieeffekte im Blick halten.

Neben Ihrer Tätigkeit als Vizepräsident sind Sie seit 2006 Professor für Sozialpsychologie an der Goethe-Universität. Welche Rolle spielen die Gender Studies in Ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzung?

In meiner Forschung in der Abteilung für Sozialpsychologie interessiert mich die Genderforschung überall dort, wo wir über Diversität und Führung sprechen. Wir haben zum einen eine ganze Reihe von Studien zum Thema Diversität in Gruppen durchgeführt. Geschlecht ist immer eine Dimension von Diversität. Zum anderen haben wir uns damit beschäftigt, wie stark Frauen motiviert sind, Führungspositionen einzunehmen. In unseren Untersuchungen, z.B. mit Studierenden und Beschäftigten, haben wir festgestellt, dass Frauen etwas weniger motiviert sind, Führungsrollen einzunehmen als Männer. Wir sehen die Ursache dafür in Sozialisationspraktiken und –prinzipien: Kleine Mädchen werden in der Regel nicht durch ihr Umfeld auf Führungsaufgaben vorbereitet. Wir glauben, dass das Thema Macht für Frauen eher negativ besetzt ist, während es für Männer positiv besetzt ist. Kleine Jungs werden zum Beispiel dazu ermutigt, sich durchzusetzen. Diese Unterschiede verschwinden auch nicht ohne weiteres, wenn man tolerante Eltern hat oder selber als Eltern tolerant ist, da Sozialisation in einem größeren Kontext stattfindet. Gleichzeitig haben wir aber auch Studien durchgeführt, in denen wir zeigen konnten, dass bereits das Zeigen von Bildern von erfolgreichen Frauen im Rahmen von Präsentationen zum Thema Führungskräfte den Genderbias beeinflusst.

In den Bereichen, in denen Sie an der Goethe Universität tätig sind, spielen die Gender Studies offenbar eine
wichtige Rolle. Aber welche Bedeutung hat dieses Thema für die gesamte Universität?

Innerhalb des Präsidiums bin ich auch für das Cornelia Goethe Centrum zuständig. Daher war ich auch beim 20-jährigen Jubiläum des Centrums im letzten Jahr zu Gast. Es ist beachtlich, was dort mit vergleichsweise wenig Mitteln auf die Beine gestellt wird. Ich finde die dortige Vielfalt an Fächerkulturen toll. Besonders gefällt mir, dass nicht nur Frauen engagiert sind, sondern auch Männer, wenn auch nicht viele. Das Frankfurter Cornelia Goethe Centrum und die Frankfurter Gender Studies sind international sichtbar. Die Forschung der CGC-Mitglieder hilft uns auf vielfältige Weise bei unserer Arbeit. Aus meiner Perspektive ist das CGC in erster Linie natürlich eine Forschungsplattform und das ist gut so. Je mehr man sich heute vernetzt, je mehr man Fragestellungen interdisziplinär erarbeitet, je mehr man sich Rat und Unterstützung holen kann, umso besser ist die Forschung. Außerdem gibt es den B.A.-Nebenfachstudiengang Gender Studies. Mit dem breiten, interdisziplinären Studienangebot erreichen wir eine große Anzahl von Studierenden, die sich für das Thema interessieren.

Das finde ich wichtig, weil ich zunehmend wahrnehme, dass sich ein Klima in der Gesellschaft breit macht, in dem Bemerkungen wieder hoffähig werden, die noch vor wenigen Jahren nicht toleriert worden wären. In Deutschland wird das z.B. durch PEGIDA und in der Partei Alternative für Deutschland (AfD) sichtbar. Aber man kann diese Entwicklung durchaus auch an der Goethe-Universität spüren. Dem versuchen wir von Seiten des Gleichstellungsbüros aktiv zu begegnen, beispielsweise mit unserer aktuellen Kampagne „laut*stark sexualisierter Gewalt und Diskriminierung entgegentreten“. Es geht darum hinzuschauen und etwas zu tun, wenn man etwas beobachtet. Ich denke, dass das auch auf alle anderen Bereiche ausgeweitet werden muss. Wir sollten hier ein Klima schaffen, in dem alle respekt- und verantwortungsvoll miteinander umgehen, wie es auch im Leitbild unserer Universität formuliert ist. Wir müssen da einfach vorsichtig sein. Wenn man Kollegen und Kolleginnen hat, die sich mit solchen Themen professionell und wissenschaftlich beschäftigen, wie die Mitglieder des Cornelia Goethe Centrums, dann ist es natürlich an der ein oder anderen Stelle leichter, mit solchen Herausforderungen umzugehen.

Die Goethe Universität, insbesondere das Cornelia Goethe Centrum und der Fachbereich Gesellschaftswissenschaften pflegen enge Kooperationsbeziehungen mit der Central European University (CEU) in Budapest, Ungarn. Aufgrund starken politischen Drucks muss die CEU ihren Standort in Ungarn aufgeben und wird ihre Aktivitäten im kommenden Jahr nach Wien verlagern. Wie beurteilen Sie diese aktuellen Entwicklungen?

Van Dick: Ich verfolge nicht nur als Vizepräsident, sondern auch als Wissenschaftler und interessierter Bürger, die Entwicklungen in Ungarn mit großer Sorge. Orban ist dort bereits seit zehn Jahren an der Macht, er ist aber leider keine Ausnahme. Auch in anderen Ländern sind rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien auf dem Vormarsch. Wenn man sich beispielsweise die Äußerungen anguckt, die im Rahmen der Migrationsthematik 2015/16 in Polen, Slowenien und Tschechien getätigt wurden. Oder wie viel Glück wir hatten, dass in Frankreich Macron statt Frau LePen gewählt wurde. Wie viel Glück wir hatten, dass in den Niederlanden nicht die Rechtsextremen die Wahl gewonnen haben und dass in Österreich mit Ach und Krach der grüne Präsidentschaftskandidat in der Stichwahl dann doch noch knapp vorne lag. Es handelt sich um ein gesamteuropäisches Problem. Es ist wichtig, dass wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler uns klar positionieren. Wenn so etwas wie mit der CEU passiert, dann sollten wir uns überlegen, wie wir die Zusammenarbeit ausrichten, um ihnen an ihrem neuen Standort in Wien zur Seite zu stehen.

Wir sollten wie im Fall des Brexits, aber auch der Türkei Brücken bauen und nicht abbrechen. Stipendien für Studierende und Lehrende wie das Philipp Schwartz-Stipendium für gefährdete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind in meinen Augen ein geeignetes Mittel. Man kann überlegen, ob solche Initiativen zum Beispiel auf Ungarn ausgeweitet werden können. Wichtig ist, dass wir Stellung beziehen und uns überlegen, wie Partnerschaften, die wir hatten, haben oder neu eingehen, dazu beitragen, Regime zu unterstützen, die wir nicht unterstützen wollen. Gleichzeitig müssen wir uns fragen, wie Partnerschaften einzelnen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen behilflich sind, die unter diesen Regimen leiden. Das ist eine schwierige Frage, die nicht für alle gleich beantwortet werden kann. Ich würde auf keinen Fall sagen, dass wir nicht mit Universitäten in diesen Ländern zusammenarbeiten sollten, weil das die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler allein lässt. Auf der anderen Seite muss man schauen, ob es sich um einen Austausch von Studierenden und Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen handelt, der wirklich mit Praxis gelebt wird, oder ob es sich um einen Austausch handelt, der letztlich nur ein Aushängeschild für Akteure ist, die wir nicht unterstützen wollen.

Während in Ungarn die Gender Studies als Studiengang abgeschafft wurden, finden auch in Deutschland Angriffe auf das Fach statt. Ob es dabei um die Wissenschaftlichkeit geht, die der Disziplin abgesprochen wird, oder um die Bedrohung von Wissenschaftler*innen geht, die Gender Studies stehen unter Druck. Wie reagiert die Goethe-Universität auf solche Angriffe und mit welcher Unterstützung können die Gender Studies hier rechnen?

Es ist schwierig an dieser Stelle für die gesamte Universität zu sprechen. Natürlich entwickeln wir Ideen und Haltungen im Präsidium. Dabei vertritt das Präsidium die Position, dass die Wissenschaftsfreiheit über allem steht. Das heißt, dass sich hier grundsätzlich jeder und jede so austauschen kann, wie es wissenschaftlich angemessen ist, unabhängig davon, welcher Standpunkt vertreten wird. Damit macht man es natürlich nie allen recht. Das Präsidium muss sich deswegen auch immer wieder der Kritik aussetzen. Persönlich bin ich teilweise schockiert davon, wenn ich im Bekanntenkreis Statements höre, die Fakten hinterfragen, von denen ich nie geglaubt hätte, dass sie hinterfragt würden, zum Beispiel in einer Diskussion um den Gender Pay Gap. Anlass war eine Meldung in der Zeitung, dass der Gender Pay Gap in Deutschland noch deutlich über dem europäischen Durchschnitt liege. Ich dachte, ich müsse in dieser Diskussion nicht die Existenz dieser Lohndifferenz diskutieren, sondern warum wir in Deutschland einen so viel höheren Gehaltsunterschied haben. Ich bin dann aber auf völliges Unverständnis gestoßen und es wurde überhaupt angezweifelt, dass es einen Gender Pay Gap gibt.

Jeder kannte dann eine Frau, die besonders hart verhandelt oder besonders viel verdient. Da ersetzen Anekdoten die Wissenschaft. Ich habe Sorge, dass Fake News und Fake Science etwas befördern, was wir als Universität nicht wollen können. Deswegen sollten wir das Cornelia Goethe Centrum und die Gender Studies weiter unterstützen, damit im wissenschaftlichen Diskurs Material und Forschungsergebnisse produziert werden, die dann zumindest inneruniversitär nicht mehr infrage gestellt werden. Ob wir damit immer die Öffentlichkeit erreichen? Das Problem bei diesem wie bei vielen anderen Themen ist, dass nicht alle, die wir erreichen wollen, in unsere Veranstaltungen kommen. Deswegen ist es interessant, wenn wir innerhalb der Universität entsprechende Kampagnen machen, also innerhalb der Universität informieren. Wenn dann anschließend im UniReport berichtet wird, kann man Menschen zum Nachdenken bringen, die eben nicht unbedingt im Bachelor Gender Studies studieren.

Nachdem wir viel über die gegenwärtige Situation gesprochen haben: Was würden Sie sich für die Geschlechterforschung an der Gothe Universität in Zukunft wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass es in den nächsten zwanzig Jahren mindestens so gut weiter geht wie in den letzten 21 Jahren. Natürlich verändern sich die Frauenforschung und die Gender Studies auch mit dem Kontext und über die Jahre. Bestimmte Themen, die in den 60er Jahren eingefordert und hart erkämpft werden mussten, musste man vor zehn Jahren nicht mehr thematisieren. Gleichzeitig sehen wir in den letzten zehn Jahren wieder Themen aufkommen, die wir längst überwunden geglaubt haben. Wenn ich mir zum Beispiel Germany’s Next Topmodel oder den Bachelor angucke, dann erschreckt mich, zu sehen, wer das alles guckt und wie breit so etwas diskutiert wird – und zwar nicht mit einer kritischen oder ablehnenden Haltung. Deshalb wird es immer Themen geben, die wichtig sind. Die Geschlechterforschung ist ein Thema, was nie ausgeforscht sein wird und wo wir noch ganz viel zu tun haben. Das wird letztlich auch innerhalb der Universität immer Thema bleiben.

[Das Interview führten
Mandy Gratz und Franziska Vaessen,
Cornelia Goethe Centrum]