Studierende der Curatorial Studies im Museum MMK für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, 2020. Foto: © Sonia Palade

Wissenschaftliche Forschung, kuratorische Praxis und die theoretische Reflexion darüber – das hat sich der Masterstudiengang „Curatorial Studies – Theorie – Geschichte – Kritik“ zur Aufgabe gemacht. Mit der Verschmelzung von Universität, Museum und Kunstakademie gelang ein Novum in der deutschen Universitätslandschaft. Dr. Stefanie Heraeus, heute Leiterin des Studiengangs, rief ihn 2010 ins Leben. Gemeinsam mit den Absolventinnen Clare Molloy und Annabel Ruckdeschel blickt sie auf ein bewegtes Jahrzehnt zurück.

„Die Zeit ist wie im Flug vergangen“, staunt Stefanie Heraeus. „Aber wie viel inzwischen passiert ist, das merke ich erst, wenn ich an die vielen inspirierenden Studierenden und Projekte denke“, sagt sie. Als das Masterprogramm zum Wintersemester 2010/11 an der Goethe-Universität startete, war es in Deutschland eins der ersten, das sich wissenschaftlich mit der Praxis des Kuratierens und der Kunstkritik auseinandersetzte. Im Zentrum der Lehre steht hier, neben den Grundlagen der Kunsttheorie die Konzeption von Ausstellungen und künstlerischen Projekten. Die Kooperation mit der renommierten Städelschule und fünf Frankfurter Museen ermöglicht es den Studierenden, kuratorische Praxis hautnah mitzuerleben. Im wöchentlich stattfindenden Seminar „Curators Series“ treffen die Studierenden Kuratorinnen und Kuratoren der Frankfurter Kooperationsmuseen zum gemeinsamen Austausch. „Es ist immer wieder spannend, mit ihnen ins Gespräch zu kommen“, berichtet Heraeus. Zusätzlich gibt es auswärtige Gäste. Dieses Jahr sind u. a. Lucia Pietrouisti von der Londoner Serpentine Gallery und David Teh, einer der Kuratoren der Istanbul Biennale 2021, dabei.

Mischung aus Theorie und Praxis

Clare Molloy absolvierte 2017 ihren Master und arbeitet heute als Assistenzkuratorin am Gropius Bau in Berlin. Sie schwärmt immer noch von der Veranstaltung „Curators Series“: „Manchmal liest man über eine Ausstellung und weiß, dass man die Person, die das Projekt konzipiert hat, nächste Woche im Seminar treffen wird. Das hat mich sehr beeindruckt.“ Clare Molloy hatte ursprünglich Literaturwissenschaft studiert und ihren Bachelor in Großbritannien gemacht. Anschließend zog sie nach Berlin, um an diversen Ausstellungen und Projekten mitzuwirken. „Nachdem ich einige Jahre gearbeitet hatte, war ich auf der Suche nach Entschleunigung und mehr theoretischer Tiefe.“ In Frankfurt fand sie die gewünschte Mischung aus Theorie und Praxis. „Ich habe das Studium hier als intensive Zeit erlebt, als Zeit zum Experimentieren und um meine Interessen auszubauen“, sagt Molloy.

Studierende des Masterstudiengangs Curatorial Studies im Atelier von Thomas Bayrle, 2013. Foto: © Curatorial Studies

Ein weiterer Höhepunkt des Studiums ist das sogenannte Jahrgangsprojekt. Gemeinsam mit ihren Dozierenden und den kooperierenden Museen setzen die Studierenden ein eigenes kuratorisches Projekt um. 2020 war die Ausstellung „Moving Plants“ im Palmengarten zu sehen. Wegen Corona mussten Konzeptionsphase und Planung völlig digital stattfinden. Dr. Heraeus ist sichtlich stolz darauf: „Wir haben uns zusammen mit Christina Lehnert, Kuratorin am Portikus, wöchentlich per Zoom getroffen und konnten erst in den letzten Wochen in den Palmengarten. Das war eine erhebliche Belastung für die Studierenden, die sie beeindruckend gemeistert haben.“

Auch Molloy denkt gern an ihr Jahrgangsprojekt zurück: „Wir haben damals eng mit dem MMK – Museum für Moderne Kunst – gearbeitet und eine Installation des brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica im Palmengarten nachgebaut. Dazu entwickelten wir ein Performance- und Filmprogramm, unter anderem auch mit Vaginal Davis.“ Davis gilt international als Draglegende und performte unter dem Titel „Lesbi Tropicália – Tea and Sympathy“ eine Teezeremonie im Palmengarten. Sechs Jahre nach dieser ersten Zusammenarbeit stellte Molloy die „Ladies on Paper“-Zeichnungen von Davis im Rahmen der „Black Image Coroporation. Theaster Gates“- Ausstellung im Gropius Bau aus.

Wie Ideen, die während des Studiums entstanden sind, auch danach weiterwirken, davon kann auch Annabel Ruckdeschel erzählen. Nach einem Bachelor der Kunstgeschichte schloss sie den Master der Curatorial Studies 2016 in Frankfurt ab. Als Jahrgangsprojekt kuratierte sie die Ausstellung „Vergessene Körper: Helmut Kolle und Max Beckmann“ im Städel Museum, wozu auch ein Ausstellungskatalog entstand. „Im Depot des Städels sind wir auf die Suche nach Werken der Moderne gegangen, die kunstgeschichtlich bisher wenig Aufmerksamkeit bekommen haben und die wir sichtbar machen wollten. So kamen wir auf Kolle“, erzählt Ruckdeschel. Der Künstler Kolle, der in den Zwischenkriegsjahren der Schule von Paris angehörte, blieb für sie auch nach dem Studium wichtig: Ruckdeschel hat ihre Dissertation über die Schule von Paris geschrieben. Heute arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Justus-Liebig-Universität Gießen. „Durch meine Arbeit ist mir noch stärker bewusst geworden, wie viel Wissen ich mir im Studium aneignen konnte“, sagt sie. Dieses Wissen gebe sie gerne an die Studierenden weiter.

Begehrte Studienplätze

Doch wer mit Künstlerinnen und Kuratoren zusammenarbeiten will, muss erst einen der begehrten Studienplätze ergattern – jährlich gibt es maximal 15 Glückliche. Besonders wichtig ist das Motivationsschreiben. „Wir müssen einschätzen, wer ein ernsthaftes Interesse am Fach hat. Unser Bereich ist nicht einfach, wir legen viel Wert auf Engagement und Eigeninitiative. Das muss man wirklich wollen“, erzählt die Studiengangsleiterin. Die meisten Bewerbungen stammen von Frauen, die einen Bachelor in Kunstgeschichte, Philosophie, Ethnologie oder Geschichte haben und bereits erste kuratorische Erfahrungen sammeln konnten. Dennoch ist der Einstieg nicht immer leicht. „Auf der einen Seite sind die Studierenden fest in ihrer Jahrgangsklasse verankert, aber sie bewegen sich durch unsere Kooperationen auch an vielen Orten und spezialisieren sich auf sehr unterschiedlichen Gebieten. Seinen Platz bei uns zu finden, das kann eine Herausforderung sein.“ Molloy erinnert sich aber sehr positiv an die Vielfalt ihrer Kommilitonen: „Alle waren offen und engagiert. Es sind unterschiedliche Perspektiven zusammengekommen, was sehr bereichernd war.“ Um die Früchte des Studiums öffentlich zugänglich zu machen, wurden im Dezember 2020 die „Curatorial Statements“ ins Leben gerufen, mit Unterstützung der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität. Auf ART-Dok, einer internationalen Publikationsplattform für das Fach Kunstgeschichte, werden herausragende Masterarbeiten als Essay veröffentlicht.

Performance von Nora Turato, Ausstellungsreihe Subject:Fwd:Unknown, Jahrgangsprojekt 2019, kuratiert von Studierenden der Curatorial Studies. Foto: © Ben Livne-Weitzman

Ist der Abschluss dann geschafft, bleibt das Alumni-Netzwerk aktiv. „Im Studium haben sich lange Freundschaften entwickelt, mit vielen Personen bin ich immer noch persönlich und beruflich im Austausch“, erzählt Ruckdeschel. Das bestätigt auch Heraeus: „Zu 60 von 78 Absolventen habe ich noch Kontakt. 58 arbeiten in unserem Feld, wobei 40 an Kunst- und Kulturinstitutionen in ganz Deutschland vertreten sind.“

Und wie soll es die nächsten zehn Jahre weitergehen? „Momentan arbeiten wir an einer stärkeren Internationalisierung, bislang kommt knapp ein Drittel der Studierenden überwiegend aus dem europäischen Ausland“, erklärt Heraeus. Wie der Studiengang weiterwachsen wird, hängt auch von der Entwicklung der Museen und Ausstellungsinstitutionen in unserer Gesellschaft ab. Globalisierung, Digitalisierung und soziale Bewegungen, wie Black Lives Matter, werden sich auch auf die Curatorial Studies auswirken.

Autorin: Natalia Zajić

Weitere Informationen zum Studiengang: www.kuratierenundkritik.net