Doku über Haftbefehl: (k)ein Thema für den Schulunterricht?

Eine seit Ende Oktober auf einem Streamingdienst veröffentlichte Doku über den Rapper Haftbefehl stößt auf riesiges Interesse nicht nur bei jungen Zuschauer*innen. Der Stadtschülerrat Offenbach hat gefordert, Texte und Leben des Rappers im Schulunterricht zu thematisieren. Dies wurde jedoch vom Hessischen Kultusministerium bereits abgelehnt. Zwei Frankfurter Erziehungswissenschaftler*innen sehen dies kritisch.

Haftbefehl beim CARStival auf dem Maimarktgelände (Mannheim 2020). © Sven Mandel https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode
Haftbefehl beim CARStival auf dem Maimarktgelände (Mannheim 2020). © Sven Mandel https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode

UniReport: Frau Gilgen, Herr Güngör, wie finden Sie persönlich die Doku über Haftbefehl?

Lara Gilgen: Sowohl beim Rezipieren der Medien rund um die Doku als auch beim Schauen war ich enttäuscht, dass das Potenzial, das die Doku sicherlich gehabt hätte, nicht genutzt wurde: nämlich die Biografie Haftbefehls zu kontextualisieren und gesellschaftlich, historisch einzubetten. Murat Güngör und ich sind beide auch in der Lehrkräfteausbildung tätig und kennen Schule sehr gut von innen. Themen wie Bildungsungleichheit, Rassismus und Differenz sind sehr präsent auf dem Schulhof und in den Klassenzimmern, daher fehlt uns natürlich Substanzielles in dieser Darstellung.

Murat Güngör: Ich schließe mich meiner Kollegin an: Der Film „Babo“ über Haftbefehl ist keine Dokumentation im klassischen Sinne, sondern eine fiktionalisierte Autobiografie, die sehr stark auf Effekte und Voyeurismus setzt. Dabei wird das klassische Narrativ über Aufstieg und Fall eines Rockstars bemüht, wobei sein Drogenkonsum im Vordergrund steht. Das ist spannend für ein konsum- und unterhaltungsorientiertes Publikum. Aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive wäre dieser Film interessant gewesen, wenn das aufgegriffen worden wäre, was aus Schülerperspektive kontrovers und relevant wäre. Das wären dann Aspekte wie Sichtbarkeit sozialer Realitäten, die Migrationsgesellschaft, die Auseinandersetzung mit proletarischer Lyrik und auch das Verhandeln von Geschlechterrollen. Die ablehnende Haltung des Hessischen Kultusministeriums auf die Forderung des Offenbacher Stadtschülerrates, unter anderem mit Hinweis auf antisemitische und sexistische Themen, irritiert. Denn ein offen antisemitischer Komponist wie Richard Wagner wird auch nicht aus dem Musikunterricht verbannt. Dabei geht es nicht um Relativierung von Antisemitismus, sondern um eine Auseinandersetzung am Werk und Künstler. Zudem muss man anerkennen, dass sich Haftbefehl für seine antisemitischen Textstellen bereits vor Jahren entschuldigte.

Sie würden aber sicherlich dafür plädieren, dass die widersprüchlichen und fragwürdigen Textstellen bei einer Besprechung im Schulunterricht Thema sein müssten?

M.G.: Selbstverständlich. Kontroverse Themen in der Gesellschaft gehören auch in die Schule. Da kann man sich auf den Beutelsbacher Konsens beziehen. Denn wo sonst können Schüler*innen einen kritischen Umgang mit Antisemitismus, Rassismus, Klassismus und Gender lernen. Hier passen Schülerorientierung, Kompetenzvermittlung und pädagogischer Auftrag zusammen.

L.G.: Der Vorschlag des Stadtschülerrates bezieht sich ja vor allem auf die Texte Haftbefehls. Die Ablehnung ‚von oben‘ ist wirklich eine verpasste Chance. Denn auf den Schulhöfen wird darüber gesprochen, aber es gibt kein pädagogisches Forum, das auch mal kritisch-reflektierend zu erörtern. Das ist nun gewissermaßen offiziell verboten worden, obwohl es doch den Lehrkräften zuzutrauen sein sollte, ihren Unterricht pädagogisch so zu gestalten, dass er dem Bildungs- und Erziehungsauftrag gerecht wird.

Haftbefehl gilt vielen als Sprachrohr einer Migrantengeneration, er ist aber auch bei Deutschen ohne Migrationshintergrund sehr beliebt. Was zeichnet ihn aus Ihrer Sicht aus?

M.G.: Haftbefehl läutete ab 2010 einen Wendepunkt in der Populärkultur ein: Die bis dahin dominierende monolinguale Ausrichtung der Musik wurde in eine multilinguale überführt. Das ist linguistisch spannend, weil Sprache fluide ist und sich immer in einem dialektischen Prozess mit gesellschaftlichen Strömungen befindet. Migration ist hierbei ein Katalysator für hybride sprachliche Prozesse. Gleichzeitig ist Sprache auch Identität. Von daher überrascht es nicht, dass die hybriden Identitäten der Künstlerinnen sich auch sprachlich in ihren Werken reproduzieren. Das unterscheidet sie im Übrigen von dem Hamburger Rapper Jan Delay, der in dem Film „Babo“ ebenfalls auftaucht. Er rappt und singt monolingual hochdeutsch. Die Virtuosität in der Sprache Haftbefehls und anderer Rapper*innen zeigt sich darin, dass Sprachversatzstücke aus vermeintlich randständigen Sprachen wie dem Arabischen, Türkischen, Kurdischen und Romanes auftauchen. Gymnasiast*innen und auch Studierende wollen plötzlich ähnlich sprechen. In meinen Seminaren muss ich nicht mehr das Wort „Para“ (für Geld) erklären. Wir haben es also mit einem Brückenschlag zu tun: aus dem proletarischen Kontext in die Mitte der Gesellschaft. Das wäre sehr
gutes Material, um dies im Deutschunterricht pädagogisch, grammatikalisch und auch kontextuell aufzugreifen.

L.G.: Mit der (abgelehnten) Anfrage des Offenbacher Stadtschüler*innenrates ist nun zugleich auch ein Diskurs öffentlich gemacht worden, der in der Schule aber immer präsent ist. Migrantische Realität bleibt unsichtbar. Das drückt sich in einem sprachideologischen Diskurs aus: Mehrsprachigkeit bedeutet in der Schule, dass es eine anerkannte schulische Mehrsprachigkeit mit Englisch, Spanisch oder Französisch gibt und eine nicht anerkannte Mehrsprachigkeit aus dem Alltag der Schüler*innen.

Ein Autor wie Feridun Zaimoglu hat schon vor vielen Jahren in »Kanak Sprak« und anderen Texten der migrantisch geprägten Mehrsprachigkeit ein literarisches Denkmal gesetzt. Erstaunlich, dass sich die Institution Schule immer noch so schwer damit tut.

M.G.: Unsere Schule orientiert sich an der Bildungssprache, die die Norm darstellt. Andere Sprachen, Dialekte oder Soziolekte werden hierbei in eine sprachliche Hierarchisierung zur Bildungssprache positioniert. Dabei wird Haftbefehls Sprache als minderwertige Ableitung zur Normsprache verortet. Und es fehlt in der Schule noch mehr: Ich biete seit drei Jahren an der Goethe-Universität ein Seminar an, in dem wir uns erziehungswissenschaftlich mit der HipHop-Kultur beschäftigen. Querschnittsfelder sind die Themen Migrationsgesellschaft und Erinnerungskultur – damit sind meine Studierenden wenig in ihrer Schulzeit in Berührung gekommen, obwohl heute ein großer Teil der Gesellschaft einen Migrationshintergrund hat. Das Narrativ einer gemeinsamen Geschichte ist die Grundlage für ein gesellschaftliches Zusammenwachsen. Dieser Aspekt ist für angehende Lehrkräfte wichtig, weil sie in ihrer beruflichen Praxis mit der Heterogenität einer Migrationsgesellschaft zu tun haben. Es ist die wertschätzende Anerkennung der Realität unserer Gesellschaft.

Lara Gilgen und Murat Güngör arbeiten im Arbeitsbereich „Schule und Jugend“ bei Prof.in Dr. Merle Hummrich im Fachbereich Erziehungswissenschaften.


Lektüretipp REMIX ALMANYA – Eine postmigrantische HipHop-Geschichte von Murat Güngör und Hannes Loh, erschienen im Hannibal Verlag 2024. Am 13. Januar 2026 findet eine HipHop-Show zum Buch im Mousonturm in Frankfurt statt.

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