Von 2015 bis 2025 hat das Academic Welcome Program for highly qualified refugees (AWP) Hunderten Menschen den Weg in das deutsche Hochschulsystem geöffnet. Bei der Jubiläumsfeier des studienvorbereitenden Programms für Geflüchtete an der Goethe-Universität blickten Beteiligte, Alumni und Fördernde auf eine Dekade engagierter Integrationsarbeit – und auf die Zukunft des Nachfolgeprogramms Academic Bridge Program (ABP).

Seit 2015 begleitet das AWP geflüchtete Menschen auf ihrem Weg ins Studium an einer deutschen Hochschule – mit Sprachkursen des Internationalen Studienzentrums (ISZ), studienvorbereitenden Workshops, individueller Beratung und sozial-integrativen Angeboten. Über 800 Personen haben seitdem am Programm teilgenommen. Aktuell studieren über 120 Alumni des AWP an der Goethe-Universität, viele weitere haben ein Studium in ganz Deutschland verteilt aufgenommen oder bereits erfolgreich abgeschlossen. Diese Erfolge und das langjährige Bestehen des Programms wurden am 22. Oktober anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des AWP im Festsaal des Casino-Gebäudes gebührend gefeiert.
„Dass wir heute hier zusammenkommen, ist ein starkes Signal“, sagte Dr. Rebekka Göhring, Bereichsleitung Studium Lehre Internationales (SLI), zu Beginn der Feier. „Der Aufbau des AWP war damals echte Pionierarbeit, getragen von großem Einsatz. Umso beeindruckender ist das starke, nachhaltige Ergebnis, das wir heute feiern können.“ Zehn Jahre nach der Gründung des AWP sei der Anlass nicht nur ein Moment des Zusammenkommens von Menschen, die das Programm gefördert, begleitet, getragen oder selbst durchlaufen haben, sondern zugleich ein Moment des gemeinsamen Rückblicks.
Ein Jahrzehnt Engagement für Bildung und Integration
Ins Leben gerufen wurde das AWP im Herbst 2015 – als schnelle universitäre Antwort auf die damalige Fluchtbewegung. Rund 1,5 Millionen Menschen flohen allein im Jahr 2015 vor Bürgerkrieg, Verfolgung und Not nach Europa, ihrer Perspektive und Teilhabe in ihren Heimatländern beraubt. In Deutschland allgemein sowie auch an der Goethe-Universität hat man sich folgende Frage gestellt: Wie gehen wir als Gesellschaft, als Institutionen und als Einzelpersonen mit dieser Herausforderung um?
Mit dem AWP hat die Goethe-Universität eine schnelle und effektive Antwort gefunden, um Geflüchteten mit akademischen Ambitionen eine Perspektive zu eröffnen: „Die Goethe-Universität hat ein Programm für geflüchtete Menschen mit akademischer Qualifikation geschaffen. Die Zugänglichkeit zum Bildungssystem auf einem adäquaten Niveau ist für Erwachsene ein wesentlicher Schlüssel zur Teilhabe und zur Selbstbestimmung und auch zur gesellschaftlichen Integration“, reflektierte Prof. Dr. Viera Pirker, Vizepräsidentin für Studium und Lehre, in ihrem Grußwort zur Jubiläumsfeier. Doch das Programm ist weit mehr als das: Es ist auch manifestierte gesellschaftliche Verantwortung, welche die Goethe-Universität als Bürgeruniversität trägt.
Die Idee für das AWP entstand 2015 im International Office der Goethe-Universität. Eine Schlüsselfigur dieser Gründungsphase war Hanna Reuther, die das Programm zunächst im International Office und inzwischen als stv. Abteilungsleitung im Bereich Studium Lehre Internationales begleitet. Sie trug maßgeblich zur Konzeption und zum Aufbau des Programms bei, warb unentwegt neue Drittmittel für das Programm ein und brachte es Schritt für Schritt gemeinsam mit den ersten und folgenden Programmkoordinator*innen in die heutige Form. Insbesondere die finanzielle Förderung des Landes Hessen und etwas später die Mittel des Deutschen Akademischen Austauschdienstes konnte die langjährige und dabei qualitativ hochwertige Arbeit des AWP sicherstellen. Dr. Rainer Gruhlich, Leiter des Referats für Internationale Angelegenheiten am Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur (HMWK) und geladener Vertreter des Landes Hessen, zeigte sich in seiner Rede beeindruckt von der Umsetzung und der nachhaltigen Wirkung des AWP.
In der Rückschau zeigt sich, wie schnell und entschlossen die Goethe-Universität damals handelte: Innerhalb weniger Monate wurden erste Sprachkurse organisiert, Strukturen geschaffen und Kooperationen wie mit der Goethe Law Clinic (GLC) und der Psychosozialen Beratungsstelle für Geflüchtete (PBF) und vor allem mit Mattheus Wollert, Matthias Schramm und Sigrid Körner vom ISZ als Hauptpartner aufgebaut, wie Hanna Reuther im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit ehemaligen Programmkoordinator*innen erinnert. Die Zahlen unterstreichen den Erfolg: Von anfangs 30 Teilnehmenden im Wintersemester 2015/16 wuchs das AWP binnen weniger Semester auf über 300 Personen an. Viele von ihnen kamen aus Syrien, Afghanistan oder dem Iran – und fanden in Frankfurt einen akademischen Neuanfang.
Auch die Jahre nach der Gründung stellten das Programm vor neue Herausforderungen. Während der Corona-Pandemie mussten Sprachkurse und Beratungsangebote digitalisiert werden. Julia Jochim, damalige Koordinatorin, initiierte unter anderem eine Laptop-Spendenaktion, um digitale Teilhabe zu ermöglichen. Als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfiel, reagierte das AWP erneut schnell und nahm bereits im Sommersemester 48 ukrainische Geflüchtete auf. Die Fähigkeit, auf neue Herausforderungen flexibel zu reagieren und Teilnehmende auch in Krisenzeiten zu unterstützen, wurde zu einem zentralen Merkmal des Programms.
Erfolgsgeschichten: Ehemalige Teilnehmende berichten
Im Laufe der Jubiläumsfeier kamen auch drei Alumni zu Wort, die zeigten, wie nachhaltig das Programm für seine Teilnehmenden gewirkt hat. So berichteten zwei Absolvent*innen während der Podiumsdiskussion über ihren Werdegang nach der Teilnahme am AWP. Der 28-jährige und aus Syrien kommende Diaa Bek Shkeer, der das Programm bereits im Sommersemester 2017 abgeschlossen hat, studierte an der Goethe-Universität Jura und hat im Dezember letzten Jahres sein erstes Staatsexamen erfolgreich abgeschlossen. Die 29-jährige Yuliia Serhiienko, die bereits in der Ukraine ihr Studium im Bereich Software Engineering beendet hat, erzielte erst im letzten Sommersemester das bestmögliche Ergebnis in der Abschlussprüfung des DSH-Kurses und bereitet sich nun auf ihr Folgestudium in Deutschland vor. „Das AWP ermöglicht mir diesen Weg“, sagte Serhiienko.
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion hielt Behzad Fotoohi eine Dankesrede. Der gebürtige Iraner hat an der Goethe-Universität Erziehungswissenschaften im Master studiert und arbeitet heute als stellvertretender Leiter in einer Frankfurter Kita. Mit seiner Rede richtete er auch einen Appell an alle aktuellen Programmteilnehmenden: „Lernt die Sprache, bleibt diszipliniert und nehmt die Hilfe an, die euch das AWP bietet. Ihr könnt mehr erreichen, als ihr euch heute vielleicht vorstellen könnt.“
Fotoohi, Serhiienko und Shkeer stehen exemplarisch für viele ähnliche Wege: Studierende, die im AWP ihre ersten Schritte in ein neues Bildungssystem gemacht und ihren Platz an der Universität gefunden haben.
Den symbolischen Bogen spannte Viera Pirker in ihrer Rede mit einer Anspielung auf die Praxis der „Schlüsselvergabe“ – verdeutlicht mit den ersten Eintragungen ins Schlüsselbuch des 1951 neu erbauten Instituts für Sozialforschung: Hier stehen die Namen der Forschenden, die nach Lehrverbot, Entlassung und Flucht während der NS-Diktatur nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder an die Goethe-Universität zurückgekehrt waren. „So wie damals Horkheimer und Adorno, haben Sie heute Ihre Schlüssel in den Händen, übernehmen heute und künftig Verantwortung – hier in Deutschland, vielleicht in den Ländern, aus denen Sie fliehen mussten, oder an ganz anderen Orten.“
Mit dem Jubiläum endet zugleich ein Kapitel und beginnt ein neues: Die Förderung des neuen Programms Academic Bridge Program (ABP) durch die Europäische Union sichert die Fortführung der Studienvorbereitung für Geflüchtete bis Juni 2028 mit bewährten und neuen Programmelementen. Was 2015 als kurzfristige Initiative begann, ist heute ein langfristig verankerter Bestandteil der Internationalisierung und Integrationsarbeit der Goethe-Universität.
Kontakt:
Johannes Nebe,
kommissarischer Programmleiter ABP
j.nebe@sli.uni-frankfurt.de
Partner & Engagierte, die das AWP unterstützen
Im Sommer 2015 entwickelte eine Arbeitsgruppe unter der damaligen Vizepräsidentin Prof. Dr. Tanja Brühl die anfängliche Struktur des AWP und schaffte pragmatische Lösungen für die Öffnung von Zugängen der Geflüchteten zu Deutschkursen, dem Gasthörerprogramm und universitärer Infrastruktur. Darin arbeiten das ehemalige International Office, das Studierendensekretariat, HRZ, UB, ISZ, das Gleichstellungsbüro, die Zentrale Studienberatung, der AStA und die 2013 gegründete Initiative AE Worldwide mit. Die Private Hochschulförderung und der RMV unterstützten ebenfalls. Relativ schnell kamen als wichtige interne und hochschulnahe Partner die Goethe Law Clinic, die psychotherapeutische Beratungsstelle für Flüchtlinge, der (International) Career Service, die Initiative Start ins Deutsche, die Hochschulgemeinden ESG und KHG sowie das Studierendenwerk Frankfurt dazu. Externe Partner waren der Garantiefonds Hochschule, die Arbeitsagentur und Jobcenter, das Welcomecenter Hessen, das Frankfurter Arbeitsmarktprogramm Beratungszentrum Agentur gGmbH, IHK und HWK, berami e.V. – berufliche Integration e.V., die Anerkennungsberatung IQ-Netzwerk Hessen wie auch Caritas Frankfurt, die Volkshochschule Frankfurt und die Walter-Kolb-Stiftung.











