Der Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität veranstaltet seine 11. Internationale Jahreskonferenz zum Thema „Revolution, Reaktion, Restauration: Umbrüche normativer Ordnungen“. In der Geschichte der Moderne hat sich die Abfolge häufig als eine Art Kreislauf dargestellt: Auf eine Revolution folgt die Reaktion als unmittelbare Antwort. Wenn der krisenhafte Widerstreit aus Revolution und Reaktion entschieden ist, gibt es zumeist eine Restauration als längerfristige Phase der Konsolidierung und Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen. Die Analyse dieses Dreiklangs und seine mögliche Erklärungskraft für die Gegenwart steht im Mittelpunkt der beiden Konferenztage am 22. und 23. November im Gebäude „Normative Ordnungen“ auf dem Campus Westend.

Die programmatischen Begriffe sind nicht nur analytisch schwierig zu fassen – sie implizieren auch eine evaluative Dimension, die nach weitergehender Klärung verlangt: Was zum Beispiel ist revolutionär und was reaktionär? Daneben geht es auf der Konferenz – analog zur Interdisziplinarität des Cluster-Forschungsprogramms – auch darum, welche Erkenntnisse sich für unsere Zeit aus der Betrachtung historischer Umbrüche gewinnen lassen. In welcher Weise und mit welcher Notwendigkeit unterliegen normative Ordnungen auch heute einem ähnlichen Kreislauf? Auf dem Programm stehen drei Panels mit insgesamt neun Vorträgen in englischer und in deutscher Sprache. Hinzu kommt eine Keynote von Jan-Werner Müller, Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University.

Die Konferenz startet mit einem Panel zum Thema „Umbrüche internationaler Ordnungen“, moderiert von Gunther Hellmann, Professor für Politikwissenschaft und Mitglied des Clusters. Hier stehen revolutionäre, reaktionäre und restaurative Herausforderungen internationaler Ordnungen im 19. Jahrhundert und in der Gegenwart im Zentrum der Diskussion.

Den Anfang macht Benno Teschke, Experte für Internationale Beziehungen und Professor an der University of Sussex, mit dem Vortrag „Revolution, Restoration & 19th Century International Ordering: Challenges for IR Theory“. Im Fokus stehen geopolitische strategische Interessen im Rahmen der ‚Pax Britannica‘. „Die partikularistische Reaktion gegen multilaterale Institutionen“ heißt das Thema von Armin von Bogdandy, Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg und Mitglied des Clusters. Er untersucht reaktionäre Angriffe auf internationale Institutionen im Lichte einer Auseinandersetzung mit Carl Schmitts ‚Begriff des Politischen‘. Im Beitrag von Ximena Soley und Silvia Steininger, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Heidelberger MPI, geht es um „Human Rights Courts Under Pressure: Backlash and Resilience in the European and Inter-American Human Rights System“. Analysegegenstand sind Angriffe auf die Autorität internationaler Gerichte.

Jan-Werner Müller, der diesjährige Keynote Speaker, gilt aktuell als einer der einflussreichsten politischen Theoretiker. In seinem Vortrag „Democracy and Disrespect“ setzt er sich kritisch mit der These auseinander, wonach eine Ursache für populistische Bewegungen darin liege, dass sich immer mehr Menschen nicht ausreichend respektiert fühlten.

Das zweite Panel – dann am 23. November – geht unter dem Titel „Die Revolution und das Volk“ zunächst von dem Befund aus, dass seit den demokratischen Revolutionen der Moderne die Einheit von Souverän, Staat und Volk nicht mehr durch den Körper des Monarchen hergestellt werden könne. Die Frage, wer das Volk sei und wer es repräsentiere, bleibe in Demokratien grundlegend unterbestimmt und umstritten. Die Panel-Moderation hat Martin Saar, Cluster-Mitglied und Professor für Sozialphilosophie.

Zu Beginn spricht Dirk Jörke über „Populismus – oder das Ende des liberalen Zeitalters“. Der Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Darmstadt skizziert eine nichtliberalistische Deutung des Populismus, die sich auf marxistische Denkmotive stützt. In seinem Vortrag „Die Möglichkeit der Revolution“ fragt Christoph Menke, Philosophieprofessor und Mitglied des Clusters, nach dem Subjekt, das fähig ist, eine Revolution zu machen. Die Philosophin Sofie Møller, Postdoktorandin am Cluster, lenkt den Blick auf „Hindsight and Foresight in Kant’s Opposition to Revolution“ und damit auf alternative Methoden zur Förderung des politischen Wandels jenseits von Revolutionen.

Das dritte und abschließende Panel „Gewalt, Kultur und Politik in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche“ zeigt unter anderem auf, dass die „gerechtere Welt“, für die Revolutionäre eintreten, verschieden interpretiert wird, etwa als politische Gleichheit aller Bürger oder als gottgewollte Ordnung mit fundamentalen Ungleichheiten. Moderator ist Hakim Khatib, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam am Exzellenzcluster.

„Terror, Tod, Trauer, Trauma: Die Auseinandersetzung um die Französische Revolution in der Restauration“ heißt das Thema von Gudrun Gersmann. Die Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität zu Köln rekonstruiert, wie die französische Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts die von Gewalt geprägten Erfahrungen der Französischen Revolution zu verarbeiten versuchte. Die Ethnologieprofessorin Susanne Schröter vom Exzellenzcluster referiert über „Islamische Revolutionen – Die Beispiele Syrien und Irak 2014 und Iran 1979“ und vergleicht die Verläufe und die kulturellen, politischen und religiösen Konzepte, die bei den beiden Revolutionen zum Tragen kamen. Schließlich widmet sich Jason Mast, Postdoktorand des Clusters, den „Cultural Codes in Brexit and the 2016 US Presidential Election”. Er analysiert, welche „kulturellen Strukturen“ und Begründungsnarrative die kaum für möglich gehaltene Abkehr von multikulturellen und liberalen Werten befördert haben.

Die Konferenz ist presseöffentlich. Eine vorherige Anmeldung wird erbeten – bitte unter: office@normativeorders.net

Programm: www.normativeorders.net/de/veranstaltungen/jahreskonferenzen