Prof. Lisette Gebhardt; Foto: Privat

Prof. Lisette Gebhardt vertritt die Japanologie der Goethe-Universität auf dem 33. Deutschen Orientalistentag, der vom 18. bis 22. September an der Friedrich-Schiller Universität Jena stattfindet. Gebhardt wird auf der größten Fachveranstaltung der deutschen Orientalistik, die sich mit „Asien, Afrika und Europa“ beschäftigen wird, einen Panel zum Thema „Neue Literaturgeschichtsschreibung japanologisch“ leiten. Wir haben Prof. Gebhardt vorab einige Fragen zum Kongress gestellt.

Frau Prof. Gebhardt, was sind Ihre persönlichen Erwartungen vom 33. Orientalistentag, haben da aktuelle Reibungspunkte zwischen Okzident und Orient auch eine Bedeutung?

Die Orientalistentage, die mit der ersten Veranstaltung in Leipzig 1921 ihren Anfang nahmen, führen uns Asienwissenschaftlern die lange Forschungsgeschichte vor Augen, in deren Tradition wir stehen und die wir fortschreiben wollen – in einer zeitgemäßen Form. Wahrnehmung und Beschreibung einer West-Ost-Dichotomie stellen in der Tat eine Konstante der Orientalistik dar, wenn sie sich kulturessentialistisch versteht. Die aktuellen Konflikte wären jenseits medialer Stereotypen eher im Zusammenhang mit Verwerfungen der soziopolitischen Realität zu erklären, als dass man sie kulturell deuten kann. Orientalistentage verstehen sich generell als Foren, auf denen Missverständnisse aufgeklärt werden sollen. Ich persönlich würde mich gerne mit den Kollegen aus den „beforschten Regionen“ austauschen, um z.B. authentische Aussagen über ihre Lage an den landeseigenen Universitäten zu erhalten.

Welche Rolle spielt die Japanologie innerhalb der sehr breit aufgestellten Orientalistik?

Das Fach reiht sich dort in das Spektrum der asiatischen Kulturen ein und wurde seit den 1960er Jahren von renommierten älteren Vertretern der Japanologie wie Wolfram Naumann (*1931) und Nelly Naumann (1922-2000) auf den Orientalistentagen repräsentiert, in erster Linie mit altphilologischer und geistesgeschichtlicher Ausrichtung. Seit einiger Zeit werden vermehrt Themen der Gegenwart behandelt und zudem Fragen der Neujustierung der Wissenschaftsfelder – entsprechend etwa dem Motto des 30. Deutschen Orientalistentags mit dem Thema „Orientalistik im 21. Jahrhundert. Welche Vergangenheit. Welche Zukunft“ (2007, Freiburg im Breisgau). Die japanologische Sektion leitete damals der weithin geschätzte Klaus Antoni aus Tübingen, der übrigens im Wintersemester an der Japanologie unserer Universität einen Vortrag zu seinen Forschungen über den Shintô halten wird. Japanologen haben auf dem an sich sehr „traditionellen“ Orientalistentag vielleicht öfter als andere Disziplinen den Weg zum Zeitgenössischen gesucht.

Ihr Panel in der Sektion Japanologie ist der Neuen Literaturgeschichtsschreibung Japans gewidmet: Was werden dort Themen und Tendenzen sein?

Der Panel verfolgt die Gedanken zu einer Bilanzierung in den Asienwissenschaften weiter und fragt, wo die Japanologie heute steht. Dazu muss die Forschungsgeschichte auf den verschiedenen Gebieten neu eingeschätzt werden. Erstaunlicherweise zählt die Literaturgeschichte der klassischen Moderne und der Gegenwart zu den vernachlässigten japanwissenschaftlichen Bereichen. Wir wollen deshalb die älteren Sichtungen japanischer Literatur als überwiegend biographistisch angelegte, historisch rekonstruierende Darstellungen des „Werks“ ebenso wie den alten Kanon hinterfragen und gegenwärtige Entwicklungen diskutieren: den Literaturmarkt, die Performanz von Autoren / Autorinnen in der japanischen Medienkultur, innovative Literaturformate wie den Handyroman bzw. „Twitteratur“ sowie die Tendenz zur Repolitisierung des Literarischen – im Medium und in seiner Interpretation. Letzteres ein ganz wichtiger Aspekt in einer Ära zunehmender Entdemokratisierung, wie ich meine.

Fragen: Dirk Frank