„Wissensräume. Der Campus und seine Architektur“ fand im Juli an der Goethe-Uni statt.

„Wissensräume. Der Campus und seine Architektur“ fand im Juli an der Goethe-Uni statt.

„Wissensräume. Der Campus und seine Architektur“ ist der Titel einer Konferenz, die im Juli an der Goethe-Uni stattgefunden hat. Dieser Nachbericht beleuchtet einzelne Vorträge.

Campen, Campusse, Campi? Wie lautet denn nun der korrekte Plural von Campus? Das war die Frage eines Teilnehmers der Konferenz „Wissensräume. Der Campus und seine Architektur“ vom 22.-23. Juli an der Goethe-Universität, deren Antwort sich keiner sicher war, obwohl sich die Organisatoren in ihrem Programm für den Ausdruck „Campen“ entschieden hatten. Anlass für die Studiengruppe „Architektonischer Affekt und gebaute Imagination“ des Forschungszentrums Historische Geisteswissenschaften an der Goethe-Universität, gemeinsam mit dem „Atelier de Recherche“ der Universität des Saarlandes eine derartige Veranstaltung zu konzipieren, war vielmehr der architektonische und räumliche Wandel der Goethe-Universität in den vergangenen Jahren. Mit dem Abriss des AfE-Turms sei auch eine gewisse Universitätskultur auf dem Campus Bockenheim zu Ende gegangen, heißt es im Konzeptionspapier zur Konferenz. Mit der räumlichen Konzeption und architektonischen Gestaltung des Campus Westend seien die historischen und typologischen Bezüge nun ganz andere.

In einem ersten Themenblock beschäftigten sich die Experten mit „Campen der Nachkriegsmoderne“, somit auch mit dem Campus Bockenheim, der während des Zweiten Weltkriegs zu großen Teilen zerstört worden war und in den Jahren danach wiederaufgebaut werden musste. Spricht man über den Campus Bockenheim als architektonisches Objekt, ist es unvermeidlich, den Namen des Architekten Ferdinand Kramers nicht unerwähnt zu lassen, der in seiner Zeit als Baudirektor der Goethe-Universität von 1952 bis 1964 insgesamt 23 Universitätsgebäude auf dem Gelände an der Senckenberganlage errichtete. So war es einer der ersten Vorträge auf dieser Konferenz mit dem Titel „Kramers Konzepte für die Universität Frankfurt. Anspruch und Realisierung“, gehalten von Dr. Bettina Marten vom kunstgeschichtlichen Institut der Goethe-Universität, der seine Arbeit behandelte. „Understatement mit Eleganz zeichnen seine Entwürfe aus“, sagte Marten. Sie erinnerte auch an Kramers Vorstellungen eines „Studierzimmers“ im Wohnheim mit angenehmen Arbeitsbedingungen, viel Licht, bequemen Sitzmöglichkeiten und kurzen Wegen zu den Bücherregalen.

Für seine Planungen hätten die praktischen und sozialen Bedürfnisse der Nutzer stets eine zentrale Rolle gespielt. Seine Entwürfe seien schlicht, variabel, flexibel und stets bedarfsgerecht gestaltet. Der Platz- und Raummangel habe die Bebauung des Campus bei stetig steigenden Studierendenzahlen erschwert, erklärte Marten. Kramer sei für gewisse Schemata bekannt gewesen, die er immer wieder anlegte. Dies spiegele sich in den Gestaltungselementen der Universitätsbauten wie Labsaal, biologisches Camp, Institut für Lebensmittelchemie oder Philosophicum wieder, die eine gewisse Gradlinigkeit und den Stahlskelettbau ohne tragende Wände gemein hätten. Die Konferenzteilnehmer konnten Kramers Architektur zugleich selbst hautnah erleben. Darauf machte Marten sie aufmerksam: „Die Stühle auf denen wir sitzen, das sind die Stühle, die er als zweckmäßig empfand.“ Die von Kramer gestalteten Sitzgelegenheiten werden noch heute in den Räumen am Campus Bockenheim genutzt.

Weg von der Architektur Kramers hin zu den „Campen der Gegenwart“, ein weiteres Thema der Konferenz. Hierbei stand der neubebaute Campus Westend im Mittelpunkt. Prof. Bernd Belina und Jürgen Schardt vom Institut für Humangeographie der Goethe-Universität nahmen ihren Vortrag mit dem Titel „Der Campus als Raum der Neoliberalisierung?“ zum Anlass, eine kritische und mitunter auch polemisch vorgetragene Bestandsaufnahme des Campus rund um das IG-Farben-Haus darzulegen. Dabei griff Belina zunächst den Aspekt der „relationalen Lage“ im Stadtraum auf. Angelehnt an den Mietspiegel von 2014 sei das Westend eine der teuersten Wohngebiete Frankfurts, sagte Belina und maß dem Standort damit eine gewisse „Leuchtturmhaftigkeit“ bei. Ganz anders als in Bockenheim, wo sich der Campus schon immer mit dem Stadtteil verschmolzen habe und studentisches Leben möglich gewesen sei. Sein Kollege, Jürgen Schardt, kritisierte zudem die Vorgehensweise beim Umzug der Universität vom Campus Bockenheim auf den Campus Westend. Es sei kein Zufall gewesen, dass nach den Geisteswissenschaften zunächst das House of Finance und die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften ihre Bauten beziehen konnten und erst im Anschluss daran die Gesellschaftswissenschaften das PEG-Gebäude. Jene Fachbereiche erhielten dadurch eine besondere Aufwertung, sagte Schardt.

Weiterhin bemängelte der Gesellschaftswissenschaftler die späte Entstehung eines Studierendenhauses in Randlage auf dem Campusgelände. Dies sei ein Zeichen dafür, dass studentische Partizipation nicht erwünscht sei. Hingegen auf dem Campus Bockenheim sei es der erste und einer der wichtigsten Neubauten nach dem Zweiten Weltkrieg im Zentrum des Universitätsgeländes gewesen. „Auch Sicherheit und Prävention sollen eine studentische Aneignungspraxis unterbinden“, sagte Schardt. Hierbei verwies er auf den Zaun vor dem IG-Farben-Haus, die Präsenz von Sicherheitsdiensten auf dem Gelände und eine zunächst nicht gestattete Plakatierung des PEG-Foyers. „Es entsteht der Eindruck, dass Architektur vor Menschen geschützt werden muss“, äußerte Schardt. Mit dem Umzug habe die Universität einen Imagewechsel vollzogen: Vom „Schmuddelkind Bockenheim“ zum Hochglanzcampus Westend.