Foto: Melissa Messerschmidt

Foto: Melissa Messerschmidt

Anfang Februar fand auf dem Campus Westend eine bislang einzigartige Konferenz über Transsexualität statt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Neuro-, Bio- und Rechtswissenschaften führten unter dem Titel „Transsexualität. Eine gesellschaftliche Herausforderung im Gespräch zwischen Theologie und Neurowissenschaften“ einen Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern aus Theologie und Kirche über Geschlechtervielfalt am Paradigma der Transsexualität.

Zu den Teilnehmenden gehörten herausragende Expertinnen und Experten aus den Neuro- und Biowissenschaften, namhafte Theologinnen und Theologen sowie Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Mehr als 200 Teilnehmende und zahlreiche Medienvertreter hatten sich zu diesem internationalen interdisziplinären Konferenzprojekt angemeldet, das neben einem dicht gedrängten Vortragsprogramm auch sieben Workshops, die Wanderausstellung Trans* in der Arbeitswelt der Berliner Landesantidiskriminierungsstelle sowie die Kunst-Installation Inside/Out. Portraits of Cross-Gender Children der Amsterdamer Photographin Sarah Wong umfasste.

Paradigmenwechsel

Zum Hintergrund: In den letzten zwanzig Jahren hat die Wissenschaft eine neue Ära in den Bemühungen eingeleitet, transsexuelle Menschen besser zu verstehen. Auf der Grundlage neuester neuro- und biowissenschaftlicher Erkenntnisse wird Transsexualität nunmehr als angeboren betrachtet. Transsexuelle Menschen besitzen ein tiefes inneres Wissen, zu welchem Geschlecht sie wirklich gehören, unabhängig davon, welches Geschlecht ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde und wie z. B. ihre Genitalien ausgeprägt sind.

Anstelle der Genitalien werden Strukturen und Funktionen des Gehirns als bestimmend für das subjektiv und objektiv entsprechende Geschlecht betrachtet: „Das wichtigste Geschlechtsorgan befindet sich nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren“ (Milton Diamond). Das Gehirn ist die Basis des eigenen Geschlechtsseins und -Bewusstseins.

Die Genitalien sind bei transsexuellen Menschen daher in gewisser Weise geschlechtlich „diskrepant“ zum Gehirn, der Geschlechtskörper ist insgesamt durch Inkongruenz charakterisiert. Das explizite Bedürfnis der Betreffenden nach Angleichung von Körper und Lebensweise an dieses bestimmende „Hirngeschlecht“ wird aus heutiger Sicht als natürlich und intersubjektiv gut nachvollziehbar betrachtet.

Diskriminierung von Transsexuellen

Dieser durch die neurobiologische Forschung ausgelöste Paradigmenwechsel ist mit Entpsychiatrisierung und Entpsychopathologisierung von Transsexualität verbunden. Mit anderen Worten: Transsexualität als biologische Variante ist keine psychische Störung, sondern ein typisches Muster innerhalb der individuellen geschlechtlichen Vielfalt (Joan Roughgarden) „im Grenzgebiet von Genetik, Biologie und Neurowissenschaft bzw. Neuropsychologie mit einer Leiden verursachenden Symptomatik“ (Horst-Jörg Haupt).

Die Vorträge aus den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und die anschließenden intensiven Diskussionen mit und unter den Konferenzteilnehmenden brachten in diesem Zusammenhang deutlich zu Bewusstsein, wie sehr es darauf ankommt, die Psychopathologisierung und – damit einhergehend – die auch in unserer Gesellschaft noch immer begegnende Diskriminierung (auch) transsexueller Menschen ein für alle Mal zu beenden.

Zugleich wurde deutlich, dass das Tagungsthema im Interesse eines veränderten Umgangs mit transsexuellen Menschen als Teil sowohl der Gesellschaft wie der kirchlichen Gemeinschaft auch und nicht zuletzt nach einer prinzipiellen, systematisch- und praktisch-theologischen Aufarbeitung verlangt.

[Autor: Gerhard Schreiber]

Organisator und wissenschaftlicher Leiter der von beinahe 20 Fördereinrichtungen, Institutionen und Einzelpersonen unterstützten Konferenz unter der Schirmherrschaft des Vizepräsidenten der Goethe-Universität, Prof. Dr. Enrico Schleiff, war Dr. Gerhard Schreiber, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie und Religionsphilosophie (Prof. Dr. Heiko Schulz), Fachbereich Evangelische Theologie.

Die Vorträge der Konferenz sowie weitere Begleitmaterialien werden im Herbst 2016 in Buchform erscheinen:

Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften. Ergebnisse, Kontroversen, Perspektiven,
hg. von Gerhard Schreiber, Berlin und Boston: Walter de Gruyter 2016.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.16 des UniReport erschienen [PDF]