Nachbericht: Internationale Konferenz „Jüdisch-christliche Nachbarschaften: Dimensionen sozialer, politischer, kultureller und wirtschaftlicher Interaktion“

Vom 12. bis 14. November fand an der Goethe-Universität die internationale Konferenz „Jüdisch-christliche Nachbarschaften: Dimensionen sozialer, politischer, kultureller und wirtschaftlicher Interaktion“ statt. Mehr als dreißig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Israel und den Vereinigten Staaten diskutierten die Bedingungen, Formen und Bedeutungen konkreter alltäglicher Interaktion zwischen Jüdinnen und Juden einerseits und Nichtjüdinnen und Nichtjuden andererseits vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. Organisiert wurde die Konferenz von der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie und dem Buber-Rosenzweig-Institut für jüdische Geistes- und Kulturgeschichte der Moderne und Gegenwart an der Goethe-Universität, der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Institut für Christlich-Jüdische Studien an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau. Sie ist Teil des Projekts „Synagogen-Gedenkbuch Hessen“, das am Buber-Rosenzweig-Institut durchgeführt wird und sich eine umfassende Erforschung und Dokumentation der Geschichte der hessischen jüdischen Gemeinden und ihrer Synagogen zum Ziel gesetzt hat.

Die Konferenz hat sehr deutlich gezeigt, dass „Nachbarschaft“ mit Nichtjüdinnen und Nichtjuden für Jüdinnen und Juden über die Jahrhunderte hinweg eine sehr ambivalente Angelegenheit war. Entgegen der lange Zeit und gerade auch von christlicher und nichtjüdischer Seite aufrecht erhaltenen Darstellung, dass sich jüdische Leben zumeist getrennt von der christlichen Umgebungsgesellschaft vollzogen hat, stellten viele Referentinnen und Referenten die enge und intensive Interaktion heraus, die dieses Verhältnis fast durchweg geprägt hat. Dies umfasste sowohl die soziale und wirtschaftliche Tätigkeit als auch die intellektuellen und kulturellen Aktivitäten, und es umfasste auch persönliche und private Beziehungen. Räumlich lebten Jüdinnen und Juden ebenfalls zumeist in enger Nachbarschaft zu Nichtjüdinnen und Nichtjuden, und selbst die Mauern der frühneuzeitlichen Ghettos konnten diese Interaktion nicht verhindern. Dies galt umso mehr im ländlichen Raum, wo sich das Zusammenleben oft noch unmittelbarer, direkter und alltäglicher vollzog.

Zugleich war „Nachbarschaft“ zu Nichtjüdinnen und Nichtjuden für Jüdinnen und Juden immer auch eine prekäre und nicht selten auch eine regelrecht bedrohliche Konstellation. Nichts zeigt dies deutlicher als die Tatsache, dass nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Nachbarn sich aktiv an der Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden beteiligten, etwa während des Novemberpogroms 1938. Auch die relative intime Situation in Dörfern und Kleinstädten schützte die Jüdinnen und Juden nicht davor, dass viele ihrer Nachbarn der Zerstörung, Brandschatzung und Plünderung der Synagogen zujubelten oder sich sogar daran beteiligten. Darüber hinaus bedeutete „Nachbarschaft“ häufig auch ein Nebeneinander statt eines Miteinanders von jüdischer und christlicher Gesellschaft, weil das Miteinander entweder von christlicher Seite verweigert wurde oder von jüdischer Seite als zu riskant betrachtet wurde.

Der Begriff „Nachbarschaft“ hat sich damit als ein wertvolles Instrument für die Analyse der jüdisch-nichtjüdischen Beziehungsgeschichte erwiesen, wenn er in seiner ganzen Ambivalenz verstanden und verwendet wird. Die Konferenz hat außerdem gezeigt, dass für die Frage, wie Nachbarschaft gelebt und erlebt wurde, nicht nur religiöse und kulturelle, sondern auch soziale und politische Zugehörigkeiten eine wesentliche Rolle spielten, und dass auch die räumlichen Strukturen dieser Nachbarschaft bedeutende Auswirkungen darauf hatte. Nicht zuletzt wurde auf der Konferenz auch immer wieder darauf hingewiesen, dass die Ambivalenz von jüdisch-nichtjüdischen Nachbarschaften nicht nur ein historisches Thema ist, sondern auch in der Gegenwart immer wieder dafür eingetreten werden muss, dass diese Nachbarschaft von Solidarität und Miteinander geprägt ist. Die aktuelle Welle des Antisemitismus in Deutschland und in anderen Ländern hat für viele Jüdinnen und Juden das Vertrauen, dass dies so ist, zutiefst erschüttert. Es ist auch eine Aufgabe der Wissenschaft, demjenigen Denken und Tun entgegen zu treten, das dieses Vertrauen zerstört.

Autor: Stefan Vogt, Buber-Rosenzweig-Institut für jüdische Geistes- und Kulturgeschichte der Moderne und Gegenwart.

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