Foto: Annette Etges für aeWorldwide

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„Praktische Übungen zur Entwicklung von Basiskompetenzen vor dem Hintergrund von Flucht und Asyl für angehende und geflüchtete Lehrkräfte“ – dies bot ein Workshop der ABL unter der Leitung des Sozialarbeiters Jürgen Brilmayer.

Nicht alle Aspekte, die für den späteren Berufsalltag von Bedeutung sind, können innerhalb des regulären Lehramtsstudiums angemessen berücksichtigt werden. Deshalb setzt die Akademie für Bildungsforschung- und Lehrerbildung (ABL) das sogenannte PRO-L Workshop-Programm um, in dessen Rahmen praxisnahe Inhalte in Kleingruppen vertieft werden. Auch die Themen Migration und Flucht spielen dabei in mehreren Angeboten eine Rolle. Ein ganz besonderer Workshop wurde nun von Jürgen Brilmayer von der Karl Kübel-Stiftung, in Kooperation mit academic experience Worldwide e.V. betreut. Unter dem Titel „In jeder (neuen) Begegnung liegt eine Chance – Praktische Übungen zur Entwicklung von Basiskompetenzen vor dem Hintergrund von Flucht und Asyl für angehende und geflüchtete Lehrkräfte“ traf der erfahrene Coach und Diplom-Sozialarbeiter eine zehnköpfige Gruppe aus deutschen Lehramtsstudierenden und ausländischen Heimatsuchenden.

Schon während der Vorstellungsrunde wurde klar: Brilmayers Workshop ist kein Theorieunterricht, keine einseitige Belehrung mit Vorlesungscharakter. Ein Großteil der anwesenden Teilnehmer stand exemplarisch für das Thema, welches Brilmayer in seinem Kurs vermitteln wollte. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan oder Äthiopien und sind oftmals erst seit wenigen Monaten in Deutschland. Junge Erwachsene, mitte-ende Zwanzig oder Anfang Dreißig, zumeist männlich. Den unterschiedlichsten Heimatländern entstammend, suchen sie nach Anschluss und Zukunft in einer nach wie vor fremden Umgebung.

Die Teilnehmer bemerkten früh, dass Sprache ein besonderer Faktor für diese interkulturelle Begegnung markieren würde. Brilmayers einführende Worte auf Deutsch fanden bei vielen der Anwesenden nicht das nötige Verständnis. Unterschiedlichste Aufenthaltszeiten und Hintergründe verhinderten eine einheitliche sprachliche Verständigung. Viele sprachen kein Deutsch, aber sehr gut Englisch. Manche verstanden nur wenig auf Englisch, wiesen dafür wiederum einwandfreie Deutschkenntnisse auf.

Zur Lösung dieser Kommunikationsbarrieren schlug eine Teilnehmerin vor, die Unterhaltung innerhalb des Kurses im Deutschen auf Englisch zu erweitern. Brilmayer griff die Idee sofort auf und regte eine Wiederholung der Vorstellungsrunde an. Neugierig erkundigte er sich bei einzelnen Teilnehmern, wie sie diese Planänderung empfanden, welches „Gefühl“ das in ihnen auslöste. „How do you feel?“ Die Befragten reagierten erfreut und fassten die eingehende, sensible Art des Sozialarbeiters als wohltuende Wertschätzung auf.

Brilmayer leitete damit die erste praktische Veranschaulichung idealtypischen Lehrerverhaltens ein. Er bat die junge Frau ihr Anliegen, die Unterhaltung auch englisch-geschulten Anwesenden zugänglich zu machen, zu wiederholen und demonstrierte alternative Reaktionen. Diesmal lehnte Brillmayer den Vorschlag mit Verweis auf seinen eigenen Lehrplan kategorisch ab. Ein anderes Mal gab er sich gleichgültig. Seine Darstellung verschiedener Verhaltenstypen sollte den Teilnehmern vor Augen führen, welchen Einfluss ein Lehrer auf die Motivation seiner Schüler hat. „Die innere Haltung ist entscheidend für die Kommunikation mit der Klasse“, erklärte Brilmayer. Einige der ausländischen Teilnehmer zeigten sich überrascht ob der offenen Art des Kursleiters. Mit „the teacher is king“ kommentierte ein junger Mann seine persönlichen Erlebnisse in Afghanistan. Die Erfahrung mit streng-autoritären Lehrkräften in der Schule, denen man stets unterwürfig und devot entgegentreten musste, teilten viele der Anwesenden.

Der Umgang mit der Vergangenheit, persönliche Erzählungen und Hintergründe traten im weiteren Verlauf des Workshops immer mehr zum Vorschein. An bebender Stimme und zittrigen Händen einzelner Berichte erkannte Brilmayer Handlungsbedarf. Das Spannungsgefüge, trotz aufwühlender Vergangenheit nicht den Blick für die Zukunft zu verlieren, veranschaulichte der Sozialarbeiter mit einer weiteren praktischen Übung. Er bat zwei Freiwillige sich jeweils vor und hinter ihn hinzustellen. Der junge Mann in seinem Rücken wurde zum Träger der Vergangenheit, während die andere Person den Weg in die Zukunft symbolisieren sollte. Beides zu berücksichtigen, auch dem Erlebten, gleich welcher Natur, Achtung entgegen zu bringen, sei ein wesentlicher Schritt für einen gesunden Umgang mit der Gegenwart.

Brilmayer war aber auch vorsichtig und nahm sich angesichts einschneidender Erlebnisse einzelner Personen zurück. Dennoch mochte der Diplom-Sozialarbeiter ein zentrales Motiv seines Workshops nicht außer Acht lassen: Wie es möglich sei, der Vergangenheit zum Trotz, Präsenz und Kraft für die Gegenwart aufzubauen. Die Vielzahl an praktischen Übungen in Einzel-, Paar- oder Gruppenkonstellationen seien hierfür unerlässlich. „Es geht um eine Erweiterung der Wahrnehmung“, sagte Brilmayer, „nicht nur in Form von Basiskompetenzen eines etwaigen Berufsfeldes, sondern auch in Bezug auf soziale Beziehungen im Allgemeinen“. Sehr zur Freude der ABL behielt Brilmayer die Zeit im Workshop letztlich als „gelebte Integration“ in Erinnerung und würde sich über eine Fortsetzung vergleichbarer Fortbildungsangebote aussprechen. Auch die Teilnehmer äußerten sich, angesichts der vielen neuen Eindrücke und Anregungen, positiv über den ganztägigen Workshop.

Autor: Ivo Greuloch, Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung (ABL)