Der Unternehmer August Thyssen stritt viel mit Frau und Kindern, der Chemiker und Industrielle Carl Duisberg kämpfte gegen Übergewicht, Erschöpfungs- und Krankheitsgefühle. Sind das Trivialitäten, Plaudereien aus dem unternehmerhistorischen Nähkästchen? Oder sind solche Einsichten ein wichtiger Bestandteil der Beschäftigung mit wirtschaftshistorisch herausragenden Persönlichkeiten? Welche Bedeutung haben Privatleben und Persönlichkeitsstruktur für das Verständnis unternehmerischen Handelns?

Diesen und weiteren spannenden Fragen widmen sich einige bekannte Biografen bei einer Podiumsdiskussion, die vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Goethe-Universität am 30. Mai (Dienstag) von 18 bis 20 Uhr im Casino, Raum 1.811, Campus Westend, Goethe-Universität, veranstaltet wird.

Podiumsdiskussion: Vom Nutzen und Nachteil der Biografie für die Geschichte

Die Podiumsteilnehmer

Auf dem Podium nehmen Platz: Jürgen Kaube, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der 2012 eine vielbeachtete Biografie des Soziologen Max Weber veröffentlicht hat, und der Frankfurter Soziologe Prof. Tilman Allert, er kuratiert seit einigen Jahren für die Frankfurter Bürgeruniversität die Vortragsreihe „Wie wir wurden, wer wir sind – Deutsche Biografien“ und stellte dabei selbst u.a. die Politikerin Ursula von der Leyen, die Schauspielerin Romy Schneider sowie den Designer Karl Lagerfeld vor.

Vom Frankfurter Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte sind dabei: der Lehrstuhlinhaber Prof. Werner Plumpe, dessen umfassende Biografie des Industriellen Carl Duisberg vergangenes Jahr erschienen ist, Prof. Johannes Bähr, der nach einer Studie zum Bankier Jürgen Ponto im vergangenen Jahr eine umfassende Biografie zu Werner von Siemens vorgelegt hat, Dr. Jörg Lesczenski, der sich in seiner Dissertation mit dem Ruhrindustriellen August Thyssen und in der Biografienreihe der Goethe-Universität „Gründer, Gönner und Gelehrte“ mit dem Unternehmer Heinrich Roessler beschäftigt hat, sowie Dr. Friederike Sattler, die bereits eine Biografie des Bankiers Ernst Matthiensen abgeschlossen hat und zur Zeit zum Bankier Alfred Herrhausen forscht.

Diese erfahrenen Biografen werden Einblicke in ihre Arbeit geben und auch die Relevanz der Biografie für die Wirtschaftsgeschichte diskutieren. Biografien fordern zur Erzählung geradezu heraus – haben sie damit vor allem illustrativen Charakter, weil sich mit ihnen wirtschaftliche Entwicklung und individuelles Handeln anschaulich verbinden lassen oder können sie damit das statische Bild sogenannter Strukturanalysen ergänzen oder vielleicht sogar ersetzen?

Hinterfragt werden soll in dieser Runde auch, welche Rolle es spielt, ob es sich bei der Biografie um die Auftragsarbeit eines Unternehmens handelt oder ob sie alleine auf wissenschaftliches Interesse zurückgeht. Die Diskussion über diese unterschiedlichen Fragen ist aktueller denn je, zumal Biografien auch außerhalb des wissenschaftlichen Publikums auf großes Interesse stoßen: So sind Barbara Stollberg-Rilingers preisgekrönte Arbeit über Maria Theresia oder Andrea Wulfs Darstellung über Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur große Erfolge auf dem Buchmarkt.

Informationen zu den einzelnen Biografien

Johannes Bähr, Werner von Siemens, 1816-1892. Eine Biographie. München 2016, C.H. Beck Verlag, ISBN 978-3-406-69820-0, 576 Seiten, 29,95 Euro.

Werner von Siemens gehört zu den Wegbereitern der Moderne. Anlässlich seines 200. Geburtstags zeichnet Johannes Bähr ein faszinierendes Bild dieses außergewöhnlichen Unternehmers und seiner Epoche. Dazu wurden erstmals tausende Briefe auf digitaler Basis ausgewertet. Als Erfinder hat Werner von Siemens dazu beigetragen, das Leben der Menschen zu verändern. Seine Innovationen spielten eine entscheidende Rolle, indem sie der Elektrizität immer neue Anwendungsfelder erschlossen: bei der Übertragung von Nachrichten, bei der Erzeugung von Energie, der Beleuchtung von Gebäuden und dem Antrieb von Maschinen. Doch der Pionier der Elektroindustrie war auch als Mensch facettenreich: Unternehmer und Erfinder, Offizier des preußischen Militärs, verantwortungsvoller Familienvater sowie Abgeordneter und Wissenschaftsförderer. Seine Biografie bietet das Panorama eines Jahrhunderts, in dem sich die Welt grundlegend wandelte. Kriege, Revolutionen, Könige und Zaren beeinflussten den Werdegang dieses Erfinderunternehmers, der Telegrafenkabel nach Nordamerika und Vorderasien verlegen ließ und die erste elektrische Straßenbahn der Welt baute.

Jürgen Kaube: Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen. Berlin 2014, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-87134-575-3, 495 Seiten, 26,95 Euro.

Bereits als 13-Jähriger studiert er die Werke Machiavellis und Luthers, mit 29 wird er Professor, er ist zeitweise glühender Nationalist und sieht sich als Gesellschaftstourist dennoch gern den American Way of Life an: Max Weber (1864-1920) gehört nicht nur zu den einflussreichsten Denkern der Moderne, sondern ist zugleich eine der schillerndsten, widersprüchlichsten Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Er leidet an der zeittypischen „Nervenkrankheit“, arbeitet wie besessen und vollendet dennoch kaum ein Buch; selbst sein Hauptwerk „Wirtschaft und Gesellschaft“ erscheint erst posthum. Webers Bedeutung als Soziologe und Volkswirt, Historiker und Jurist ist unumstritten – seine Aufsätze haben Generationen von Akademikern und Politikern beeinflusst, weltweit –, aber was prägte ihn selbst, was trieb ihn an? Als Mensch ist Max Weber bis heute ein Geheimnis geblieben. Jürgen Kaube, einer der renommiertesten deutschen Wissenschaftsjournalisten, versucht in seiner mitreißend geschriebenen, anlässlich des 150. Geburtstags von Max Weber erscheinenden Biografie, dieses rastlose, stets am Rande der Erschöpfung geführte Leben zu ergründen – und entwirft zugleich ein faszinierendes Zeitbild der ersten großen Phase der Moderne.

Jörg Lesczenski, August Thyssen 1842-1926. Lebenswelt eines Wirtschaftsbürgers. Düsseldorf 2008, Verlag Klartext, Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens, Band 81, ISBN: 978-3-89861-920-2, 414 Seiten, 39,90 Euro.

Der Großunternehmer August Thyssen verstand sich zeitlebens als Bürger. Wie brachte Thyssen seine Existenz als ökonomischer Akteur, sein Selbstverständnis als Bürger und seine persönlichen Lebensentwürfe und Erwartungen in Einklang? Welche bürgerlichen Leitbilder wirkten auf die konkrete Lebensführung zurück? Lesczenski beschreibt in seiner sozialhistorischen Biografie das Leben eines namhaften Wirtschaftsbürgers im sozialen, ökonomischen, kulturellen sowie politischen Kontext seiner Zeit. Nachdem der Lebensweg Thyssens und die Anforderungen des bürgerlichen „Wertehimmels“ in den Jahren seines ökonomischen und sozialen Aufstiegs vorzüglich miteinander korrespondierten und er die allgemeinen Spielregeln der bürgerlichen Gesellschaft auch später durchaus respektierte, nahm seine Lebensführung seit den ausgehenden 1870er Jahren Formen eines bürgerlichen Eigenwegs an. Es waren vor allem die spezifischen Familienbedingungen, die ihn ein Leben führen ließen, das sich von den Biografien anderer Großunternehmer zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik unterschied, und die mit dazu beitrugen, dass sich sein Lebensentwurf, der auf eine Dynastiebildung hinauslief, nicht verwirklichen ließ.

Jörg Lesczenski, Heinrich Roessler. Naturwissenschaftler, Unternehmer, Demokrat. Frankfurt 2015, Societäts-Verlag, ISBN 978-3-95542-127-4, 158 Seiten, 14,80 Euro.

Als erfolgreicher Unternehmer, bürgerlicher Sozialreformer und Pazifist steht Heinrich Roessler (1845–1924) beispielhaft für die Industrialisierungskultur in Deutschland. Das von ihm entwickelte Verfahren zur Silber- und Goldgewinnung fand europaweit großen Anklang. Zur Finanzierung von Produktionseinrichtungen gründete er 1872 die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt, besser bekannt als Degussa AG. Der Naturwissenschaftler Roessler, so beschreibt der Wirtschaftshistoriker Lesczenski in seine lebendig und eindrücklich geschriebene Biografie über das Leben des Gründers eines Frankfurter Traditionsunternehmens, glaubte an die Bedeutung von Wissenschaft und Technik für die moderne Gesellschaft. Eine prosperierende Gesellschaft brauche Bildung, lautete sein Credo. So ist es nicht verwunderlich, dass Roessler sich vehement für die Gründung der Frankfurter Universität engagierte. Dieser Band ist in der Reihe „Gründer. Gönner und Gelehrte“ erschienen, die von der Goethe-Universität aus Anlass ihres 100-jährigen Jubiläums 2014 aufgelegt wurde.

Werner Plumpe, Carl Duisberg, 1861-1935. Anatomie eines Industriellen. München 2016, C.H. Beck Verlag,. ISBN 978-3-406-69637-4, 992 Seiten, 39,95 Euro.

Carl Duisberg galt als der bedeutendste Industrielle seiner Zeit. Werner Plumpe spürt seinem Erfolgsgeheimnis nach und zeichnet ein beeindruckendes Porträt dieses Begründers der modernen chemischen Industrie und seiner Epoche. Auf der Grundlage einer einzigartigen Quellenbasis von über 25.000 erhaltenen Briefen rekonstruiert Werner Plumpe die Karriere eines Bildungsaufsteigers aus Heimarbeitsmilieu, dessen Weg ihn von den Farbenfabriken Bayer an die Spitze der deutschen Industrie und in die höchsten Kreise der deutschen Gesellschaft führte. Dabei beschreibt er auch die politischen Wandlungen Carl Duisbergs, der als Gründer der I.G. Farbenindustrie AG eines der umstrittensten Gebilde der deutschen Unternehmensgeschichte schuf und dessen Leben so stark mit der deutschen Geschichte seiner Zeit verwoben ist, dass sich an seiner Person das Panorama einer ganzen Epoche entfalten lässt.

Friederike Sattler, Ernst Matthiensen (1900-1980). Ein deutscher Bankier im 20. Jahrhundert. Dresden 2009, Publikationen der Eugen-Gutmann-Gesellschaft, Band 4, ISBN 978-9812511-2-8, 432 Seiten, 24 Euro.

Die Biografie über Ernst Matthiensen (1900 – 1980), zunächst Vorstandsmitglied (1957–1965) dann Aufsichtsratsvorsitzender (1965– 972) der wiederbegründeten Dresdner Bank beschäftigt sich mit einem Banker, der im Unterschied zu Hermann Josef Abs, Karl Goetz und Jürgen Ponto keine tiefen Spuren im kulturellen Gedächtnis der Bundesrepublik hinterließ. Friederike Sattler beschreibt, wie Matthiensen die Entwicklung des Bankwesens in den 1950er und 1960er Jahren nachhaltig prägte, gleichzeitig beleuchtet sie am Beispiel des Wertpapierexperten, wie sich die Wertpapier- und Kapitalmarktgeschäfte der Dresdner Bank in der Nachkriegszeit entwickelten. Besondere Verdienste erwarb sich Matthiensen um die Wiederbelebung des Frankfurter Börsenhandels und des freien Kapitalverkehrs mit dem In- und Ausland. Als Gründer des Deutschen Investment-Trusts (DIT) erschloss er seiner Bank neue Geschäftsfelder und Kundenkreise. Nach einer Lehre bei der Holsten-Bank und ersten beruflichen Stationen bei der Süddeutschen Disconto-Gesellschaft bzw. der Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft und dem Bankhaus Gustav Würzweiler trat Matthiensen im Herbst 1937 in das Börsenbüro der Dresdner Bank in Berlin ein. Nach Kriegsende konnte Matthiensen, der aus einfachen Verhältnissen stammte, fachlich versiert und zugleich politisch unbelastet war, eine bemerkenswerte Bank-Karriere machen.