Manchmal werden wir in den ungewöhnlichsten Umgebungen daran erinnert, dass physikalische Gesetze allgegenwärtig sind. Ob in fernen Galaxien oder hier bei uns auf Erden – sie liefern Einsichten zu Ko-Präsenz, Bewegung, Anwesenheit und Zufall. Ihre elementare Logik kann auf soziale Begegnungen angewandt werden, wie etwa den Neujahrsempfang 2026 für die internationalen Wissenschaftler*innen der Goethe-Universität. Bei dem Treffen Ende Januar kamen viele verschiedene Körper – in unserem Fall buchstäblich die der über 90 Teilnehmenden aus 26 verschiedenen Ländern – für eine bestimmte Zeitspanne an einem festgelegten Ort zusammen. Der Austausch, den sie untereinander in Form einer Vielzahl an Gesprächen führten, lässt sich mit einem Teilchen in Bewegung vergleichen – einzelne Stimmen hallen durch den Raum, verweilen eine Weile im Austausch mit einem (oder zwei oder drei) anderen, und bewegen sich dann – von anderen Kräften angezogen (eine vertraute Stimme? Das Buffet?) – weiter.
Mit einer physikalisch inspirierten Betrachtung lassen sich sogar Elemente der Urknalltheorie auf den Empfang übertragen. Aus der Beobachterperspektive finden wir den Ausgangsstatus: mehrere verschiedene Körper oder Teilchen treffen an einem spezifischen Ort für eine vorab definierte Zeitspanne zusammen. Im Rahmen dieser Experiment-Analogie lassen sich zudem auch gezielte und geplante Interventionen berücksichtigen, in Form von Unterbrechungen der ansonsten weitgehend ungeplanten Versammlung unterschiedlicher Körper durch Reden, musikalische Darbietung und dem Buffet. Dank der kalten Temperaturen wagten sich weniger Gäste nach draußen, was eine optimale Kontrollumgebung innerhalb der historischen Villa Cahn bot, die heute als eines der Gästehäuser der Goethe-Universität dient.
Im Laufe des letzten Jahrhunderts fanden sich unzählige Körper, Teilchen und Atome in dem historischen Raum, haben sich gegenseitig umkreist und Schwingungen ausgesandt, die – ähnlich den Gesetzen der Physik – trotz ihrer Unsicht- und Ungreifbarkeit dennoch einen tiefen Einfluss haben – mit Ausmaßen, die sich jeder physikalischen Messung entziehen. Hier sei angemerkt, dass weder die Physik noch die universellen Gesetze von Ko-Präsenz, Bewegung, Anwesenheit und Zufall eine Rolle bei den ursprünglichen Vorbereitungen für diesen Artikel spielten. Stattdessen basierte die Planung auf dem Prinzip zufälliger Begegnungen – mit Auswahlkriterien wie „gerade nicht tief in ein anderes Gespräch vertieft“ oder „beim Essen“. Ähnlich wie beim Urknall ist es reiner Zufall, dass drei der sechs längeren Gespräche an diesem Abend mit Kern- oder Astrophysiker*innen stattfanden, von denen – Spoiler-Alert! – keiner den Namen Sheldon trägt.
Wenn Physiker*innen aus aller Welt in Frankfurt zusammenkommen

Es bedarf einer genaueren Analyse und fundierter Kenntnisse, um die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios zu bestimmen. Eine ebenso hochgradig komplexe Gleichung könnte erklären, wie es dazu kam, dass drei brillante junge Physiker aus Indien, China und Mexiko die Goethe-Universität Frankfurt als Ort für ihre Forschung wählten.
Ohne die Physik hätten sich Dr. Ajit Kumar und Daineng Liu vielleicht nie kennengelernt. Die beiden Männer, deren Heimatländer eine gemeinsame Grenze teilen, verbindet eine tiefe Faszination für Kernphysik, den Urknall und Kollisionen. Beide schätzen die Nähe der Goethe-Universität zur in Darmstadt ansässigen GSI-FAIR – sowohl geografisch als auch in Bezug auf bestehende Forschungskooperationen.
Dr. Ajit Kumar aus Uttar Pradesh absolviert derzeit seinen dritten Postdoc. Den ersten schloss er in Indien ab – „ein relativ kurzes Programm, das mir dabei geholfen hat, eine Anstellung in Europa zu finden“, sagt er bescheiden. Wie es der Zufall wollte, erleichterte diese Entscheidung sowohl ihm als auch seiner Frau das Leben erheblich, vor allem als sie kurz nach ihrer Hochzeit eine Postdoc-Stelle in ihrem Fachgebiet, der Demografie, in Paris, Frankreich, annahm. Bevor Dr. Ajit Kumar letztes Jahr zur Goethe-Universität wechselte, hatte er eine Postdoc-Stelle in Straßburg inne. „Meine Arbeit dort konzentrierte sich auf die Entwicklung von Detektoren für moderne und neuartige Experimente, wie am geplanten Future Circular Collider. Meine frühere Erfahrung mit Experimenten zur komprimierten baryonischen Materie (CBM) am GSI war dabei von unschätzbarem Wert.“
Der Kernphysiker ist mittlerweile Mitglied der Forschungsgruppe von Prof. Joachim Stroth vom Institut für Kernphysik der Goethe-Universität und dem GSI. Dr. Ajit Kumar legt viel Wert auf Eigenständigkeit, sowohl beruflich als auch privat. Mit einem Lächeln in Richtung seiner Frau sagt er: „Ich verstehe nichts von Demografie, und sie versteht nichts von meiner Arbeit in der Kernphysik. Uns verbindet eine ähnliche Denkweise, die Wertschätzung von Intellekt und Hingabe, kombiniert mit einem Verständnis dafür, wie schwierig Forschung sein kann, vor allem da man sich ständig anpassen muss.“ Ein ähnliches Verständnis findet er auch unter seinen Kolleg*innen.
Wie sehr das Paar Wissen und Lernen schätzt wird deutlich, als das Gespräch auf die Zukunft kommt. Obwohl Dr. Ajit Kumar noch unsicher ist, was auf seinen dritten Postdoc folgen wird, ist eines klar: die Physik wird definitiv eine Rolle spielen. „Für mich gibt es nichts Faszinierenderes, als die Antwort darauf zu finden, welches Teilchen unser Universum ins Leben gerufen hat, und nicht nur diesen Moment, sondern auch das was danach kam und kommt, zu replizieren.“ Derzeit erforscht er das CBM-Mikrovertex-Detektorsystem. „Ich arbeite an sehr kleinen Sensoren und einem Auslesesystem, das Teilchentreffer erkennt und einer ultraschnellen wissenschaftlichen Kamera ähnelt. Außerdem entwickle ich die Software, die die Funktionalität des Detektors überprüft, Rohsignale bereinigt und sie in verwertbare Ergebnisse für das Experiment umwandelt.“
Was seine Pläne nach Ablauf seines Vertrags im Jahr 2027 betrifft, so würde der 35-Jährige gerne in Deutschland bleiben, idealerweise im Umfeld des GSI. Es trifft sich gut, dass seine Frau ebenfalls von Frankfurt und Deutschland sehr angetan ist. Beide sehen ihre Zukunft in Europa: Hier findet sich nicht nur die fortschrittliche technologische Infrastruktur, die Dr. Ajit Kumar für seine Arbeit benötigt – inklusive überschaubarer Distanzen zwischen wichtigen Laboren oder Forschungszentren – auch die akademische Freiheit hat einen hohen und geschützten Stellenwert. Obwohl die Machbarkeitsstudie noch läuft, leuchten seine Augen, wenn er über den Future Circular Collider (FCC) spricht und darüber, welche Fragen dessen höhere Energieniveaus beantworten könnten.

Obwohl er erst im November letzten Jahres angekommen ist, ist Daineng Liu bereits ein großer Fan von Deutschland und insbesondere von Frankfurt. Der Doktorand der Fudan Universität in Schanghai sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen der Metropolkultur der beiden Städte. „Natürlich ist Frankfurt viel kleiner als Schanghai, aber die Menschen haben eine ähnlich offene Denkweise und einladende Kultur. Ich finde Frankfurt eine äußerst angenehme Stadt zum Leben.“ Seit seiner Ankunft hat der junge Physiker bereits Freundschaften mit Menschen aus aller Welt geschlossen – aus Deutschland, China, Thailand und vielen weiteren Ländern. „Dabei fühlt es sich besonders magisch an, wenn ich an meine neuen chinesischen Freunde denke, die aus so vielen verschiedenen Fachbereichen und Städten kommen und die ich nur aufgrund unseres gemeinsamen Aufenthalts hier in Frankfurt kennengelernt habe.“
Wie Dr. Ajit Kumar ist auch Daineng Liu mit der Arbeit und den Experimenten bei GSI-FAIR sowie den Erkenntnissen über neue Materialien, die durch die Kollisionsversuche gewonnen werden, bestens vertraut: Er hat bereits in Schanghai an einer ähnlichen Einrichtung gearbeitet. Sein staatlich gefördertes Stipendium ermöglicht es ihm, hier seiner Leidenschaft nachzugehen und gleichzeitig Deutsch zu lernen. Daineng Lius Forschung beschäftigt sich mit relativistischen Schwerionenkollisionen. „Ich möchte den dichten Materiezustand, der als Quark-Gluon-Plasma bekannt ist, besser verstehen – ein Zustand, der viel kleiner ist als Atome und sogar Atomkerne und der in den ersten Sekunden nach dem Urknall existierte“, erklärt er und fügt hinzu: „Astrophysik ist ein heißes Thema in China, und viele Menschen möchten mehr darüber wissen. Es spielt keine Rolle, in welchem Land man sich befindet, welche Sprache man spricht oder wer die unmittelbaren Kolleg*innen sind – Physik ist überall gleich.“ Arbeitsweisen mögen sich unterscheiden, ergänzt er, aber das gewonnene und produzierte Wissen ist universell anwendbar.
Daineng Liu schätzt seinen Betreuer, Prof. Markus Bleicher, Leiter des Instituts für Theoretische Physik der Goethe-Universität, sehr. „Er ist ein großartiger Mensch“, sagt er und fügt schmunzelnd hinzu, dass er dies bereits wusste, als er sich gezielt bei ihm bewarb, gerade um von seinem Denkansatz zu lernen. Neben der akademischen Betreuung half Prof. Bleicher dem Kernphysiker auch dabei, eine Unterkunft im neuesten Gästehaus der Goethe-Universität auf dem Campus Riedberg zu finden. „Ich fühle mich unglaublich glücklich, im International House zu wohnen. Es ist ein hervorragender, wunderschöner und komfortabler Ort, der mein Erlebnis perfekt abrundet.“
Nach Ablauf seines zweijährigen, staatlich geförderten Stipendiums wird Daineng Liu an die Fudan-Universität zurückkehren, um sein Studium abzuschließen. Es ist unklar, ob er vor Ablauf der Frist nach Hause zurückkehren oder ob seine Familie ihn besuchen wird, sagt er, und fügt hinzu, dass er neben Familie und Freunden vor allem das Essen vermisst. Vielleicht lehrt uns der Urknall, dass es nahezu unmöglich ist, genau dieses eine Gericht, das so vertraut ist und so sehr vermisst wird, zu replizieren. Doch abgesehen dieses Rätsels der kulinarischen Physik weiß der 26-Jährige bereits jetzt, dass er an Wissen, Methoden und Netzwerk bereichert zurückkehren wird – genau den Impulsen, die es seinem eigenen Universum ermöglichen, sich noch weiter auszudehnen.
Brand am GSI
Am 5. Februar 2026 brach in den frühen Morgenstunden ein Feuer am GSI-Komplex in Darmstadt aus. Das volle Ausmaß der Schäden sowie die Brandursache sind zum Zeitpunkt der Publikation dieses Artikels noch ungeklärt. Ob und inwieweit der Brand sich auch auf die Forschung von Dr. Ajit Kumar und Daineng Liu auswirken wird, ist unklar. Im Rahmen der Abstimmung dieses Artikels haben beide ihre Bestürzung und Mitgefühl geäußert, und sind froh, dass kein Mensch zu Schaden gekommen ist.

Wie es der zeitliche und räumliche Zufall wollte, findet sich heute Abend auch ein weiterer junger Mann, dessen Leben durch die Physik verändert wurde, unter den Teilnehmenden. Iván Hernández Garibay aus Mexiko-Stadt kam letzten August in Frankfurt an, angezogen vom Zentrum einer bedeutenden Kraft im Bereich der Astrophysik – verkörpert durch die Forschungsgruppe seines Betreuers Prof. Luciano Rezzolla, Lehrstuhl für Theoretische (Relativistische) Astrophysik am Institut für Theoretische Physik (ITP) der Goethe-Universität. „Luciano ist in Mexiko ziemlich bekannt, und mein dortiger Betreuer hat mich ermutigt, mich bei seiner Forschungsgruppe zu bewerben – einer der weltweit führenden Einrichtungen für Simulationen“, erklärt der Doktorand. Obwohl es weitere Arbeitsgruppen für Astrophysik in Europa, den USA und Japan gibt, passt keine besser zu den Interessen des Absolventen der National Autonomous University of Mexico. „Die Rechenressourcen, die wir hier nutzen können, sind hervorragend, und ich schätze die Internationalität der Arbeitsgruppe sehr; sie ermöglicht es mir, mit Menschen aus der ganzen Welt zu interagieren.“ Dies kommt seiner Forschung zu säkularer Materie und den elektromagnetischen Emissionen kompakter Restsysteme zugute, die aus der Verschmelzung binärer Neutronensterne und Schwarze-Loch-Neutronenstern-Systemen entstehen. „Die zentrale Frage meiner Promotion lautet: Wie beeinflussen physikalische Parameter, einschließlich der Zustandsgleichung von Neutronensternmaterie, Magnetfeldern, Viskositätseigenschaften, Neutrino-Transportmechanismen und mehr, die physikalischen und geometrischen Eigenschaften des Restsystems?“
Man spürt die Leidenschaft für sein Fach in jedem Wort. „Sowohl Astrophysik und Astronomie sind visuell sehr ansprechend; sie bieten einen großartigen Einstiegspunkt, um das Interesse an der Wissenschaft zu wecken. Als Kind hat mich nichts mehr fasziniert als Schwarze Löcher, oder der Fakt, dass Sterne zu kompakten Objekten werden. Deshalb habe ich Physik studiert.“ Heute, sagt er, sei Astrophysik ziemlich populär in seinem Heimatland, wo es dank der hochgelegenen Gebirgszüge, der trockenen, stabilen Luft (besonders in den nördlichen Regionen), der geringen Lichtverschmutzung in abgelegenen Gebieten sowie der geographischen Lage auch einige ausgezeichnete Observatorien gibt.
Die Ausstattung und das Netzwerk, auf die er jetzt Zugriff hat, gleichen einige der Dinge aus, die der 29-Jährige vermisst, darunter Familie und Freunde; „aber“, fügt er ganz rational hinzu, „ich wollte hierherkommen und wusste, worauf ich mich einlasse.“ Unterstützung findet er in seinem neu gefundenen sozialen Umfeld, zu dem viele internationale Studierende in Frankfurt gehören. Während ihm die Main-Metropole gefällt – „sie bietet die wichtigsten Dienstleistungen und Attraktionen einer Großstadt“ – und er die Vielfalt an gebotenen Möglichkeiten schätzt, hat er dennoch das Gefühl, dass die Stadt mehr für ihre große Studierendenpopulation bewegen könnte. Hierbei weist er unter anderem auf die hohen Lebenshaltungskosten hin.
In der Zukunft, sagt Iván Hernández Garibay, würde er gerne eine Professur in seinem Heimatland übernehmen. Der erste Schritt besteht darin, sein dreijähriges DAAD-Stipendium abzuschließen. Danach ist er offen für weitere Stationen auf seinem Weg. Der Schlüssel liege darin, „so viel Erfahrung wie möglich an unterschiedlichen Orten zu sammeln.“
Ein Raum, in dem Forschung zu Medizin, Gesellschaft und Musik zusammenfinden

Auch wenn es nicht die Physik war, die Lumeng Song aus der Provinz Sichuan nach Frankfurt zog, so war es auch hier möglich, physikalische Kräfte zu beobachten. So nutzen die Neurochirurgin und ihre Landsleute den Empfang, um andere Gastforschende aus ihrem Heimatland China kennenzulernen und sich auszutauschen.
Nachdem sie sich bereits in ihrem Masterstudium auf Schädelbasistumoren konzentriert hatte, verfolgt die 26-Jährige nun ihre Promotion unter der Leitung von PD Dr. Thomas Broggini, der am Fachbereich Neurochirurgie des Universitätsklinikums Frankfurt und als Principal Investigator am Interdisziplinären Zentrum für Neurowissenschaften Frankfurt (IZNF) tätig ist. „Er ist ein großartiger Mensch und ein großartiger Betreuer“, der sie beim Einleben unterstützt hat und es darüber hinaus schafft, „uns sowohl viele Ratschläge zu geben als auch uns viel Freiheit zu lassen, unsere eigenen Ideen zu erkunden.“
Zugegebenermaßen gibt es außerhalb des Labors auch einige kulturelle Eigenheiten, an für Lumeng Song gewöhnungsbedürftig sind. „In China nutzen wir kaum noch Bargeld; alles wird über das Handy erledigt“, erklärt sie. Auch wenn sie diese Bequemlichkeit vermisst, fügt sie mit einem Lächeln hinzu, dass sie persönlich dadurch ihre eigenen Ausgaben besser im Blick behalten kann. Was die Sprachbarriere betrifft, so erweist sich ihr sehr gutes Englisch als hilfreich („Ich habe als Kind viele amerikanische Filme geschaut“); ihr neuer Freundeskreis gibt zudem Orientierung in Frankfurt. Wenn die Zeit es erlaubt, sagt sie, möchte sie auch nächstes Jahr anfangen, Deutsch zu lernen.
Eine Sache, die Lumeng Song seit ihrer Ankunft im September 2025 bereits zu schätzen gelernt hat, ist der Campus. „Er ist wirklich beeindruckend, wie ein großes verzweigtes Krankenhaus, in dem jede Fachrichtung ihr eigenes Gebäude hat.“ Das Design, erklärt sie, sei völlig anders in China, wo verschiedene Fachbereiche ein Gebäude teilen und meist durch Stockwerke voneinander getrennt sind. „Für Patient*innen, die komplexe Behandlungen benötigen, ist diese Organisationsstruktur äußerst praktisch, da sie die relevanten Spezialist*innen einfach mit dem Aufzug erreichen können.“ Doch auch die Campus-Organisation, bei der jede Fachrichtung ihr eigenes Gebäude hat, habe ihre Vorteile, sagt sie, darunter die Möglichkeit zur Spezialisierung. „Beide Ansätze haben ihre Vor- und Nachteile“, wägt sie ab.

Margarita Navarro, 30 Jahre alt, ist Doktorandin am PRIF – eine Abkürzung, die trotz des Anfangsbuchstabens „P“ nichts mit Physik zu tun hat. Vielmehr analysiert das Peace Research Institute Frankfurt die Ursachen internationaler und innerstaatlicher Konflikte und sucht nach Wegen, diese zu lösen. „Ich glaube, ich bin die einzige Frau aus dem karibischen Teil Kolumbiens, die derzeit Politikwissenschaft an der Goethe-Universität studiert“, sagt sie. Obwohl sie andere Kolumbianer*innen aus Bogotá getroffen hat, stammt niemand aus diesem nördlichen Teil ihres Heimatlandes.
Ihre Arbeit an ihrem Masterstudium an der ICESI University in Cali brachte sie ursprünglich mit dem PRIF in Kontakt. „Ich war zunächst mit dem Institut verbunden, habe aber schon während meines Masterstudiums mit meinem jetzigen Betreuer an einem Projekt mit dem Instituto Colombo-Alemán para la Paz (CAPAZ) und der Friedrich-Ebert-Stiftung gearbeitet.“ Ihre Doktorarbeit begann sie ernsthaft im Jahr 2024, als sie dank eines DAAD-Stipendiums die notwendige Finanzierung erhielt. Doch die Sozialwissenschaftlerin hatte bereits zuvor einen Großteil abgeschlossen, teilweise aufgrund der Freiheit, die ihr ein anfängliches dreimonatiges Starter-Stipendium der Goethe-Universität im Jahr 2023 bot.
Ihre außergewöhnlichen Planungs- und Umsetzungsfähigkeiten sind sicherlich ein Grund für die wiederholte Förderung ihrer Forschung. Sie schätzt es, dass sie diese Eigenschaften mit ihrem Betreuer, Prof. Jonas Wolff, Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Transformationsstudien und Lateinamerika an der Fakultät für Sozialwissenschaften, teilt. Nachdem sie ihm 2021 erstmals ihre Idee für eine Promotion vorgestellt hatte, erklärten ihr sowohl Prof. Wolff als auch die Mitarbeitenden, die Promovierende unterstützen, die Besonderheiten des deutschen Wissenschaftssystems sowie die Anforderungen, die an Doktorand*innen gestellt werden. Margarita Navarro erstellte daraufhin einen strukturierten Plan – genau die Art von Plan, die sie und ihr Doktorvater nun gemeinsam für dieses und nächstes Jahr entwickeln. „Ich habe es geschafft, jeden Punkt meines dreijährigen Plans aus 2021 abzuhaken und bin sogar ein wenig darüber hinausgegangen. Das erlaubt es mir, meine Forschung wie geplant leicht zurückzusetzen, um mich dieses Jahr verstärkt auf meine Lehre zu fokussieren.“
Neben ihrer Effizienz ist es die Einzigartigkeit ihres Forschungsthemas und ihre Dokumentationsmethode, die Margarita Navarros Projekt so unterstützenswert machen: Sie untersucht die Demonstrationen, die Kolumbien zwischen 2019 und 2021 erschütterten – eine der größten Protestbewegungen in der jüngeren Geschichte des Landes. Hunderttausende Menschen, darunter Studierende und junge Aktivist*innen, gingen auf die Straße, um mehr Gerechtigkeit, bessere Lebensbedingungen und Verantwortlichkeit seitens des politischen Establishments zu fordern. Im Rahmen ihres Schwerpunkts auf Radikalisierung innerhalb sozialer und studentischer Bewegungen wird sie eine längere Feldforschungsphase in ihrer Heimat durchführen, um vor Ort Interviews mit Beteiligten zu führen. „Mein Plan für meine Dissertation besteht darin, eine Dokumentarfilmreihe zu erstellen, begleitet von einem Buch.“
Bevor sie für diese Feldphase aufbricht, sehen die gut vorbereiteten und durchdachten Pläne der Konfliktforscherin, die im China-Forschungsnetzwerk des PRIFs unter anderem an den Beziehungen zwischen der Volksrepublik und den Ländern Lateinamerikas und der Karibik forscht, einen weiteren „Meilenstein“ vor: Dieses Jahr wird sie erstmals ihren eigenen Kurs zu „Forschung in Gewaltkontexten: Methoden, Ethik und Herausforderungen“ anbieten. „Ich habe das Design bereits fertiggestellt und möchte mindestens ein Jahr an der Goethe-Universität unterrichten, bevor ich für meine Feldforschung nach Hause zurückkehre.“ Es besteht kaum Zweifel daran, dass ihr auch dies gelingen wird – nicht nur dank ihrer realistischen und sorgfältigen Planung, sondern auch aufgrund ihres nahezu makellosen Deutsch. „Der DAAD war großzügig genug, auch einige meiner Deutschkurse zu finanzieren. Dadurch konnte ich meine selbst beigebrachten Kenntnisse schnell verbessern, erst durch einen intensiven B2-Kurs und später mein C1 am Internationalen Studienzentrum (ISZ) unter Kerstin Sharaka, der ich für ihre Unterstützung sehr dankbar bin.“
Wenn alles nach Plan läuft, wird die vielseitige Forscherin ihre Promotion im Jahr 2028 abschließen. Und dann? „Ich möchte weiterhin forschen und lehren, idealerweise in Deutschland oder Europa. Diesen Sommer bin ich Gastforscherin beim COSMOS Center on Social Movement Studies in Italien und werde dort ein Praktikum absolvieren, an einem Paper oder Kapitel meiner Dissertation arbeiten und das Gelernte in meiner Lehre hier anwenden. Natürlich ist ein weiteres Dokumentarfilmprojekt in Kolumbien immer eine faszinierende Option.“
Heute drehen sich ihre Gedanken aber um einen Anruf von einer Maklerin. Margarita Navarro hofft, den Mietvertrag für eine Wohnung zu unterschreiben, die ihr und ihrem langjährigen Freund als neues Zuhause dienen wird. Nachdem sich die beiden im Jahr 2019 in Kolumbien kennengelernt haben, hatten sie seither aufgrund der Pandemie und der Planung ihres Studiums bisher wenig Möglichkeit, ein reguläres Zusammenleben zu führen. Beide freuen sich sichtlich darauf, dieses Jahr gemeinsam ihr neues Zuhause in Frankfurt einzurichten. – Kurz bevor dieser Artikel veröffentlicht wurde, kam die gute Nachricht: „Wir haben die perfekte Wohnung gefunden und ziehen im März um.“ Dann werden sie gemeinsam die Stadt erkunden, die laut Margarita Navarro für jeden etwas zu bieten hat.

Samuel Ramapurams Weg zu und an der Goethe-Universität ist ebenfalls bemerkenswert. Als einer der ersten Stipendiaten des Startstipendiums der Franz-Adickes-Stiftung (3.000 €) für internationale Doktorand*innen musste er aufgrund der COVID-19-Pandemie den Beginn seiner Promotion bei Prof. Anja Middelbeck-Varwick an der Fakultät für Katholische Theologie verschieben. Seit seinem ersten Besuch beim Sommerfest für internationale Forschende der Goethe-Universität – dem Pendant zum Neujahrsempfang am Semesterende – hat sich sein Forschungs- und berufliches Netzwerk stetig weiterentwickelt.
Der aus Bangalore stammende Forscher ist zudem ordinierter Priester der Anglikanischen Kirche und erhielt eine formale musikalische Ausbildung an einer Musikschule in Chennai, Indien. Besonders interessiert er sich für das Zusammenspiel von Musik und Religion, mit einem Fokus auf historische Ethnomusikologie, Konversionsnarrative sowie der Rolle devotionaler und ritueller Klangpraktiken bei der Gestaltung sozialer und religiöser Identitäten. „Ich verbringe meine Zeit mit Lesen, Schreiben und mehreren kurzen Forschungsaufenthalten“, sagt er. Seine Arbeit wurde bereits in vielen akademischen Kontexten präsentiert, einschließlich Diskussionen mit Kolleg*innen und Forschungsgruppen an der Bar-Ilan-Universität in Israel, der Universität Oxford, der Universität Warschau in Polen, der Universität Szeged in Ungarn, der Universität Edinburgh und der Universität Aberdeen in Schottland sowie der Universität Coimbra in Portugal. Zwischen 2024 und 2025 nahm er an 20 internationalen Konferenzen und Workshops an diesen Institutionen teil. „Diese Austauschmöglichkeiten waren äußerst hilfreich, um die vergleichenden und theoretischen Dimensionen meiner Forschung zu verfeinern, insbesondere in Bezug auf Musik, Religion und postkoloniale Geschichte“, sagt er.
Ein Beispiel, das die Vielfalt seiner Forschung veranschaulicht, ist ein Paper, das er an der Bar-Ilan-Universität über vergleichende musikalische Dialoge zwischen Judentum und Hinduismus präsentierte. Darin untersucht Samuel Ramapuram, wie Klänge und Tonleitern das menschliche Gehirn, Gedächtnis, Trauma und Emotionen beeinflussen. Neben seinen starken persönlichen Verbindungen zu Schweden verfügt er zudem über beträchtliches musikalisches Talent. Zusätzlich zu Klavier und Akkordeon lernt er die Nyckelharpa, ein schwedisches Streichinstrument mit Tasten, dessen Name wörtlich als „Schlüsselfidel“ übersetzt und das ähnlich wie eine Violine gespielt wird.
Als interreligiös engagierter Wissenschaftler bekräftigt und hinterfragt Samuel Ramapuram gleichermaßen die Universalität und Einzigartigkeit seiner anderen zentralen Leidenschaft, der Musik innerhalb religiöser Praktiken. Er besucht regelmäßig eine Vielzahl religiöser Institutionen in Frankfurt, darunter Kirchen, Synagogen, hinduistische Tempel, Sikh-Gurdwaras, Moscheen, buddhistische Tempel und das Baháʼí-Zentrum. Darüber hinaus pflegt er den Dialog mit Atheisten im Rahmen seines breiteren intellektuellen Engagements mit Fragen nach Sinn, Lernen und den gemeinsamen Geheimnissen der menschlichen Existenz mit dem grundlegenden Verständnis, immer mehr Mensch als Intellektueller zu sein. Die zentrale Rolle der Musik in seinem Leben und seiner wissenschaftlichen Arbeit brachte ihn dazu, Aspekte seiner theoretischen Forschung in ein selbst komponiertes musikalisches Werk zu überführen, das vom Interreligiösen Chor in Frankfurt am 12. November 2024 aufgeführt wurde. Samuel Ramapuram selbst wirkte als Percussionist mit.
In naher Zukunft wird Samuel Ramapuram jedoch voraussichtlich weniger Zeit für seine kompositorischen Aktivitäten haben. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt derzeit zwei eng miteinander verbundenen Forschungsprojekten: seiner Dissertation, die einen analytischen Rahmen für die Untersuchung von Musik und Religion in indigenen Kontexten in Indien entwickelt, und ein umfangreiches Manuskript in Buchlänge, das seine frühere Arbeit durch neu identifizierte Archivquellen, aktuelle Feldinterviews und einen neuartigen theoretischen Beitrag zum Thema Klang erweitert. Die Nyckelharpa und andere Musikinstrumente bleiben ein wesentlicher Bestandteil seiner reflektierenden Praxis, da sie sowohl intellektuelle Struktur als auch Möglichkeiten für kontemplative Rückzüge bieten.
Und obwohl die Physik nicht explizit im Fokus seiner Forschung steht, wirken ihre Prinzipien dennoch in seiner Arbeit. Klassische Akustikgesetze bestimmen die Ausbreitung von Schallwellen, Wellengleichungen sagen die Tonhöhe einer Saite voraus, und die Fourier-Analyse erleichtert die Bestimmung des Timbres oder der Grundfrequenz eines Klangs. Physikalische Prinzipien beeinflussen auch die Klangerzeugung in Musikinstrumenten – sei es durch Streichen, Schlagen oder Zupfen – indem sie erklären, wie die Resonanzkörper dieser Instrumente die Frequenzen verstärken und formen, wodurch die charakteristischen Klangfarben eines individuellen Instruments erst entstehen. Über die klassische Physik hinaus bieten quantenphysikalische Prinzipien weitere Einblicke in das Verhalten von Klang auf mikroskopischer Ebene: Sie erläutern Phänomene wie quantisierte Schwingungsenergie in Saiten und die probabilistischen Wechselwirkungen der Teilchen, die Resonanz und harmonische Obertöne beeinflussen. Auf diese Weise tragen sowohl die klassische als auch die Quantenphysik zu einem tieferen Verständnis der Mechanik und Ästhetik des musikalischen Klangs bei.
Ein warmes Nachglühen
Am Ende des Abends, nachdem alle Gäste gegangen waren und die Musik verklungen war, stand die historische Villa Cahn wieder leer. Die zuvor hier versammelten Stimmen, die sich im Laufe des Empfangs gefunden, vermischt, und neu zusammengesetzt hatten, fanden jeweils zu einem neuen Zentrum – ähnlich wie Materie sich zerstreut, nachdem ein Stern verglüht ist.
Was bleibt, ist ein warmes Nachglühen, in dem die zahllosen Gespräche und Begegnungen des Abends nachklingen und das Spuren in Form von beantworteten oder neu aufgeworfenen Fragen hinterlässt sowie den Grundstein für neues Wissen und Konstellationen legt.
Nominierungen für den ersten „Goethe Science Diplomacy Award“ jetzt möglich
Kennen Sie jemanden, der einen bedeutenden Beitrag zum interkulturellen Austausch und zum gesellschaftlichen Dialog mit internationalen Gästen der Goethe-Universität geleistet hat? Gibt es ein Projekt, das Ihrer Meinung nach innovative Formen der internationalen Zusammenarbeit in Forschung, Lehre und Publikation – auch im virtuellen Raum – beispielhaft verkörpert? Oder haben Sie vielleicht an einer außergewöhnlichen internationalen akademischen Konferenz oder einem Workshop in Frankfurt teilgenommen oder wissen von internationalen Forschungskooperationen zwischen der Goethe-Universität Frankfurt und Partnerinstitutionen in herausfordernden oder krisengeprägten Regionen sowie von Bemühungen, die Forschungsfreiheit zu schützen und gefährdete Forschende zu unterstützen?
Der Goethe Science Diplomacy Award wird von der Stiftung zur Förderung der internationalen wissenschaftlichen Beziehungen an der Goethe-Universität verliehen und zeichnet Forschende der Goethe-Universität Frankfurt aus, die eines der oben genannten Kriterien erfüllen. Nominierungen können von allen Mitgliedern der Universität sowie von Partnerinstitutionen, die an größeren Forschungskooperationen beteiligt sind, eingereicht werden. Selbstnominierungen sind nicht möglich.
Weitere Informationen, inklusive dem Nominierungsformular, finden Sie hier.





















