Nachruf auf den Ornithologen und Physiologen Roland Prinzinger

Roland Prinzinger

Für viele von uns völlig unerwartet verstarb am 04.02.2026 der Frankfurter Ornithologe und Physiologe Prof. Dr. Roland Prinzinger im Alter von 77 Jahren. Mit ihm verlieren wir einen leidenschaftlichen Biologen mit herausragender Artenkenntnis, die er mit großem Engagement an Studierende und interessierte Laien weitergab – auf zahllosen Exkursionen, in Vorträgen sowie in zahlreichen Veröffentlichungen, darunter Fachpublikationen und Lehrbücher.

Insbesondere die Vogelwelt in all ihren Facetten – von der Embryologie über Gesang und Zugverhalten bis hin zu vergleichender Physiologie – stand im Zentrum seines wissenschaftlichen Wirkens. Die Vögel bildeten den Dreh- und Angelpunkt seiner Forschung. Im Fokus standen dabei vergleichende Untersuchungen zur Regulation von Stoffwechsel und Körpertemperatur – von der Entwicklung im Ei bis hin zu Torpor bei Kolibris. Diese Arbeiten mündeten schließlich in übergreifende Betrachtungen zum „Geheimnis des Alterns“ und zu den Zusammenhängen zwischen Energieumsatz, Körpergröße und Lebensdauer unterschiedlichster Organismengruppen.

Als ausgebildeter Pädagoge maß er der Lehre an der Universität einen außerordentlich hohen Stellenwert bei. Seine Vorlesungen waren mitreißend und didaktisch hervorragend gestaltet. Mit Begeisterung vermittelte er nicht nur Fachwissen, sondern auch die Kunst, Vorträge anschaulich zu strukturieren und Abbildungen sowie Präsentationen wirkungsvoll zu gestalten. Roland Prinzinger lehrte und forschte am Institut für Ökologie, Evolution und Diversität des Fachbereichs Biowissenschaften (FB15).

Roland Prinzinger wurde 1948 in Kirchheim/Teck geboren. Von 1969 bis 1974 studierte er in Tübingen Biologie und Chemie und schloss mit dem Staatsexamen ab. Bereits seine Examensarbeit war einem ornithologischen Thema gewidmet: Verhaltensbeobachtungen am Schwarzhalstaucher. In seiner 1975 abgeschlossenen Promotion untersuchte er Zusammenhänge zwischen Energiehaushalt und Thermoregulation bei Rabenvögeln. Es folgten sechs Jahre als Wissenschaftlicher Assistent in der Zoophysiologie in Tübingen; parallel absolvierte er die Referendarausbildung und legte das Zweite Staatsexamen ab. 1982 habilitierte er sich. In den Jahren 1982–1983 war er Privatdozent an der Universität Tübingen und zugleich Lehrer für Mathematik, Chemie und Biologie an einem Gymnasium. 1984 wurde er auf die Professur für Stoffwechselphysiologie an die Goethe-Universität Frankfurt berufen, die er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2012 innehatte. Von 1987 bis 1988 war er Direktor des Zoologischen Instituts, von 1996 bis 1999 bekleidete er die Ämter des Prodekans und Dekans.

Seine tiefe Naturverbundenheit zeigte sich schon früh: Als Schüler zog er eine Krähe von Hand auf, die stark auf ihn geprägt war. Sie folgte ihm sogar, wenn er mit dem Fahrrad in den Nachbarort zur Schule fuhr, wartete dort auf einem Baum am Schulhof und begleitete ihn auf dem Heimweg. Tieren – insbesondere den Vögeln – blieb er zeitlebens eng verbunden.

Die zentralen Arbeitsgebiete des Hochschullehrers Roland Prinzinger waren der tierische Energiehaushalt und die Altersforschung. Eine seiner Standardmethoden war die indirekte Kalorimetrie, bei der O₂-Verbrauch und CO₂-Produktion gemessen werden. Mit dieser Methode untersuchte er eine große Zahl homoiothermer Arten, vor allem Kleinsäuger sowie mehr als 100 Vogelarten. Das Gewichtsspektrum reichte vom drei Gramm schweren Kolibri bis zum über 100 Kilogramm schweren Strauß. Ergänzt wurden diese Untersuchungen durch Analysen zur Physiologie der Nahrungsaufnahme, zur Regulation der Körpertemperatur sowie durch Messungen von Herzfrequenz und Blutparametern. Besonderes Augenmerk galt physiologischen Spezialzuständen wie Winterschlaf, Torpor sowie tages- und jahresperiodischen Rhythmen. Dabei konnte er unter anderem zeigen, dass Torpor deutlich weiter verbreitet ist als lange angenommen. Zudem gehörte Roland Prinzinger zu den Pionieren der telemetrischen Datenerfassung: Mit implantierten Sensoren gelang es ihm und seinen Mitarbeitenden, den Energieverbrauch von Gänsegeiern in unterschiedlichen Flugphasen zu messen.

Untersuchungen an Vogeleiern führten zu der Erkenntnis, dass für die Entwicklung eines Kükens eine konstante Energiemenge pro Gramm Eimasse erforderlich ist – ein Erklärungsansatz für die artspezifisch unterschiedliche Brutdauer. Diese Befunde leiteten zu seinem zweiten großen Forschungsfeld über, der Altersforschung. Die Zusammenhänge zwischen erreichbarer Lebensspanne und Stoffwechselrate führten ihn zur Theorie der „maximalen Stoffwechselrate“ – ein Erklärungsmodell dafür, warum etwa Schildkröten mit niedriger Stoffwechselrate ein Alter von über 200 Jahren erreichen können. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen verfasste Roland Prinzinger mehrere Monographien und Bücher.

Sein Leben lang war es ihm ein Anliegen, Wissen zu teilen. Auch außerhalb der Universität war er ein gefragter und geschätzter Vortragender in Organisationen und Vereinen. 2002 wurde er von der Goethe-Universität für „Exzellente Lehre“ ausgezeichnet. In den 1990er Jahren initiierte er eine Ausstellung zum Thema „Ei“ und verwandelte die Gänge des Zoologischen Instituts in eine eindrucksvolle Wissenslandschaft.

Roland Prinzinger war nicht nur Wissenschaftler, sondern Vollblutbiologe mit Leib und Seele. Seine Arbeit beschränkte sich nicht auf das Labor; auch im Freiland war er ein versierter Beobachter. Sein Engagement für den Naturschutz war beispielhaft und umfasste sowohl Biotop- als auch Artenschutzprojekte. Schwerpunkte waren unter anderem Stillgewässer mit der Brutbiologie des Schwarzhalstauchers, die Wiederansiedlung der Mehlschwalbe sowie ein Projekt zur Wiederansiedlung der Sumpfschildkröte in der Wetterau. In zahlreichen Vorträgen, Pressebeiträgen sowie Radio- und Fernsehauftritten verstand er es, komplexe ökologische Zusammenhänge allgemeinverständlich zu vermitteln.

Auch in der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (DOG) engagierte er sich intensiv und bemühte sich, die bestehenden Spannungen zwischen akademischen Berufsornithologen und ehrenamtlich tätigen Amateurornithologen zu überbrücken. Von 1980 bis 1989 war er Schatzmeister, von 1996 bis 2001 Präsident der DOG. 1994 wurde er mit dem Ornithologen-Preis der DOG ausgezeichnet, 2025 ernannte ihn die Gesellschaft zum Ehrenmitglied.

Roland Prinzinger hat die Ornithologie und die vergleichende Physiologie nachhaltig geprägt. Vor allem aber hat er Generationen von Studierenden für die Naturwissenschaften begeistert. Sein Werk bleibt, und mit ihm die Dankbarkeit all jener, die von seinem Wissen, seiner Klarheit und seiner Menschlichkeit profitieren durften.

von Wolfgang Wiltschko und Sven Klimpel

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