Die Universität als Team denken

„Vom Sport lernen? Antisemitismusprävention in Sportorganisationen – Anregungen für die Universität“: Eine Fachtagung des Instituts für Sportwissenschaften der Goethe-Universität setzte sich mit einem ebenso brisanten wie aktuellen Thema auseinander.

(V.l.n.r.:) Leonie Schultens, Sabine Andresen, Lennox Skalieris, Lasse Müller u. Alon Meyer.
(V.l.n.r.:) Leonie Schultens, Sabine Andresen, Lennox Skalieris, Lasse Müller u. Alon Meyer. © Uwe Dettmar

Forschende, Studierende und Vertreterinnen des Sports kamen dabei zusammen, um über die aktuelle Lage im Kampf gegen Antisemitismus zu sprechen, nicht nur im Sport, sondern auch am Campus. Dabei stand ein gemeinsames Ziel im Zentrum: in Verantwortung für alle Strategien und Präventionsansätze aus dem Sport an die Universität zu bringen.

Anstieg von Vorfällen seit dem 7. Oktober

Inhalt der Tagung waren zunächst wissenschaftliche Vorträge, gefolgt von Workshops zur Fanarbeit der Vereine, Antisemitismus in der Schule oder im Sport. Abschließend zur Tagung stand eine Podiumsdiskussion, bei welcher die Ergebnisse zusammengetragen wurden. Auf dem Podium standen dabei Prof. Dr. Sabine Andresen, Vizepräsidentin der Goethe-Universität für Diversität und Gleichstellung, Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland, Lennox Skalieris, Medizinstudent und Fußballer, sowie Lasse Müller, Sportwissenschaftler und ehemaliger Projektleiter der Präventionsinitiative Zusammen1. Moderiert wurde die Runde von Leonie Schultens vom Büro für Internationale PR und Kommunikation.

Ein Eindruck über die aktuellen Entwicklungen in Bezug auf antisemitische Vorfälle wurde deutlich benannt. Seit dem 7. Oktober 2023 hat es nicht nur in Nahost, sondern auch in Deutschland einen massiven Anstieg an antisemitischen Vorfällen gegeben. Für viele jüdische Menschen, ob an Schulen, Hochschulen oder auch auf dem Fußballplatz ist damit das Sicherheitsgefühl deutlich gesunken. Dabei würde nur ein Bruchteil der Anfeindungen gemeldet und die tatsächliche Dunkelziffer liege deutlich höher, sei es nun auf dem Fußballplatz, wie Meyer berichtet oder auf dem Campus. Diese gesellschaftliche Realität bildete den Ausgangspunkt der Diskussion: Wie kann man Antisemitismus erkennen, bevor er sich verfestigt? Und was kann die Universität dabei vom Sport lernen?

Vom Spielfeld ins Seminar – Parallelen zwischen Sport und Hochschule

Der Ansatz der Tagung soll genau hier Abhilfe schaffen und verbinden, der Sport als Brennpunkt und Labor sozialer Dynamiken und die Universität als Ort kritischer Reflexion. Lasse Müller, selbst langjährig in der Präventionsarbeit aktiv, betont, dass der Sport in Deutschland in den vergangenen Jahren „vom bloßen Erinnern zum Handeln“ eine gute Entwicklung gemacht hat. Während die Aufarbeitung der NS-Geschichte in vielen Vereinen zunächst unter dem Motto „Nie wieder“ stand, gehe es heute zunehmend um die Bekämpfung aktueller Formen von Antisemitismus. Projekte wie Zusammen1 von Makkabi Deutschland verbinden dazu empirische Forschung und Bildungsarbeit im engen Bezug auf die jeweiligen gesellschaftlichen Veränderungen.

Die sportwissenschaftlichen Erhebungen, welche Müller ins Licht rückt, zeichnen hierbei ein deutliches Bild. So haben laut einer Umfrage 68 Prozent der Mitglieder von Makkabi angegeben, mindestens einmal antisemitische Anfeindungen erlebt zu haben. Diese sind zumeist verbale Beleidigungen, jedoch sind auch körperliche Angriffe keine Alleinerscheinung. Nur 29 Prozent der Befragten halten Sportvereine für ausreichend auf solche Vorfälle vorbereitet. Und zugleich gilt der organisierte Sport auch als ein Bereich, in dem Präventionsarbeit sichtbar wirkt. So haben knapp ein Drittel der Vereine der ersten vier Fußballligen in den letzten fünf Jahren antisemitismusbezogene Aktivitäten umgesetzt. Diese reichen von Gedenkprojekten bis zu Workshops mit Fans und Jugendlichen.

Entscheidend, um nachhaltige Ziele zu erreichen, sei hier, dass die Präventionsarbeit strukturell in die Vereinsarbeit und übertragend in verschiedene gesellschaftliche Bereiche eingebunden wird.

Die Dunkelziffer ist noch höher

Ein weiteres Problem ist, dass sich Antisemitismus im Sport nur teilweise statistisch erfassen lässt, erklärt Meyer von Makkabi Deutschland. Viele diskriminierende Bemerkungen oder Gesten landen nie im Spielbericht, und damit auch nicht in der offiziellen Statistik des DFB. „Nur ein Bruchteil der tatsächlichen Äußerungen wird auch gemeldet“, betont er. Dies lasse sich auch auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen. Antisemitismus ist ein dunkles Feld, das sich nicht allein durch Zahlen erschließen lasse.
Auch Prof. Sabine Andresen verwies in der Diskussion auf die Dimensionen antisemitischer Diskriminierung, die zunehmend auch auf dem Campus spürbar seien: „Seit dem 7. Oktober beobachten wir eine Eskalation auf dem Campus – nicht nur in Diskussionen, sondern auch in Einschüchterungen und verbalen Übergriffen.“

Für Andresen besteht die Aufgabe der Universität nun darin, Strukturen und Kulturen zu analysieren, die Antisemitismus ermöglichen oder verharmlosen. Es gehe dabei auch um die Frage, welche „strukturellen Schwachstellen“ man angehen könne und wie die Universität die Kommunikation mit klarer Haltung im Umgang mit Diskriminierung führen kann. Dabei dürfe die Hochschule nicht der Versuchung erliegen, die Deutungshoheit im öffentlichen Raum anderen zu überlassen. „Wir sehen, wie versucht wird, Diskurse zu dominieren und Räume des Sprechens zu verengen. Das schafft ein Klima der Einschüchterung – und dem müssen wir entgegentreten“, befestigt Andresen.

„Wir bauen Brücken“

Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland, schilderte eindrücklich, wie sich die Sicherheitslage für jüdische Vereine seit dem 7. Oktober verschärft habe. „Manchmal mussten Trainings- oder Spielbetriebe eingestellt werden“, so Meyer. „Aber sich zurückzuziehen ist keine Lösung.“ Stattdessen brauche es mehr Begegnung, nicht weniger: „Wir bauen Brücken – Brücken der Begegnung, des Zusammenseins, des Kennenlernens, viele unserer Mitglieder sind nicht jüdisch.“ Für Meyer liegt in der sozialen Kraft des Sports die eigentliche Chance der Präventionsarbeit. Hier gilt es, gemeinsam zu agieren, aufeinander zuzugehen und Hindernisse zusammen zu überwinden.

Auch Lennox Skalieris, Medizinstudent und Fußballer, unterstrich die emotionale Dimension des Sports: „Der Stern auf der Brust, das ist nach innen ein Zeichen des Zusammenhalts, aber auch nach außen oftmals ein Ziel für Anfeindungen.“ Der Sport, ergänzt Müller, bringe „durch seine Emotionalität und Körperlichkeit sowohl Risiken als auch Chancen“ mit sich. „Es sind hochdynamische, oft eskalierende Situationen, aber genau darin liegen auch Lernpotenziale.“ Wenn man diese Erfahrungen in Bildungsinstitutionen überträgt, kann daraus eine pädagogische Haltung entstehen, die nicht auf Distanz, sondern auf Begegnung, Brücken und Gemeinsamkeiten setzt.

Vom Sport lernen: Verstehen – Vermitteln – Verändern

Das Projekt Zusammen1 steht hierbei exemplarisch für einen solchen Ansatz. Es kombiniert Forschung, Bildung und Organisationstransfer in drei Schritten: Verstehen (Analyse und Monitoring antisemitischer Vorfälle), Vermitteln (Workshops, Schulungen, interaktive Tools wie das Antisemitismus-Barometer) und Verändern (strukturelle Maßnahmen, Zuständigkeiten, Netzwerke). Genau diese Logik, so die Zielsetzung, lasse sich auch auf die Universität übertragen.

Während bereits 85 Prozent der Hochschulen laut einer aktuellen Erhebung eine Anlaufstelle für Diskriminierung eingerichtet haben, bieten nur 7 Prozent konkrete Schulungen oder angepasste Richtlinien für Lehrende und Studierende an. Es besteht also eine deutliche Wahrnehmungslücke, und Strukturen, die existieren, werden zu wenig genutzt oder sind kaum wirklich sichtbar.

Wie im Sport braucht es hier klare Spielregeln, Teamgeist und den Mut und die Solidarität, sich gegen Diskriminierung zu stellen. Jeder Mensch, der schon mal in einem Team Sport betrieben hat, weiß, wenn einer im Team angegriffen wird, ist das ein Angriff auf alle. Da stehen alle gemeinsam dagegen und man verteidigt den anderen und positioniert sich klar. Oder wie Prof. Andresen es formulierte: „Wir müssen die Universität als Mannschaft denken.“ Jeder und jede trägt hier Verantwortung, Studierende, Lehrende, Verwaltung, alle sind betroffen und verpflichtet.

Ausblick für eine Universität als Team

Was also kann die Hochschule vom Sport lernen, welche Erkenntnisse und Einblicke hat die Fachtagung des Instituts für Sportwissenschaften erbracht? Da wäre erstens: Begegnung schaffen, wo Distanz herrscht. Antisemitismusprävention darf nicht nur theoretisch, sondern muss erfahrbar werden, etwa durch Seminare, Dialogformate oder gemeinsame Projekte mit Partnern wie Makkabi. Zweitens: Strukturen stärken, klare Zuständigkeiten, niedrigschwellige Meldewege, feste Beauftragte. Drittens: Emotion zulassen, Wertebildung gelingt nicht immer allein über Fakten, sondern über Empathie, Austausch und gemeinsames Erleben.

Vom Spielfeld zur Universität, von der Prävention im Verein zur Bildungsarbeit auf dem Campus. Antisemitismus, so die einhellige Meinung, betrifft uns alle und erfordert gemeinsame Strategien. Wenn Sport und Wissenschaft eng zusammenarbeiten, kann nicht nur ein Transfer von Methoden entstehen, sondern auch ein Miteinander, eine Kultur des Hinsehens, des Zuhörens und des gemeinsamen Handelns.

Kevin Knöss

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