Foto: Lanah Haddad

Vorderasiatische Archäologen leisten wichtigen Beitrag zur Erforschung des Nordirak.

Proben konnte Prof. Dirk Wicke diesmal nicht mitbringen von seiner Grabung im Nordirak. Wegen des Unabhängigkeitsreferendums hat die Zentralregierung in Bagdad der autonomen Region Kurdistan die Hoheitsrechte entzogen. Kein Zoll, keine internationalen Flüge – das trifft auch die Archäologen der Goethe-Universität, die unter Leitung von Prof. Wicke die Ausgrabungsarbeit an einem Hügel in der irakisch-kurdischen Provinz Sulaimaniyah vorangebracht haben:

Die Gruppe von Studierenden und Doktoranden der Vorderasiatischen Archäologie musste über den Flughafen in Bagdad ausreisen. In Bagdad jedoch ist fraglich, was mit archäologischen Funden geschieht, die vorübergehend außer Landes gebracht werden sollen. „Das Risiko, dass man uns die Stücke abnimmt und sie dann einfach verschwinden, war mir zu groß“, sagt Wicke. Deshalb blieben die Funde in Kurdistan.

Irak offen für ausländische Archäologen

Dabei wurde auch beim zweiten Grabungsaufenthalt der Frankfurter Archäologen an dem drei Hektar großen Fundplatz Gird-î Qalrakh in der Shahrizor-Ebene allerhand entdeckt. Das eigentliche Ziel der Ausgrabungen: eine möglichst vollständige Abfolge von Keramikscherben in der Region zu erstellen. Unter Saddam Hussein war die Gegend 30 Jahre lang nicht zugänglich gewesen.

Viele der Tells, Erhebungen in der Landschaft, die archäologische Stätten darstellen, wurden damals militärisch genutzt oder waren gar vermint. Seit 2003 jedoch kann geforscht werden. Anders als zum Beispiel in der Türkei, wo Grabungen ausländischer Wissenschaftler immer schwieriger werden, werde man im Irak mit offenen Armen empfangen, berichtet Wicke.

Hier entscheide die Provinzregierung, ob eine Grabung genehmigt werde oder nicht. Einheimische Archäologen gibt es zu wenige für die große Anzahl an Fundplätzen, und so sei man offen für Wissenschaftler aus dem Ausland. Denn die Urbanisierung schreitet voran, die Städte wachsen explosionsartig und bedrohen die teils Jahrtausende alten Siedlungen – sollen die archäologischen Stätten rechtzeitig untersucht werden, ist Eile geboten.

Von der Shahrizor-Ebene am Rande Mesopotamiens gab es noch eine Kartierung aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, die von Heidelberger Archäologen neu aufgelegt wurde. Die für einen solchen Survey notwendige Datierung der Funde an der Oberfläche erwies sich jedoch als schwierig, da nur wenig spezifische Scherben gefunden wurden – und da es eben bislang kein Orientierungsraster zur präzisen Einordnung der oftmals sehr lokalen Keramik gibt.

Ein Hügel, der viel in sich birgt: Ein Team der Vorderasiatischen Archäologie der Goethe-Universität gräbt an diesem Tell in der Shahrizor-Ebene nach Spuren aus der Vergangenheit. Dabei wurde auch ein Webstuhl aus dem 1. Jahrtausend nach Christus entdeckt und Siegelungen, die beim Verschnüren von Stoffballen benutzt wurden; Fotos: Dirk Wicke, Jutta Eichholzch

Das soll sich dank der Grabung in der Shahrizor-Ebene nun ändern. Funde im Kontext zeitlich bestimmbarer Schichten können für andere Funde als Anhaltspunkt dienen – zum Beispiel durch ihren Stil oder die Herstellungstechnik. Die Landschaft in der Region ist übersät mit antiken Siedlungsplätzen, den heutigen Tells, kurdisch „Gird“.

Diese Hügel entstehen dadurch, dass die aus ungebrannten Lehmziegeln errichteten Häuser rasch zerfallen, wenn sie nicht beständig gepflegt werden. Einmal verlassen, werden sie in der Regel von nachkommenden Generationen planiert und dienen als Basis für neue Bauten. Die exponierte Lage war für eine Besiedelung ideal, da sie einen guten Überblick über das Gelände erlaubt.

Der Hügel, an dem die Frankfurter Gruppe gräbt, eignet sich besonders gut für die systematische Erforschung: Er ist relativ hoch und enthält eine nahezu geschlossene Abfolge von archäologischen Schichten. Prof. Wicke geht davon aus, dass die Stelle seit dem frühen 3. Jahrtausend vor Christus bis in die islamische Zeit lückenlos besiedelt war. Ungewöhnlich massiv ist darunter die Bebauung aus neuassyrischer Zeit, etwa vom 9. bis 7. Jahrhundert vor Christus.

Am Grabungsort: Hinweise auf frühe Textilproduktion

Überrascht waren die Archäologen vom Fund eines Webstuhls aus der Zeit zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert nach Christus mitsamt Webgewichten aus Ton sowie tönernen „Siegelungen“: Mit diesen wurden zusammengeschnürte Stoffballen plombiert, was noch an textilen Abdrücken im Ton zu erkennen ist. Statt der früher häufigen Form der Rollsiegel kommen besonders unter griechischem Einfluss vermehrt Stempelsiegel und Siegelringe zum Einsatz.

Diese beglaubigten Dokumente und zertifizierten Waren, wie hier vermutlich die Textilien, die vor Ort gewebt wurden. Gefunden wurde zum Beispiel ein Siegel, das einen Vogel Greif zeigt. Die professionelle Art der Textilherstellung lässt darauf schließen, dass der Hügel kein normales Dorf mit einigen wenigen Gehöften, die nur für den Eigengebrauch produzierten, war.

„Möglicherweise gab es hier eine größer angelegte Produktionsstätte mit weiter reichenden Handelsbeziehungen“, meint Prof. Wicke. 35 Scherben konnten die Frankfurter Archäologen bereits untersuchen, weitere 40 liegen bereit, wenn sich die Verhältnisse wieder normalisiert haben. Wesentlich mehr aber sind notwendig, wenn das Ziel, eine geschlossene Keramikabfolge zu erstellen, tatsächlich erreicht werden soll.

Bislang wurden die Grabungen, die der lokale Antikendienst initiiert hat, durch den Förderverein Enki e.V. sowie die Thyssen-Stiftung unterstützt. Um die Keramiksequenz abschließen zu können, soll bei der DFG ein Antrag auf dreijährige Projektförderung gestellt werden.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.