Einige der Fem4Dem Wissenschaftlerinnen am Rande einer gemeinsamen Tagung.

Die Demokratie stärken, Radikalisierung verhindern und dabei wissenschaftliche Erkenntnisse über die Basis der Gesellschaft gewinnen – das sind die Hauptziele des Projekts Fem4Dem am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität in Kooperation mit der Universität Osnabrück. Das Projekt Fem4Dem II wird bis Ende 2021 von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration gefördert. Bereits 2019 hat die Beauftragte das vorangegangene Projekt Fem4Dem I gefördert. Insgesamt sind dafür rund 5,7 Millionen Euro vorgesehen.

Was geschieht an der Basis der muslimischen Zuwanderungsgesellschaft? Welche Initiativen gibt es, und wie versuchen Frauen und Mädchen, sich zu organisieren, um ihre Interessen in der Gesellschaft zu artikulieren? Um das herauszufinden, haben Prof. Dr. Harry Harun Behr und Dr. Meltem Kulaçatan von der Goethe-Universität sowie Prof. Dr. Bülent Uçar und Dr. Michael Kiefer von der Universität Osnabrück ihre Teams seit Anfang 2019 „ins Feld“ geschickt: Das heißt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben recherchiert, wo es bereits Projekte der muslimischen Selbstorganisation gibt, wo Frauen und Mädchen mit islamischen Glauben sich organisieren im Interesse einer gemeinsamen Sache. Was sind die Ziele dieser Projekte, und wie kann man das Erreichen dieser Ziele mit wissenschaftlicher Expertise unterstützen? Bis zu 10.000 Euro können die Projekte erhalten, um sich besser zu organisieren und nachhaltiger wirken zu können. Von Januar bis Dezember 2019 ist das Projekt Fem4Dem I in einer Art Pilotphase gelaufen, und nun hat die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration die Förderung des darauf aufbauenden Projekts bewilligt. Die Förderung steht im Kontext des Nationalen Präventionsprogramms gegen islamistischen Extremismus und des Strategiepapiers der Bundesregierung zur Extremismusprävention und Demokratieförderung. 

In der Fortführung des Projekts soll die Zielgruppe nun erweitert werden, indem auch Jungen- und Männerarbeit in den Blick kommen. Die Zielsetzung bleibt jedoch gleich: Die Initiativen sollen enger mit der Wissenschaft verzahnt und auf ihrem Weg hin zu mehr Eigenständigkeit und Professionalisierung unterstützt werden. 15 Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter forschen im gesamten Bundesgebiet nach Beispielen muslimischer Selbstorganisation und übernehmen für jeweils drei bis vier dieser Projekte die wissenschaftliche Begleitung. „Wir bieten ihnen eine inhaltliche und strategische Beratung an und unterstützen sie dabei, Anschluss an die Regelsysteme zu finden“, erklärt Dr. Kulaçatan. Dabei würden gezielt Probleme angesprochen und wissenschaftlich analysiert. 

„Das ist für eine Universität ungewöhnlich: Wissenschaft begibt sich als Akteur ins soziale Feld“, erklärt Prof. Behr. Diese neue Rolle führe zu einem erweiterten Verständnis von Wissenschaft, mache diese „engagierter, kritischer“. Zusammen mit dem Team der Universität Osnabrück habe man ein echtes „Dreamteam“ gebildet: „Osnabrück ist vor allem stark in der Theorie der Sozialen Arbeit, sie arbeiten eng mit den Wohlfahrtsverbänden und den kommunalen Entscheidungsträgern zusammen“, so Behr. Der Großteil des Projekts werde jedoch von Frankfurt aus gesteuert, außerdem spiele hier der Aspekt der Genderforschung eine größere Rolle. 

Die Projekte könnten von ihrer Ausrichtung her ganz unterschiedlich sein, sagt Dr. Kulaçatan. In der Pilotphase beteiligte sich zum Beispiel eine Gruppe aus Bielefeld, in der sich muslimische Frauen gegen Antisemitismus in der Stadtgesellschaft engagierten. „Diese Frauen haben auf mehreren Seiten mit Vorurteilen zu kämpfen, wir helfen ihnen, ein Konzept zu entwickeln, damit sie erfolgreich Aufklärung betreiben können, zum Beispiel in Schulen und in der Erwachsenenbildung“, so die Erziehungswissenschaftlerin. Die Frauen müssten auch lernen, mit Rückschlägen klarzukommen und nicht aufzugeben – auch dabei würden sie vom Projekt Fem4Dem gestärkt.