Christian Wiese, Theologe

Karfreitag und Ostern waren im Mittelalter gefährliche Tage. Für Juden jedenfalls. „Zu dieser Zeit des Jahres erinnerten sich viele Christen besonders intensiv an die Beschuldigung, ‚die Juden‘ hätten ‚den Herrn umgebracht‘, und dafür sollten sie (die Juden) büßen“, erläutert Christian Wiese, der am Fachbereich Evangelische Theologie die „Martin-Buber-Professur für jüdische Religionsphilosophie“ innehat und sich in dieser Funktion immer wieder mit den historischen und gegenwärtigen Ausprägungen des Antisemitismus beschäftigt.

„Antisemitismus ist keine Erfindung der Nazis“, stellt Wiese klar, „christliche Judenfeindschaft ist beinahe so alt wie das Christentum selbst; sie wurzelt im Konkurrenzverhältnis der beiden Religionen.“ Zwar gebe es immer wieder auch Beispiele dafür, dass Christen Juden mit Respekt und Toleranz begegnet seien. Aber antijüdische Denkmuster und Handlungsanweisungen hätten seit der Antike die Geschichte des Christentums in unterschiedlichen Formen begleitet und die Haltung des Kirchenvaters Augustinus ebenso beeinflusst wie den Reformator Martin Luther oder Theologien der Moderne. „Damit ist nicht behauptet, dass christlicher Antisemitismus automatisch oder zwangsläufig zur Schoah geführt habe“, schränkt Wiese ein.

„Die historische Rekonstruktion zeigt jedoch, dass sich die christlichen Kirchen keinesfalls von ihrer Mitverantwortung freisprechen können, sondern sich ihr stellen und sie stets von neuem reflektieren müssen.“ Auch nach dem Holocaust sei der Judenhass nicht einfach verschwunden. Die dringende Aufgabe, eine christliche Theologie ohne antijüdische Elemente zu entwickeln, habe ihn daher schon in seinem Studium der evangelischen Theologie und auch danach geprägt – während seines Studiums in Jerusalem und später seines Vikariats genauso wie in seinem Aufbaustudium der Judaistik. Auch die Forscherlaufbahn, die er seither mit Promotion, Habilitation und Professur eingeschlagen hat, steht unter diesem Vorzeichen.

Begegnung und Austausch

Schon als Wiese 2010 – nach Stationen in Kanada, in den USA und Irland – vom „Centre for German-Jewish Studies“ an der Universität Sussex nach Frankfurt wechselte, war es für ihn besonders attraktiv, dass Fragen der interreligiösen Beziehungen am Fachbereich Evangelische Theologie eine wichtige Rolle spielen. Folgerichtig liegt einer der Schwerpunkte seiner Aktivität auf Begegnung und Austausch zwischen Judentum, Christentum und Islam, sei es im Rahmen seiner Goethe-Fellowship am Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg, sei es in seiner Rolle als akademischer Sprecher des LOEWE-Forschungsschwerpunkts „Religiöse Positionierung. Modalitäten und Konstellationen in jüdischen, christlichen und islamischen Kontexten“, der 2017 seine Arbeit aufnahm.

Einem kann er in beiden Funktionen nicht ausweichen: Wenn er sich mit jüdischer Geschichte und Kultur beschäftigt, spielt die komplexe, konfliktträchtige Situation in Israel und im Nahen Osten immer eine Rolle. „Die aktuelle politische Lage in Israel kann ich schon deshalb nicht ausblenden, weil ich intensiv mit israelischen Kollegen zusammenarbeite, die ihr ständig ausgesetzt sind und die in diesem Kontext Wissenschaft betreiben“, sagt Wiese. „Außerdem lässt sich meine eigene Forschung zur europäisch-jüdischen Geschichte, der jüdischen Religionsphilosophie der Neuzeit, der Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehungen oder zum Antisemitismus gar nicht unabhängig von diesen Fragen denken.

Wenn ich etwa darüber nachdenke, wie jüdisches Denken sich nach der Schoah mit Fragen jüdischer Existenz auseinandersetzt, dann ist der Staat Israel eine feste Größe darin. Deshalb bin ich auch selbst höchst besorgt angesichts der dortigen Konflikte und der verfahrenen politischen Situation.“ Seinen Studierenden möchte Wiese vermitteln, dass die religiösen, historischen und politischen Wurzeln der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Israel weit komplexer und die Debatten vielstimmiger sind, als es in der medialen Wahrnehmung erscheint.

Dialog in der Tradition Martin Bubers

Indem Wiese für Dialog anstelle von Dämonisierung und für einen achtungsvollen Umgang mit religiöser und kultureller Differenz eintritt, steht er gewissermaßen in der Tradition Martin Bubers, nach dem seine Professur benannt ist und in dessen Werk das „dialogische Prinzip“ so bedeutsam ist – „auch wenn ich als Nichtjude natürlich nicht einfach beanspruchen kann, die Nachfolge eines jüdischen Denkers anzutreten“, wie er betont.

Aber Bubers Schaffen spielt in Wieses Forschertätigkeit eine große Rolle – zuletzt sichtbar in seiner Edition von Bubers Schriften zur biblischen Religion im Rahmen der 21-bändigen Martin-Buber-Werkausgabe. Und das könnte für die nächsten 20 Jahre so bleiben, falls Wiese sein nächstes großes Projekt tatsächlich verwirklichen kann, die digitale Edition der Korrespondenzen Bubers: rund 55 000 Briefe, die in Bubers Nachlass in Jerusalem lagern. Teils erschlossen, teils nicht erschlossen. Mit Juden und Nichtjuden. Mit vielen bekannten Zeitgenossen wie Hermann Hesse, Thomas Mann, Mahatma Gandhi oder Albert Einstein, aber auch mit weniger bekannten Briefpartnern.

Stefanie Hense

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.19 des UniReport erschienen.