Das Europäische Wildkaninchen; Foto: Kriesten

Fragiler Lebensraum Stadt: Die Biologin Madlen Ziege sieht Anzeichen für einen extremen Schwund der Population in Frankfurt.

Großstadtkaninchen leben als Singles“, titelte vor drei Jahren die FAZ, und auch zahlreiche andere Medien griffen das Thema einer Doktorarbeit auf, in der es um die Population der Wildkaninchen in Frankfurt ging. Die Verfasserin, die Biologin Madlen Ziege, hatte im Rahmen ihrer Forschung die Kaninchen- und Bautendichte in der Großstadt Frankfurt untersucht.

Dabei hatte sie festgestellt, dass das Europäische Wildkaninchen nicht nur hohe Populationsdichten in der Stadt erreicht, sondern auch dichter und kleiner baut. Kleine Bauten mit wenigen Ein- und Ausgängen, in denen nur wenige Tiere, oft sogar nur Pärchen oder einzelne Exemplare leben – dies veranlasste die Medien, daraus Geschichten vom „Single-Kaninchen“ abzuleiten.

Auch wenn diese Popularisierung von Forschungsergebnissen die Ergebnisse der Arbeitsgruppe Ökologie und Diversität wohl etwas vereinfacht hat, führten die zahlreichen Artikel zu einer erhöhten Aufmerksamkeit für Wildtiere in der Stadt.

Gefährliche Viruserkrankungen, schrumpfende Habitate

Dass urbane Lebensräume, wie sie in einer Stadt wie Frankfurt geboten werden, den Ansprüchen der Wildkaninchen besser entsprechen, ist nun aber infrage gestellt worden: Dr. Madlen Ziege, die mittlerweile in Potsdam lebt und forscht, weilte kürzlich mal wieder in Frankfurt und besichtigte auf Einladung des Stadtjägers einige Kaninchenreviere.

Ihre Beobachtung klingt alarmierend, ist demnach die ehemals große Population der Wildkaninchen extrem geschrumpft. Was sind aber die Gründe für diesen Schwund? Ziege sieht zwei mögliche Faktoren: Zum einen könnte eine neue Variante des RHD-Virus, der die hochansteckende Krankheit der Chinaseuche auslöst, den Kaninchen stark zugesetzt haben; zum anderen aber hat sich nach ihren Beobachtungen die Habitatstruktur in Frankfurt zum Nachteil der Kaninchen verändert.

„Besonders Hecken und Büsche an Grünanlagen sind bei Kaninchen sehr beliebt, um geschützte Bauten anzulegen; hier hat das Grünflächenamt vielfach Vegetation zurückgeschnitten und Bauten zugeschüttet“, beklagt Ziege. Der heiße und trockene Sommer dürfte übrigens den Kaninchen nur wenig geschadet haben. „Sie kommen ja ursprünglich von der Iberischen Halbinsel und brauchen trockene Böden für ihre Bauten“, erklärt die Biologin. Ein feuchtwarmes Klima schade den Kaninchen hingegen mehr, weil sich dann auch Insekten vermehren, die zur Ausbreitung der genannten Viruserkrankungen beitragen.

Nützliche Wildtiere

Auch wenn Wildkaninchen mitunter als „Plage“ betrachtet werden, tragen sie doch zur Vielfalt an Arten bei: „Beispielsweise werden durch ihren Kot Pflanzensamen verbreitet, dadurch profitieren Flora und Fauna gleichermaßen“, unterstreicht Ziege. Kaninchen seien wahre „Ingenieure“ innerhalb eines Ökosystems, die zudem selber recht anpassungsfähig seien. Jedoch bedeute Letzteres nicht, dass man ihre Population einfach so voraussetzen kann.

In einem Dokumentarfilm, an dem Madlen Ziege mitgearbeitet hat, wurde versucht zu zeigen, dass Kaninchen keineswegs überall auf der Erde vorkommen. Sie legt sich für Oryctolagus cuniculus, wie das Europäische Wildkaninchen fachsprachlich heißt, schon sehr ins Zeug – ist die Biologin womöglich selber ein Fan? „Nein, ich hätte viel lieber über Katzen geforscht, aber davon hatte mir mein Betreuer damals abgeraten – die seien viel zu komplex“, lacht Ziege.

Das Thema ihrer Doktorarbeit begleitet die junge Biologin noch etwas. Einige Paper dazu sind bereits in der Mache; zusätzlich trägt sich Madlen Ziege mit dem Gedanken, ein sogenanntes Citizen-Science-Projekt zum Thema Stadtkaninchen zu initiieren. Dann könnte man mithilfe von interessierten Bürgerinnen und Bürgern noch genauer ermitteln, wie stark der Kaninchenbestand in Frankfurt wirklich dezimiert wurde.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.18 des UniReport erschienen. PDF-Download »