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Im Spannungsfeld zwischen Kindeswohl und Kontrolle: Laura McAdam-Otto zum Umgang mit jungen Geflüchteten

Die Kulturanthropologin Laura McAdam-Otto hat in ihrer Doktorarbeit den Umgang europäischer Behörden mit jungen Geflüchteten erforscht. Für ihre Dissertation wurde sie mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien 2021 ausgezeichnet.

Umzäuntes Fußballfeld vor dem Heim auf Malta, in dem Laura McAdam-Otto geforscht hat. Foto: McAdam-Otto

Als sie 2013 zu ihren ersten Feldforschungen nach Malta aufbrach, spielte das Thema „Geflüchtete“ zumindest in der deutschen Öffentlichkeit noch keine allzu große Rolle. Doch spätestens 2015 wendete sich das Blatt: Nachdem in Deutschland und auch anderen europäischen Ländern der starke Anstieg der Asylbewerberzahlen zu einer Verwaltungs- und Infrastrukturkrise geführt hatte (die sogenannte „Flüchtlingskrise“), avancierte die Beschäftigung mit Geflüchteten in den Medien zu einem Großthema. „Diese Situation steigerte das Interesse an meinem Thema“, meint augenzwinkernd Laura McAdam-Otto. Begonnen hatte ihr Interesse an dem Thema bereits im Studium, im Fach Transkulturelle Studien an der Universität Bremen. In einem Seminar ging es um die europäischen Außengrenzen und damit verbundenen Fragen der Seenotrettung. Das Thema ließ sie nicht mehr los, sie entschied sich, dieses empirisch, im Rahmen einer Feldforschung, zu untersuchen. „Lampedusa stand bereits Fokus von Berichterstattung und Forschung, und so wählte ich mit Malta einen weitaus weniger bekannten Aushandlungsort von Migration aus“, berichtet sie. Durch Vermittlung der Katholischen Kirche Maltas konnte sie Kontakte zu einem Heim knüpfen, in dem junge Geflüchtete vornehmlich aus dem afrikanischen Somalia untergebracht waren. „Im Rahmen meiner ethnographischen Untersuchung wollte ich keine Interviews mit den Geflüchteten führen. Stattdessen setzte ich auf teilnehmende Beobachtung als zentrale Methode, um die jungen Menschen im Alltag zu begleiten. Weil im Heim zu wenig Personal zur Verfügung stand, wurde ich als Feldforscherin zu einer Art von Sozialarbeiterin, die viele Aufgaben im Heim zu verrichten hatte. Jedenfalls konnte ich den Jugendlichen auch mein Projekt vorstellen, das auf großes Interesse bei ihnen stieß. Vor allem hatten sie die Hoffnung, über meine Forschung Gehör zu finden“, erzählt Laura McAdam-Otto. Die meisten Geflüchteten sprachen flüssig Englisch; einige kamen aus bürgerlichen Familien, hatten sogar Internate besucht; andere wiederum hatten sich ohne formale Schulbildung die Sprachkenntnisse selbstständig im Internet angeeignet. Falls es doch mal zu Sprachbarrieren kam, konnten die Jugendlichen untereinander übersetzen; somit musste kein Dolmetscher beauftragt werden.

»Unbegleitete Minderjährige«

Erst im Laufe ihrer Feldforschung kristallisierte sich bei McAdam-Otto heraus, welche Aspekte sie in den Fokus ihrer Arbeit rücken möchte: Wie gehen die Verantwortlichen vor Ort mit der abstrakten „UAM“-Kategorie – unaccompanied minors (unbegleitete Minderjährige) – um? Was zeigt sich bei der Anwendung der Kategorie in der alltäglichen Praxis? Sie formuliert ihre Kernthese folgendermaßen: „Nationalstaaten, die (junge) Geflüchtete aufnehmen (müssen), streben nach der Herstellung von Eindeutigkeiten, u. a. in Bezug auf Alter und Herkunft. Während bürokratische Verfahren geschaffen wurden, um diese Eindeutigkeiten festzustellen, zeigt der Alltag jedoch, dass sowohl geflüchtete als auch nichtgeflüchtete Akteur*innen diese herausfordern und umkehren. Sprich: Eindeutigkeiten werden infrage gestellt und durchaus aufgelöst. Meine Arbeit zeigt, dass es weniger die formellen ‚Grenzsetzungen’ sind, die den Alltag der jungen Geflüchteten beeinflussen, als vielmehr die zwischenmenschlichen, interkulturellen und von Diversity- und Differenzkategorien geprägten Interaktionen, die auch von Zuschreibungen und Vorstellungen gefärbt sind.“

Laura McAdam-Otto erlebte auf Malta, dass die Kategorie je nach Situation und nach spezifischen Bedarfen unterschiedlich ausgelegt wurde; war das Heim voll oder gar überfüllt, dann wurden Neuankömmlinge als Volljährige behandelt. Dann wurden selbst Jugendliche, die angaben, noch nicht volljährig zu sein, dennoch als solche behandelt. Dies hängt nach McAdam-Otto auch damit zusammen, dass der maltesische Staat sich im Falle von Minderjährigkeit an europäische Vorschriften halten muss. Aber auch der andere Fall war zu beobachten: Geflüchtete, die als minderjährig klassifiziert worden waren, durften ohne behördliche Kontrollen bis tief in die Nacht in Fastfoodketten arbeiten. „Da herrschte dann bei den Verantwortlichen die Einstellung: Die sind hart im Nehmen, schließlich haben die es auch unter widrigen Umständen bis nach Malta geschafft.“ McAdam-Otto konstatiert also ein Spannungsfeld, in dem die UAM mal als Erwachsene, mal als vulnerable Kinder gesehen werden. Die Kategorie kann also je nach Situation und Verwendungszweck dem Kindeswohl oder der staatlichen Kontrolle dienen. Und auch die Geflüchteten selber nutzten nach ihrer Beobachtung dieses Spannungsfeld mitunter aus strategischen Gründen. Einige von ihnen, die Gewalt seitens ihrer Eltern oder Verwandten erlebt hatten und deswegen geflüchtet waren, wollten auf keinen Fall wieder mit ihren Familien zusammengeführt werden. „Dann macht es natürlich Sinn, sich als volljährig auszugeben.“

Geflüchtete ohne Zukunftsperspektiven

Insgesamt geht es der Forscherin primär darum, Strukturen und deren Praxis im Alltag aufzuzeigen, keineswegs um eine Verurteilung der involvierten Sozial- und Behördenmitarbeiter*innen. „Ich habe viele engagierte und empathische Menschen auf Malta kennengelernt“, betont sie. Ebenso möchte sie keine Fundamentalkritik an Ordnungsstrukturen üben; staatliche Behörden benötigen natürlich Ordnungsmuster und Kategorien, sagt sie. Allerdings zeige ihre Dissertation, dass Kategorien wie die der UAM ein Eigenleben annehmen können – die situative Ausgestaltung berge Gefahren wie auch Chancen. Ethnographische Forschungen können genau diese Dynamiken zeigen und analysieren, betont McAdam-Otto. Perfekte Lösungen, ist sich die Forscherin sicher, gibt es auch in der Flüchtlingspolitik nicht. In ihren Augen sind sichere Migrationsrouten wichtig. Die gefährlichen Überfahrten und die Inhaftierung in den Transitstaaten führten in zahlreichen Fällen zu Traumatisierungen bei Geflüchteten –, auf junge Menschen mit Folter- und Vergewaltigungserfahrungen traf sie selber auch in Malta. Zudem stellt sich die Frage, welchen Umgang die EU mit Menschen wählen möchte, die nicht im Rahmen der Genfer Flüchtlingskonvention als Flüchtlinge anerkannt werden, aber trotzdem nicht in ihren Herkunftsländern bleiben können. Mit dieser Herausforderung mussten auch viele der jungen Menschen, mit denen McAdam-Otto forschte, umgehen. „Diese Situation hat großen Druck ausgelöst und viele meiner Forschungspartner*innen sahen sich gezwungen, möglichst in diese Kategorie zu passen.“ Für alle Geflüchteten, aber für Jugendliche wohl im besonderen Maße, wäre von daher eine europäische Rechts- und Planungssicherheit sehr wichtig; auch, wenn man nicht als Flüchtling anerkannt wird. „Der zeitlich begrenzte Aufenthaltstitel erzeugt eine große Unsicherheit, die bis hin zu massiven psychischen Problemen führen kann. Die jungen Geflüchteten auf Malta stellen sich tagtäglich die Frage: Wie lange kann ich noch hierbleiben, muss ich bald weiterziehen? Macht es noch Sinn für mich, die maltesische Sprache zu lernen?“ Daher wäre es wichtig, den Geflüchteten eine Zukunftsperspektive zu bieten.

Auch in ihrem aktuellen Postdoc-Projekt dreht sich wieder vieles um Grenzen und Grenzüberschreitungen: Im Rahmen eines DFG-Projektes beschäftigt sich Laura McAdam-Otto nun mit einem Thema an der Schnittstelle von Kultur- und Umweltwissenschaft, nämlich mit der Frage, wie neue Akteure in Küstenregionen – konkret: schädliche Algen in der Karibik – als invasiv empfunden werden und wie mit ihnen umgegangen wird. Das Anlanden junger Geflüchteter und Algen, betont McAdam-Otto, unterscheidet sich in seinen ethnischen und politischen Dimensionen, und dennoch gibt es verbindende Fragestellungen.

Foto: Privat

Dr. Laura McAdam-Otto promovierte 2019 an der Universität Bremen, ihre Arbeit erschien im Dezember 2020 unter dem Titel „Junge Geflüchtete an der Grenze. Eine Ethnographie zu Altersaushandlungen“ im Campus Verlag. Für ihre Dissertation wurde sie mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien 2021 ausgezeichnet. Sie arbeitet am Institut für Europäische Ethnologie und Kulturanthropologie der Goethe-Universität, hier ist auch ihre DFG-finanzierte Postdoc-Forschung angesiedelt; ferner ist sie seit April 2021 Associated Fellow im Graduiertenkolleg Practicing Place an der KU Eichstätt-Ingolstadt.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 1/2022 (PDF) des UniReport erschienen. 

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