Auf den ersten Blick recht unscheinbar: Die Berghexe (Chazara briseis) wird immer seltener. Foto: Thomas Schmitt

Heute gibt es 80 Prozent weniger Insekten in der Luft als zu Zeiten unserer Großeltern. Warum das die Menschen ebenso beunruhigen sollte wie plötzlich einsetzende Katastrophen erklärt der Biologe Bruno Streit im Interview.

Herr Streit, wie sind Sie methodisch vorgegangen?

In Zusammenarbeit mit der GfK Marktforschung (Nürnberg) haben wir im Sommer 2018 insgesamt 1979 Personen, Deutsche und EU-Ausländer ab 14 Jahren und aus allen Bundesländern befragt, wie sie zum deutschlandweiten Insektensterben stehen. Diese Frage stellten wir im Anschluss an drei allgemeine Fragen zur Biodiversität, so dass die Interviewten gedanklich bereits beim Thema angekommen waren.

Die konkrete Frage lautete „Seit vergangenem Sommer wurde in den Medien berichtet, dass die Anzahl der Insekten in der Luft bis zu 80 Prozent zurückgegangen ist. Finden Sie diesen Rückgang …1. sehr gut?; 2. eher gut?; 3. eher schlecht?; 4. sehr schlecht?; 5. weiß nicht (bzw. keine Meinungsäußerung).

Was sind die zentralen Ergebnisse Ihrer Studie?

Kurz gesagt: Ein Prozent der Befragten finden den Rückgang sehr gut, sieben Prozent eher gut, 25 Prozent jedoch eher schlecht. Über die Hälfte, nämlich 57 Prozent, sehr schlecht. Weitere sieben Prozent haben keine Meinung. Die Umfrage fand zu einer Zeit statt, als in Deutschland allenthalben über eine erhebliche Wespenplage gewettert wurde; das mag diejenigen beeinflusst haben, die gegenüber einem Rückgang der Insekten eher positiv eingestellt waren– aber das ist natürlich Spekulation.

Zeigten sich in den Antworten Unterschiede zwischen Regionen oder Personengruppen?

Bezüglich der Bundesländer fanden wir wenig klare Unterschiede. Aber Personen mit Abitur oder Hochschulabschluss äußern sich signifikant stärker besorgt als der Durchschnitt der Bevölkerung, ebenso Personen mit einem eher höheren Einkommen, was natürlich teilweise mit dem Bildungsgrad zusammenhängt.

Eine überraschend klare und signifikante Tendenz zeigte sich im Besorgnisgrad und dem Lebensalter: So werteten 51 Prozent der 14 bis 19jährigen das Insektensterben als „sehr schlecht“, was mit zunehmendem Lebensalter fast gleichmäßig auf 64 Prozent bei der höchsten Altersklasse (70 und mehr Jahre) anstieg. Das mag daran liegen, dass ältere Menschen noch Zeiten mit mehr Insektenvielfalt erlebt haben und daher einen Verlust bedauern, den die jüngeren nur vom Hörensagen kennen.

Wieso werden Diversitätskatastrophen anders wahrgenommen, als plötzlich eintretende Katastrophen?

Die ökologische Bedeutung der Insektengemeinschaft ist primär eine funktionelle Vielfalt und deren Bedeutung ist für den Laien gleichermaßen akademisch wie abstrakt. Außerdem verläuft das Artensterben schleichend, so dass es frühestens nach einer Generation wahr und ernst genommen wird. Das erleben wir gerade beim Insektensterben, das in dieser Größenordnung vor ein bis zwei Generationen begonnen hat.

Um eine emotionale Reaktion in der Bevölkerung und in der Politik hervorzurufen, muss ein Problemfeld fassbar oder direkt spürbar sein oder aber eine permanente (berechtigte oder unberechtigte) Angst oder Besorgnis auslösen.

Letzteres hat bei uns erst Jahrzehnte nach der Inbetriebnahme der Kernenergie zu entsprechenden Protesten geführt. Auch gegen die Abholzung und Nutzung der letzten zwei Quadratkilometer des Hambacher Forstes gingen besorgte Bürger erst spät auf die Straße und sogar auf die Bäume.

Die Sensitivität gegenüber Gefahren oder Naturverlusten ist dabei je nach Kultur, Nation und jeweiliger Wertehierarchie stark unterschiedlich und unterliegt auch Zeitgeist. Sie lässt sich kaum vorhersagen, nur bedingt steuern und unterliegt eigenen sozialen Dynamiken.

Wie kann man die menschliche Wahrnehmung so beeinflussen, dass die Sensibilität für diese Art von Katastrophen wächst?

Das ist ein großes Thema bei Bio-Frankfurt: Man kann Sensibilität und Wertschätzung beim Bürger über den intellektuellen Erklärungsweg zu wecken versuchen, wird dann aber nur vergleichsweise Wenige mitnehmen. Selbst bei unterhaltsam und didaktisch gut aufbereiteten Science-Slam-Erklärungen zur Natur besteht die Gefahr von Missverständnissen, da die humorigen Erläuterungen beim Empfänger meist passend zum bereits etablierten Weltbild wahrgenommen und unbewusst gefiltert werden.

Zum anderen kann man über die emotionale Schiene versuchen, die Farbenpracht des Ligusterschwärmers, die beeindruckende Größe des Hirschkäfers und die Nützlichkeit der vielen Bestäuber für Wildpflanzen und unser Obst zu erläutern.

Aber über die emotionale Schiene kommt man bei Personen mit Vorbehalt, Ekel, Phobien oder notorischem Desinteresse an „Krabbeltieren“ rasch an die Grenzen seiner Überzeugungskraft.

Viele Kollegen nutzen daher die Honigbiene als Sympathieträger. Aber ausgerechnet sie ist ein gezüchtetes Hochleistungsnutztier, das mittels ins Feld ausgebrachter Bienenstöcke in insgesamt vielen Milliarden Individuen über Deutschland zielorientiert auf Blüten schwirrt und maximalen Ertrag für den Imker einheimst. Regional dürften dadurch – so wird oft vermutet – manche unserer derzeit noch rund 500 Wildbienenarten erheblich unter Existenzdruck geraten.

Man kann auch direkt auf den Nutzen in der Natur durch wildlebende Insekten hinweisen, die Blüten oder Apfelbäume bestäuben, die Aas und Tierkot in Feld und Wald zum Verschwinden bringen und die selber Singvögeln als Nahrungsquelle dienen. Dieser Positivliste steht für viele gefühlt aber eine ebenso große Negativliste gegenüber, repräsentiert durch Wespen, Stechmückenweibchen, Bremsen, Kopfläuse, Flöhe und Bettwanzen, die stechen, gern unser Blut saugen, zuweilen auch Krankheiten übertragen. Darüber hinaus begegnen wir im Keller Vorratsschädlingen, im Wein Essigfliegen und im Obst Fliegenmaden. Dabei sind beispielsweise Wespen wichtige ökologische Regulatoren sind, wenn sie sich nicht gerade auf unseren Zwetschgenkuchen fokussieren.

Welche Risiken drohen der Natur durch Insektensterben?

Zunächst einmal wird das Naturerlebnis für künftige Generationen ärmer – ein Aspekt, den Naturliebhaber und ältere Menschen stärker betonen als jüngere. Darüber hinaus schwinden genetische Ressourcen und damit künftiges Nutzungspotenzial von unserem Erdball. Denn unsere gezüchteten Pflanzen und Tiere existieren meist nur genetisch verarmt und spezialisiert und könnten künftigem Parasiten- oder Klimastress zum Opfer fallen. Viele der wenig bekannten Wildarten beherbergen zudem auch Substanzen oder Fähigkeiten, die für uns in der Zukunft noch interessant werden könnten.

Wären schlagartig alle Insekten verschwunden, hätte das weitreichende Folgen für Pflanzen und Vögel.

Alle insektenbestäubten Blütenpflanzen würden verschwinden, Ab- und Umbauprozesse im Wald weitgehend (allerdings nicht ganz) zum Erliegen kommen. Die auf Insektennahrung spezialisierten Vögel, Fledermäuse, Igel und Spitzmäuse würden weitgehend oder ganz aussterben. Erst im Laufe vieler Millionen Jahre könnte sich theoretisch wieder eine neue entsprechende Vielfalt einstellen. Soweit wird es zwar nicht kommen, aber eine Abnahme der Singvögel ist teilweise bereits eingetreten.

Welche Risiken drohen wirtschaftlich?

Nun, selbst ein Zusammenbruch der ökologischen Systeme hätte für uns heute – wenn wir nicht gerade in der Land- oder Forstwirtschaft tätig sind – zunächst noch verkraftbare Auswirkungen. Durch den globalisierten Handel können regionale Versorgungsengpässe oder Verluste derzeit ausgeglichen werden. Schwierig wird es aber, wenn der Naturkollaps überregional auftritt, Versorgungsstränge einbrechen und der Druck durch neue Weltmächte zunimmt.

Prozesse der Natur und auch des Marktgeschehens werden sich vermutlich ändern: Von chinesischen Obstplantagen kennt man Bilder, wo die Obstblütenbestäubung durch Menschen auf Leitern von Hand vorgenommen wird, weil die natürlichen Insekten-Bestäuber abhanden gekommen sind. Kurzfristig würde ich aber aus Prozessänderungen dieser oder ähnlicher Art noch keine unüberwindbaren wirtschaftlichen Schäden erwarten, eher Verschiebungen von Aktivitäten, neue Berufs- und Betätigungsfelder, allerdings auch eine Verteuerung einzelner Produktgruppen, wie Obst.

Wenn allerdings die globalisierte Weltwirtschaft schrumpft oder zusammenbricht (ein Szenario, das wir derzeit alle ausblenden) und die regionalen Bevölkerungen auch bei uns wieder stärker zu einer Subsistenzwirtschaft (also einer regionalen Selbstversorgung) übergehen, werden sich die Nachteile einer irreversibel verarmten Natur durchaus drastisch zeigen.

Ist das Insektensterben überhaupt noch aufzuhalten, oder ist der Point of no return bereits erreicht?

Insekten-Lichtfang in der Dunkelheit: Die Insekten fliegen zum Licht und können so bestimmt werden. Foto: Petra Zub

Auf den ersten Blick möchte man Entwarnung geben: Es sind kaum Insektenarten bekannt, die im 20. oder 21. Jahrhundert mit Sicherheit definitiv ausgestorben sind. Am ehesten sind es Wasserinsekten, wie die Tobias-Köcherfliege, von der aber nahe verwandte Arten noch existieren. Allerdings steht außer Zweifel, dass sehr viele Arten bei uns nur noch an wenigen Orten vorkommen, teilweise auch nur noch außerhalb Deutschlands. Grundsätzlich wäre es also noch möglich, die ursprüngliche Insektenfauna wieder zum Krabbeln und Summen zu bringen. Aber dazu müsste unser Landschafts- und Landwirtschaftskonzept radikal geändert werden. Wer solches für realistisch hält, darf auf Genesung des Insektenbestands hoffen.

Gegen die Ansicht dieser Optimisten werden Pessimisten argumentieren, dass es politisch nicht umsetzbar sein wird, die endlosen Monokulturen, regulierten Wasserläufe, die Benebelungen durch Biozide und die Verfrachtungen von Schad- und Düngestoffen über Wind, Niederschläge und Sickerwasser wirklich zu unterbinden. Denn darüber hinaus müssten auch wieder Hecken, Blumenwiesen und weitere Freiflächen zu Lasten der Landwirtschaftsflächen generiert werden, die ja zu einem großen Teil Viehfutter produzieren. Eine solche Umsteuerung würde Kosten, Lohneinbußen und soziale Spannungen erzeugen und natürlich auch Verluste in der Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt – keine dankbare Aufgabe für eine Regierung welcher Couleur auch immer.

Welche Ratschläge geben Sie als Experte, um die Diversität der Insektenbestände zu bewahren?

Als machbaren Kompromiss fordern wir den Erhalt von so viel Strukturvielfalt und Niedrigbelastung, wie möglich und sozial akzeptabel ist. Dies sollte verbunden werden mit der Förderung eines emotionalen Bezugs zur Natur beim sich entwickelnden Kind und beim noch naturnah empfindenden Erwachsenen. Dass dies bei der zunehmenden Verstädterung und Natur-Entfremdung vieler sozialer Schichten, darunter vermutlich auch bei vielen immigrierenden Menschen, nicht einfach zu vermitteln ist, muss dabei von vornherein konzeptionell integriert werden.

Es müssen im Übrigen neben den traditionellen Schutzgebieten gezielt auch sich frei entwickelnde größere Flächen zur Verfügung stehen, gleichsam „Wildnis“-Areale, wie sie zuweilen genannt werden. Dann hat auch der Nicht-Biologe wieder eine Chance, zu sehen und zu erleben, wie sich Natur überhaupt entwickelt, denn das Verständnis ergibt sich nicht einfach durch den Besuch der Zoologischen und Botanischen Gärten oder Museen, so wertvoll und wichtig diese als zusätzliche Motivationshelfer sind und bleiben!

Welche Forderungen haben Sie an die Politik?

Als Biologe, dessen Herz an der Vielfalt der Natur hängt, würde ich mir natürlich möglichst viel strukturreiche und chemisch unbelastete Kultur- und Naturlandschaft wünschen, gern mit richtig „wilden“ Partien. Politisch realisierbare Entscheidungen folgen aber eigenen Regeln und resultieren aus einer Mischung von Expertenbefunden, Lobbyisten-Aktivitäten und öffentlichen Kundgebungen.

Für Politiker stellt sich die Frage: Sind der heutige Wohlstand und die Versorgungssicherheit für uns und unsere Kinder wichtiger als eine Investition in die Zukunft unserer Enkel? Zumal der spätere „Ertrag“ der Investition unsicher ist und nicht wissenschaftlich widerspruchsfrei beziffert werden kann.

Diesbezüglich tun die im Netzwerk BioFrankfurt e.V. kooperierenden Institutionen sicher ihr Bestes. Sie haben, und hier sei exemplarisch Senckenberg genannt, mitgeholfen, die wissenschaftlichen Grundlagen ins Parlament zu tragen. Im Übrigen konzentrieren wir uns auf unsere bewährten Aktivitäten: Bildung und Aufklärung, Steigerung der Freude und Motivation an der Naturvielfalt und ganz konkret die Pflege und den Ausbau von (leider noch recht kleinräumigen) „Wildnisarealen“ in Frankfurt und anderen Städten.

Die Fragen stellte Dr. Olaf Kaltenborn.

Prof. Bruno Streit. Foto: J. Schröer

Prof. Dr. Bruno Streit ist nach Studien- und Forschungsaufenthalten an den Universitäten Basel, Konstanz und Stanford (USA) seit 1985 an der Goethe-Universität Professor für Ökologie und Evolution. Seit 2004 ist er Sprecher des von ihm mitgegründeten Netzwerks BioFrankfurt e.V., in dem die an Biodiversitätsfragen in arbeitenden Institutionen des Rhein-Main-Gebiet zusammenarbeiten. Er veröffentlichte u.a. zahlreiche Bücher und ist seit 2013 Seniorprofessor.

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