Fühlt sich im nordrhein-westfälischen Gillbach wohl: Der Zebrabuntbarsch Amatitlania nigrofasciata. © Senckenberg

Fühlt sich im nordrhein-westfälischen Gillbach wohl: Der Zebrabuntbarsch Amatitlania nigrofasciata. © Senckenberg

Wenn ein Braunkohlewerk einen Bach erwärmt, fühlen sich nicht nur eingewanderte tropische Fische und ihre Parasiten dort wohl. Auch nicht-heimische Parasiten, die eine potentielle Gefahr für die heimische Fischwelt darstellen, verbreiten sich. Das haben Wissenschaftler der Goethe-Universität und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung bei der Untersuchung eines nordrheinwestfälischen Bachs festgestellt.

Der Gillbach nahe Köln erinnert nicht gerade an das tropische Flair Guatemalas – dennoch hat sich in dem etwa 3 Meter breiten und 30 bis 90 Zentimeter tiefen Fließgewässer eine exotische Fischfauna ausgebildet. Dass die Fische dort überleben und sich sogar fortpflanzen, liegt an dem etwa 30 Grad Celsius warmen Kühlwasser des Braunkohlekraftwerks Niederaußem, das in den Gillbach eingeleitet wird. So hat das Gewässer, das über die Erft in den Rhein mündet, sogar im Winter eine Temperatur von durchschnittlich 19 Grad Celsius. Prof. Sven Klimpel vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und der Abteilung für Integrative Parasitologie und Zoophysiologie der Goethe Universität erklärt:

„Wir haben im Gillbach neben Guppys und Antennenwelsen die Buntbarschart Amatitlania nigrofasciata gefangen und untersucht. Diese ist ursprünglich in Mittelamerika heimisch. Die Fische wurden wohl von Aquariumsbesitzern im Gewässer ausgesetzt und haben sich dort vermehrt. Weltweit wurden so 115 Süßwasserfischarten verschleppt – in Deutschland sind es immerhin 5 von 15 nicht-heimischen Arten. Limnische Gewässersysteme gehören zu den am stärksten anthropogen beeinflussten und bedrohten Ökosystemen weltweit. Uns hat daher interessiert, wie sich so ein künstlich geschaffener Warmwasserlebensraum auf die Flora und Fauna auswirkt und welche Risiken hiermit verbunden sind.“

Wie das Wissenschaftlerteam in der kürzlich erschienenen Ausgabe des Fachjournals „Parasitology Research“ berichtet, hat es insgesamt 77 Fische an zwei Probennahmestellen auf Parasiten und ihre Nahrungsökologie untersucht – in Quellnähe und in etwa 3 Kilometer Entfernung zum warmen Zufluss. In ihrer Studie konnten die Forscher so erstmalig den tropischen Zebrabuntbarsch Amatitlania nigrofasciata als häufig befallenen End- und Zwischenwirt für heimische, aber auch nicht-heimische subtropische und tropische Parasitenarten definieren. Besonders häufig fanden die Forscher den ursprünglich aus Asien stammenden Fadenwurm Camallanus cotti in den untersuchten Fischen. Dieser ist aus der Aquaristik todbringender Parasit bekannt. „Beunruhigender Weise zeigen unsere Stichproben, dass auch heimische Fische wie Döbel oder Gründling bereits von dem tropischen Parasiten befallen werden. Ob der Wurm auch beispielsweise die kühleren Wassertemperaturen des Rheins übersteht, können wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht sagen“, ergänzt Klimpel.

Tropische parasitäre Fadenwürmer und ein einheimischer Kratzer im Magen eines Fisches. © Senckenberg

Tropische parasitäre Fadenwürmer und ein einheimischer Kratzer im Magen eines Fisches. © Senckenberg

In den Mägen der eingeschleppten Buntbarsche fanden sich neben Insekten- und Pflanzenresten auch auffallend viele Schuppen heimischer Fischarten. „Wir führen das auf die aggressive Brutpflege von Amatitlania nigrofasciata zurück“, sagt Klimpel. Die tropischen Fische verteidigen ihren Nachwuchs in dem sie andere Fische durch Rammstöße vertreiben und anschließend deren Schuppen fressen.

„Der Gillbach bildet mit seinem stets warmen Wasser ein Reservoir für nicht- heimische Krankheitserreger und damit ein Einfallstor in weitere Fließgewässer. Insgesamt hat unsere Studie gezeigt, dass sich in langjährigen, künstlich erschaffenen Warmwasserhabitaten nicht nur eine tropische Fauna etablieren kann, sondern dass sich dort gleichzeitig auch das Gefüge von Krankheitserregern, wie beispielsweise Parasiten, verändert“, fasst Klimpel zusammen.

Zukünftig könnte der Gillbach auch als Modellsystem für die Veränderung von Faunengemeinschaften im Kontext des globalen Klimawandels dienen – dort kann „live“ beobachtet werden, wie sich höhere Temperaturen und invasive Arten auf die heimische Artenvielfalt auswirken.

Publikation: Sebastian Emde, Judith Kochmann, Thomas Kuhn, Dorian D. Dörge, Martin Plath, Friedrich W. Miesen & Sven Klimpel (2015): Cooling water of power plant creates “hot spots” for tropical fishes and parasites. Parasitology Research January 2016, Volume 115, Issue 1, pp 85-98. DOI 10.1007/s00436-015-4724-4. Abstract


Pressemitteilung Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung