Mit vereinten Kräften: die Afrikanisten Axel Fleisch (l.) und Nico Nassenstein. Foto: Gärtner

Zwei neue Professuren treiben die Neuaufstellung der afrikanischen Sprachwissenschaften voran.

Hausa, Swahili, Lucazi, alles exotische Sprachen, mit denen man hierzulande nichts anfangen kann? Keinesfalls, findet Prof. Dr. Nico Nassenstein, seit Herbst letzten Jahres Juniorprofessor für Afrikanistik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. „Dass man afrikanische Sprachen nicht nur in Afrika anwenden kann, sieht man beim Streifzug durch das Frankfurter Bahnhofsviertel.“

Auch sein Kollege Prof. Dr. Axel Fleisch, seit April 2018 Professor am Institut für Afrikanistik an der Goethe-Universität, weiß, wie lohnend das Studium afrikanischer Sprachen sein kann. „Einige meiner ehemaligen Studierenden sind in der Entwicklungszusammenarbeit, bei globalen Unternehmen, im Medienbereich oder bei NGOs beschäftigt“, sagt er. „Die Wendigkeit, die man im Studium der Afrikanistik zusammen mit einer lokalen Expertise erwirbt, kann für viele Arbeitgeber äußerst interessant sein.“

Nachwuchssorgen

So eindeutig wie für etablierte Afrikanisten ist die Zukunftsperspektive für viele Studierende nicht. Seit einigen Jahren haben die Institute für Afrikanistik an den Universitäten im Rhein-Main-Gebiet mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Die Personaldecken und die strukturellen Ressourcen der kleinen Institute sind zu schwach, als dass sie dauerhaft ein abwechslungsreiches Lehrangebot auf die Beine stellen könnten.

In Frankfurt gibt es bislang keinen eigenen BA-Studiengang in Afrikanistik, der sprachliche Grundlagen nachhaltig vermittelt. Die Zugangshürden für den MA sind sehr hoch, da dafür zwei afrikanische Sprachen vorausgesetzt werden. Viele Studierende entscheiden sich letztendlich für Studienfächer, die ihnen einen thematisch breiteren Zugang zu Inhalten bieten.

Um dem schwindenden Interesse an der Afrikanistik entgegenzuwirken, wurde im Sommer 2016 im Zuge der strategischen Allianz der Rhein-Main-Universitäten (RMU) die Vereinbarung getroffen, das Lehrangebot für Afrikanistik an den betreffenden Universitäten stärker zu bündeln und gemeinsam auszubauen. Studierende sollen in einem neukonzipierten BA-Studiengang Afrikanistik länderübergreifend die Möglichkeit haben, Seminare an der Goethe-Universität und der Johannes Gutenberg-Universität wahrzunehmen.

„Durch diese Bündelung können wir unseren Studierenden ein viel breiteres Spektrum an Sprachen und Inhalten anbieten“, sagt Nico Nassenstein. Der neue BA-Studiengang soll dabei näher an die Kommunikationswissenschaft heranrücken. Angebote in Soziolinguistik, Medienlinguistik und linguistischer Anthropologie sollen im Lehrplan eine größere Rolle spielen als bisher.

Nico Nassenstein und sein Frankfurter Kollege Axel Fleisch sehen in dieser Ausrichtung eine große Chance für ihr Fach. „Es ist Zeit für einen Kulturwechsel in der Afrikanistik“, sagt Fleisch. „Wir müssen weg vom alleinigen Studium deskriptiver Grammatiken hin zu einer Wissenschaft, die Sprache als Interaktion und kommunikative Praxis versteht.“

Mehr als nur Linguistik

Fleisch und Nassenstein passen als federführende Professoren für diese Aufgabe sehr gut zusammen: beiden kennen und schätzen sich aus ihrer Vergangenheit als Wissenschaftler an der Universität zu Köln und haben eine gemeinsame Vision, wie die Afrikanistik sich von der reinen Linguistik auf andere Themen zuentwickeln kann.

So arbeitete Axel Fleisch an der University of California in Berkeley und der Universität Helsinki an der Schnittstelle von kognitiver Linguistik und linguistischer Anthropologie zur Konstruktion von Wortbedeutungen in den Ngunisprachen und interessiert sich neben anderem für die innovative Verwendung sprachlicher Daten bei brisanten Themen wie den afrikanischen Homophobiediskursen.

Thematische Schwerpunkte von Nico Nassenstein sind unter anderem Sprachideologien, Jugendsprachpraktiken, Sprache und Identität oder Sprache und Konflikt. „Die empirische Sprachwissenschaft ist nach wie vor die Kernkompetenz unseres Faches, in der unsere Studierenden ausgebildet werden“, sagt Nassenstein. „Wenn es uns darüber hinaus aber gelingt, das Fach inhaltlich zu öffnen und das Studienangebot thematisch auszuweiten, werden sicherlich auch wieder mehr begeisterte Studierende zu uns finden.“

Neben der Konzeption des neuen BA-Studiengangs ist auch ein institutsübergreifendes, interdisziplinäres Forschungsprojekt zum Sprachverhalten afrikanischer Migrantinnen und Migranten im Rhein-Main-Gebiet in Planung. Studierende sollen dabei eigene Feldstudien durchführen können.

Das Zentrum für Interdisziplinäre Afrikawissenschaften (ZIAF) an der Goethe-Universität organisiert afrikabezogene Nachwuchsveranstaltungen, koordiniert die Entwicklung verschiedener Projekte der Partner im Verbund und kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit der Kooperation. Eine gemeinsame Website hat das Vorhaben schon: www.afrikaforschung-rheinmain.de

Autorin: Melanie Gärtner

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.18 des UniReport erschienen. PDF-Download »