Eine neue Reihe zur Literatur der Romantik möchte die Ambivalenz und Komplexität der Epoche zeigen. Der Frankfurter Germanist und Mitherausgeber Roland Borgards freut sich vor allem auf schöne Bücher.

Die Literatur der Romantik mag vielen heute als verstaubt erscheinen. Und wer sich doch damit beschäftigen möchte, findet zahlreiche Online- Ressourcen oder auch den ein oder anderen Reclam-Band im heimischen Regal, vielleicht sogar noch aus der eigenen Schulzeit. Eine neue Reihe zur Literatur der Romantik mag daher vielleicht zuerst einmal verwundern.

Der Frankfurter Germanist Prof. Roland Borgards erläutert, warum es sich dennoch lohnt, einen neuen, frischen Blick auf die Epoche zu wagen: „Mit der Romantik verbinden viele die blaue Blume, Liebe, mondbeschienene Waldesnächte und eine märchenhafte Welt. Diese Motive finden sich natürlich auch in vielen Texten wieder, aber die Romantik ist viel komplexer und widersprüchlicher.“ Borgards verweist auf Themen, die eher selten mit romantischer Literatur in Verbindung gebracht werden:

Verbrechen, Wahnsinn, soziale Ausgrenzung oder das Unheimliche. Der Literaturwissenschaftler der Goethe-Universität betont, dass nicht nur die Themen, sondern auch manche Texte der Romantik zumindest den „Normallesern“, an die sich die Reihe ganz explizit wendet, unbekannt sein dürften. „Hans Christian Andersen ist sicherlich jedem ein Begriff. Mit Märchen wie der ‚Kleinen Meerjungfrau‘ gehört er zu den berühmtesten Schriftstellern Dänemarks. Aber weit weniger ist bekannt, dass Andersen auch Romane verfasst hat, die nur wenig märchenhaft anmuten. ‚O.T‘, ein Band unserer Reihe, stellt auch heute noch eine lohnenswerte Lektüre dar, denn im Roman geht es um aktuelle Themen wie Ausgrenzung, Homosexualität und Verbrechen.“

Die von Borgards und einigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern des Faches konzipierte und herausgegebene Reihe wird ab diesem Jahr über einen Zeitraum von fünf Jahren im Berliner Secession Verlag erscheinen. Borgards steuert den im Herbst erscheinenden zweiten Band der insgesamt 15-bändigen Reihe bei, der sich dem Thema „Tiere“ widmet.

„Tiere kommen mehr oder minder bei allen Autoren der Romantik vor, so dass man auch gleich mehrere Bände dazu hätte machen können“, erklärt er; so seien beispielsweise die Tiere aus Grimms Märchen wohlbekannt. Doch die literarischen Erscheinungsformen und Funktionen von Tieren seien in dieser Literaturepoche sehr weitgefächert und oft auch erstaunlich.

So könnten Tiere mitunter grausam sein und sich am Menschen rächen. Es gebe auch Texte, in denen Tiere nicht symbolisch überhöht, sondern ganz realistisch beschrieben werden. Der von Borgards zusammengestellte Band enthält ferner nicht nur Beispiele der deutschen, sondern auch der französischen und englischen Romantik und deckt den Zeitraum vom späten 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ab. Wichtig ist dem Romantik-Experten, der seit 2018 an der Goethe-Universität lehrt und forscht, dass die Reihe mit Büchern aufwartet, die auch in materieller Hinsicht „schön“ sind:

„Im digitalen Zeitalter werden Texte – auch literarische – zunehmend am Rechner oder mobilen Endgerät gelesen. Wenn das gedruckte Buch aber eine Zukunft haben soll, dann muss es in einer hochwertigen und attraktiven Form erscheinen. Der Verlag hat dafür Sorge getragen, dass die Bücher sehr schön in der Hand liegen und gleichwohl erschwinglich bleiben.“

Handliche Bibliothek der Romantik.
Herausgegeben von Roland Borgards, Mareike Hennig, Christiane Holm, Harald Neumeyer, Günter Oesterle und Dagmar von Wietersheim. Secession Verlag, Berlin, 2019 ff.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.19 des UniReport erschienen.