Illustrator und Kinderbuchautor Sebastian Meschenmoser erhält Grimm-Bürgerdozentur 2022

Sebastian Meschenmoser. Foto: © Jan-Ulrich Schmidt

Rotkäppchen wird zur Räuberin, der Wolf zieht bei der Großmutter ein: Für seine Märchenparodien zu den Geschichten der Brüder Grimm erhält der Illustrator und Kinderbuchautor Sebastian Meschenmoser die Grimm-Bürgerdozentur 2022 der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Stadt Hanau. Die Bürgerdozentur soll das Grimm’sche Leben und Werk für die Gegenwart aktualisieren, sichtbar machen und fortwirken lassen. Die Verleihung wird voraussichtlich am 20. März 2022 im Roten Saal von Schloss Philippsruhe durch den Präsidenten der Goethe-Universität Enrico Schleiff und den Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky vorgenommen. Die ersten Preisträger der seit 2016 verliehenen Grimm-Bürgerdozentur waren Tilman Spreckelsen und Irene Wellershoff.

Prätext und Parodie

Was ist nur aus Rotkäppchen geworden: Sie hat keine Lust mehr, ihre Großmutter zu besuchen. So muss der Wolf die Geschenke besorgen. Und weil es ihm so gut im Haus der Großmutter gefällt, zieht er gleich dort ein, während das freche Rotkäppchen als Räuberin in die Wolfshöhle zieht. Sebastian Meschenmoser, der neue Inhaber der Grimm-Bürgerdozentur, stellt in seinen Märchenparodien die Grimm’sche Welt auf den Kopf. „Das ist eine Komik, die auch Kinder gut verstehen. Denn eine Parodie funktioniert immer dann, wenn man den Prätext kennt, und das kann man im Falle von Rotkäppchen voraussetzen“, erklärt Prof. Ute Dettmar, Professorin für Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft an der Goethe-Universität. Sie sieht in der Wolfs-Trilogie von Sebastian Meschenmoser einen ebenso klugen wie gewitzten Weg, mit tradierten Stoffen kreativ und unterhaltsam umzugehen. Die Kritik an der Gattung habe die Geschichte der Märchen übrigens von Anfang an begleitet. So nahmen die Aufklärer Anstoß an dem Wunderbaren und Irrationalen. In den 1970er Jahren seien Märchen als bürgerliche Sozialisationsmedien in die Kritik geraten; auch ein beliebter Künstler wie Janosch habe Märchen parodiert und dadurch zugleich kommentiert.

Sebastian Meschenmoser wurde 1980 in Frankfurt geboren; er studierte ab 2001 an der Akademie für Bildende Künste Mainz, dann an der École Nationale Supérieure in Dijon und wechselte 2006 zurück nach Mainz in die Meisterklasse von Anne Berning, wo er 2007 sein Diplom in Freier bildender Kunst erhielt. Neben zahlreichen Ausstellungen kann er inzwischen eine reiche Liste an Publikationen und Preisen vorwiesen. Seit 2008 lebt und arbeitet Meschenmoser in Berlin. Im Januar hatte das Institut für Jugendbuchforschung zu einem virtuellen Werkstattgespräch mit Sebastian Meschenmoser eingeladen. Im Gespräch mit Thomas Scholz gab der Künstler Einblick in sein Verständnis von Märchen, seine Arbeit an Text und Bild sowie die Lust an der Parodie. „Die Grimm-Bürgerdozentur ist eine sehr schöne regionale Zusammenarbeit mit der Stadt Hanau, die als ‚Brüder-Grimm-Stadt‘ sehr viel auf diesem Feld macht. Gemeinsam können wir unsere Aktivitäten gut vernetzen“, betont Ute Dettmar.

Mythos Volksliteratur

Die Grimm-Bürgerdozentur soll dem Zweck dienen, „das Grimm’sche Leben und Werk für die Gegenwart zu aktualisieren, sichtbar zu machen und fortwirken zu lassen“. Das schließt durchaus auch ein, betont Ute Dettmar, einen kritischen Blick darauf zu werfen. Es hieß lange Zeit, die Brüder Grimm hätten ihre Märchen dem Volke abgelauscht. „Das ist eine sehr erfolgreiche Mythenbildung“, erklärt Ute Dettmar; man wisse mittlerweile aus der Forschung, dass die Beiträgerinnen und Beiträger der Grimm’schen Märchen vielfach aus dem gebildeten Bürgertum stammten und sich in der französischen Märchentradition gut auskannten. Zwar hätten Wilhelm und Jakob Grimm in ihren Vorworten die Märchenprogrammatik auf Volksliteratur ausgerichtet, aber die Märchen fußten größtenteils eindeutig auf literarischen Quellen. „Es sind ‚Buchmärchen‘, so nennt man sie mittlerweile in der Grimm-Forschung.“ Vor allem Wilhelm Grimm habe die Märchen stark bearbeitet und dabei unter anderem die zeitgenössische Kritik an der „Grausamkeit“ der Darstellung berücksichtigt. Der typische Stil, den man mit den Grimm-Märchen verbindet, verdanke sich unter anderem seinen redaktionellen Eingriffen. Das „Es war einmal …“, die bildhafte und ausgeschmückte Rede – in den frühen Märchen finde man das nicht in der Form. „Grimm hat mit diesen Bearbeitungen überhaupt erst das Konstrukt Volksliteratur geprägt.“ Märchen, betont die Literaturwissenschaftlerin, spielten in der Kinder- und Jugendliteratur immer noch eine große Rolle; heute seien es vor allem Adaptionen in Bilderbüchern, Verfilmungen und Serien. „Wenn man sich beispielsweise die Fantasy-Literatur anschaut, dann stößt man auf den Erzählfundus und die Bildsprache des Märchens.“ Viele Märchen kenne man gar nicht mehr in der Grimm’schen Version, sondern als Disney-Verfilmungen. „Die Originaltexte können an manchen Stellen vielleicht auf heutige Leser*innen etwas fremd wirken, was mit ihrer sprachlichen Form zu tun hat. Aber als Gattung funktionieren Märchen immer noch sehr gut“, erklärt Ute Dettmar. Märchen hätten eine psychologische Funktion, bildeten eine Projektionsfläche, seien „Wunscherfüllungsphantasien“. Gerade die kleinen und vernachlässigten Figuren setzten sich am Ende oft durch. Es seien zugleich aber auch Erzählungen, die mit Ängsten zu tun hätten. „Denken wir nur an Hänsel und Gretel; es mutet nicht gerade idyllisch an, von den Eltern im Wald ausgesetzt zu werden.“ Als Gattung, ist sich die Expertin sicher, funktionierten Märchen heute nach wie vor. Sie freut sich, dass sich auch ihre Studierenden dafür begeistern können.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 1/2022 (PDF) des UniReport erschienen. 

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