UniReport: Lieber Herr Professor Schlosser, das Unwort des Jahres 2019 ist »Klimahysterie«. Wie finden Sie die Wahl?

Prof. Horst Dieter Schlosser: Ich finde die Wahl ausgezeichnet! Sie entspricht sogar auf doppelte Weise den Kriterien, die wir schon 1991 für die kritische Kennzeichnung eines Unworts fixiert haben: Erstens spielt das Wort die drohende Klimakatastrophe herunter, ist also in hohem Maße beschönigend, indem zweitens denjenigen, die sich für den Klimaschutz einsetzen, ein geradezu pathologisches Handicap unterstellt wird, was eine schlimme Diffamierung bedeutet.

Sie hatten für das Unwort 2019 auch einen Vorschlag eingereicht: »Verabschiedungskultur« – warum haben Sie für dieses Wort plädiert?

Die von rechten Politikern in Wahrheit angestrebte radikale Abschiebepolitik wurde in der zynischen Formulierung von Björn Höcke (AfD-Flügel) zur „Kultur“ eines höflichen „Abschiednehmens“ verharmlost. Da hat der Wolf nun doch zu viel Kreide gefressen!

In einem aktuellen SPIEGEL-Essay kritisiert der Autor Arno Frank, dass der Unwort-Aktion ein »magisches Denken« zugrunde liege: Sie versuche »Dämonen« zu bannen, indem diese beim Namen genannt würden – können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Arno Frank verwechselt offenbar Ursache und Wirkung. Es ist nachweisbar – ob im Nationalsozialismus oder in der SED-Diktatur –, dass durch Sprache (Un-) Taten mental vorbereitet werden. Wenn bestimmte Sprachgebräuche, etwa antisemitische Verunglimpfungen, immer wieder gebraucht werden, erscheinen die darin enthaltenen Feindbilder und deren Bekämpfung zuletzt als völlig normal. Der gedankenlose Gebrauch von Unwörtern macht „Dämonen“ erst hoffähig und füttert sie kräftig.

Hat sich seit der Gründung der Unwort-Aktion im Jahre 1991 in der Gesellschaft eigentlich etwas verändert, werden heute bewusst »Unwörter« zu politischen Zwecken gebildet und verwendet?

Unwörter hat es zu allen Zeiten gegeben, ist also nichts Neues (schon der Terminus ist seit 1473 nachweisbar), sie haben aber heute eine regelrechte Konjunktur. Eine entscheidende Veränderung hat unsere Gesellschaft durch das Internet erfahren. Eine aktive Teilhabe an gesellschaftlichen und politischen Prozessen ist nun erstmals jedermann möglich geworden. Dieser zweifellos positiven Möglichkeit, etwa in Online- Kampagnen zugunsten des Klimaschutzes, steht freilich gegenüber, dass – zumal in den Social Media – jeder und jede auch den letzten Blödsinn, aber auch alte wie neue Unwörter und sogar Fake News in Umlauf bringen kann. Die Anonymität solcher „Teilhabe“ am öffentlichen Diskurs zerstört dabei die Grundlage eines verantwortungsbewussten Umgangs miteinander.

Wie kann die sprachkritische Aktion auf neue Entwicklungen reagieren, muss und kann sie etwas dagegensetzen?

Die sprachkritische Aktion hat von jeher nur exemplarisch auf einen unsachlichen bis menschenverachtenden Sprachgebrauch aufmerksam machen können. Mehr wird sie auch in Zukunft kaum leisten. Die damit verbundene Hoffnung, eine breitere Diskussion anzustoßen, die über einzelne Unwörter hinausgeht, ist in vielen Fällen erfüllt worden, sieht sich aber heute in wachsender Konkurrenz mit Ansprüchen jener schon genannten fragwürdigen Online-Nutzung. Diese Konkurrenz wird sie nur bestehen, wenn sie sich noch stärker mit den Kräften in den Medien oder im Deutschen Presserat, verbündet, die den öffentlichen Diskurs vor einer weiteren gesellschaftlichen Spaltung bewahren wollen.

Sie haben gerne in der Vergangenheit, um einen missverständlichen Begriff des »Unwortes« aufzuzeigen, das Beispiel »Schlafstörung« gebracht. Eine Dame hatte dieses Wort einmal vorgeschlagen, weil sie unter Schlafstörungen litt.

Die Verwechslung von Un-Ding und Un-Wort beruhte und beruht teilweise immer noch auf einem falschen Verständnis der Beziehung zwischen Wort und bezeichneter Sache. Der bedeutende Philosoph und Linguist Ludwig Wittgenstein (1889 –1951) erklärte diese Beziehung grundsätzlich für beliebig. Daraus folgt für eine Wortkritik, dass es unterschiedliche Lösungen für die sprachliche Deutung des Bezeichneten gibt. Die kann sachgerecht sein (eine Schlafstörung ist eben eine „Schlafstörung“) oder aber den bezeichneten Gegenstand absichtlich in ein falsches Licht rücken, woraus Wörter eben zu „Unwörtern“ werden. Trost bei allem Ärger über Unwörter: Die deutsche Sprache kennt immer noch bei weitem mehr gelungene Lösungen als kritikwürdige Fehlleistungen!

Die Fragen stellte Dirk Frank

Prof. Horst Dieter Schlosser war Professor für Deutsche Philologie an der Goethe-Universität; er war Initiator der sprachkritischen Aktion »Unwort des Jahres« und deren Sprecher bis 2010. Ferner ist Schlosser Ehrenmitglied der Gesellschaft für deutsche Sprache und seit 1991 korrespondierendes Mitglied des Collegium Europaeum Jenense der Universität Jena.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.20 des UniReport erschienen.

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