Prof. Johannes Völz und Prof. Till van Rahden (v.l.); Foto: Dirk Frank

Die Beschäftigung mit Demokratie ist von jeher in den Politik- und Sozialwissenschaften verortet. Dass aber auch jene Disziplinen, die sich eher für ästhetische und kulturelle Aspekte zuständig fühlen, die aktuelle Diskussion um die Zukunft der liberalen Demokratie entscheidend bereichern können, war der Ausgangspunkt eines Workshops an der Goethe-Universität. Auf Einladung des Frankfurter Amerikanisten Johannes Völz und des Historikers Till van Rahden von der Université de Montréal, gegenwärtig Fellow des Exzellenzclusters „Normative Orders“, ging es am Forschungskolleg Bad Homburg Anfang Juli um eine drängende Frage: Hat die liberale Demokratie noch eine Zukunft? Wie verändert sich unter dem Eindruck demokratiefeindlicher Tendenzen die demokratische Kultur?

Diskutiert wurden im Workshop verschiedene Texte, welche die Krise der liberalen Demokratie beleuchten: Erklärungen zum Erstarken von Populismus und Ressentiments, aber auch zur Form einer Unzufriedenheit mit der politischen Kultur, wie es eine Expertenkommission für eine stabile Demokratie wie Norwegen beobachtet hat. „Dabei war die Krisendiagnose im Workshop umstritten“, betont Johannes Völz. „Nach dem Ende des Kalten Krieges herrschte eine Euphorie, dass das ‚Ende der Geschichte‘ erreicht sei und die liberale Demokratie sich endgültig durchgesetzt habe“, ergänzt Till van Rahden.

Dies habe nicht zuletzt auch zu einer Überheblichkeit des Westens gegenüber sogenannten Entwicklungsländern geführt. Heute dagegen sei längst nicht mehr so klar, so van Rahden, ob die Demokratie, so wie man sie im Westen versteht, das notwendige Ziel einer jeden politischen Entwicklung sei. „Daher rührt gegenwärtig auch das Interesse an den jungen Demokratien Indiens oder Südafrikas: Vielleicht ist die Demokratie gar nicht das Ziel, sondern eher eine Reise mit offenem Ausgang“, gibt van Rahden zu bedenken.

Zentrale Bedeutung im Workshop „Was war demokratische Kultur?“ hatten die Texte von Alexis de Tocqueville, der im 19. Jahrhundert die USA bereiste. „In seinen für die heutige Demokratie-Debatte immer noch anregenden Analysen findet man unter anderem den Gedanken, dass jedes Erreichen einer neuen Stufe von Gleichheit zu neuen Ungleichheiten führen kann“, führt Johannes Völz aus. Jede Demokratie müsse das in Rechnung stellen.

Wer heute über Leidenschaften und Gefühle in der politischen Auseinandersetzung klagt, übersehe allzu leicht, dass diese ein unverzichtbarer Teil einer demokratischen Kultur sind: „Affekte und Emotionen finden sich eben nicht nur auf Seite der Feinde der Demokratie, sondern die ganze Demokratie ist davon durchdrungen“, betont Völz. „Das demokratische Miteinander setzt die Bildung des Herzens, d.h. emotionale Kompetenzen, voraus, die es uns ermöglichen, uns als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger des Gemeinwesens wahrzunehmen“, sagt Till van Rahden und Johannes Völz fügt an: „Schlüsselbegriffe der politischen Kultur wie ‚Gerechtigkeit‘ können nie ohne Gefühle gedacht werden: So ‚empfinden‘ wir Gerechtigkeit, Menschen sollen sich gleich ‚fühlen‘.“

Im Fokus des Workshops, an dem Literatur- und Filmwissenschaftler, Historiker, Philosophen, Soziologen und Vertreter der Politischen Theorie aus mehreren europäischen Ländern und Nordamerika teilnahmen, standen daher weniger politische Ideen, sondern die Frage von Formen und Stilen, die die Demokratie als Lebensform ausmachen und denen für das Überleben der Demokratie in schweren Krisen eine tragende Rolle zukommt. Auch die Frage, welchen Stellenwert die Kunst für die Demokratie hat, wurde diskutiert. So gebe es bestimmte Richtungen innerhalb der Architektur, die ein demokratisches Miteinander begünstigen.

Gleichwohl ergäben sich fast immer auch widersprechende Interpretationen, schränkt Völz ein. Vermeintlich demokratische Formen und Stile von Kunst lassen sich auch in Diktaturen finden. „‘Ästhetik‘ wurde im Workshop in mindestens zwei Dimensionen gedacht: als Definition dessen, was Kunst sein kann, aber auch umfassend als sinnliche Wahrnehmung von Wirklichkeit“, betont van Rahden. Kunst ist nicht per se autonom und ein Residuum der Kapitalismusfeindlichkeit, sondern ebenso wirklichkeitsprägend wie wirklichkeitsverhaftet.

Das Thema des Workshops soll auf jeden Fall eine Fortführung finden: „Es gab wohl niemanden unter den Teilnehmern, der nicht mit einer neuen Idee nachhause gegangen ist“, so Johannes Völz. Verschiedene Disziplinen und Denktraditionen miteinander ins Gespräch zu bringen und damit Routinen aufzubrechen, sei von unschätzbarem Wert, gerade wenn es um ein aktuelles Thema wie die Zukunft der Demokratie gehe.