Mit den Ergebnissen aus den Projekten MAPEX und FEM4DEM berät die »Pädagogik der Sekundarstufe mit Schwerpunkt Islam« Politik und Bildungsinstitutionen.

Islamistischer Extremismus ist seit einigen Jahren ein gesellschaftliches Reizthema und in den Medien daher sehr präsent. Mit der kürzlich veröffentlichten interaktiven Datensammlung des Forschungsverbundes MAPEX ist das Medieninteresse an der Arbeit der Frankfurter „Pädagogik der Sekundarstufe mit Schwerpunkt Islam“ wohl noch größer geworden, beobachten Prof. Harry Harun Behr, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Pädagogik der Sekundarstufe (WEIII) und die Wissenschaftliche Projektleiterin Dr. Meltem Kulaçatan, Mitarbeiterin im Fachbereich 04. Die Anfragen gehen dabei über das übliche Interesse hinaus: „Die Journalist*innen zeigen eine gewisse Diskursneugier, formulieren den Wunsch, größere Zusammenhänge erklärt zu bekommen, nicht nur Oberflächenphänomene“, freut sich Behr.

MAPEX-Forschungsverbund (Hrsg.)(2021): Radikalisierungsprävention in Deutschland. Mapping und Analyse von Präventions- und Distanzierungsprojekten im Umgang mit islamistischer Radikalisierung. Osnabrück/Bielefeld. Download hier.

In den vergangenen drei Jahren haben die Frankfurter Forscher*innen gemeinsam mit ihren Kolleg*innen der Universität Bielefeld, der Universität Osnabrück sowie der FH Münster alle Präventions- und Interventionsprojekte im Bereich des islamistischen Extremismus in Deutschland auf einer interaktiven Online-Plattform zusammengetragen. Vor allem der Bund und im Besonderen das Innen- und Familienministerium stecken inzwischen viel Geld in die Präventionsarbeit, doch ob das Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird, und ob wirklich alle relevanten Partner beteiligt sind, ist nicht klar. Nötig wäre, so die Forscher*innen des Verbundes, ein Zentrum praxisorientierter Präventionsforschung, in dem Wissen zu Extremismus- und Radikalisierungsphänomenen gespeichert, laufend analysiert und vermittelt wird. Ein weiteres Projekt, das Harry Harun Behr und Meltem Kulaçatan zusammen mit der Universität Osnabrück verfolgen, heißt FEM4DEM und setzt bei Mädchen- und Frauenarbeit im Kontext von Demokratieförderung an. Das Projekt ist verankert im Kontext von Förderung der Demokratie mit besonderem Bezug zum Nationalen Präventionsprogramm und zum Strategiepapier der Bundesregierung zur Extremismusprävention. So unterschiedlich MAPEX und FEM4DEM auch ausgerichtet sind: Behr und Kulaçatan betonen im Gespräch, dass beide Projekte große Schnittstellen haben und die Ergebnisse ihrer Untersuchungen sich gegenseitig ergänzen. Radikalisierung und Extremismus möchten die beiden Forscher*innen generell nicht nur als ein Problem der gesellschaftlichen „Ränder“ verstanden wissen.

Radikalisierung: nicht nur ein Problem der »anderen«

Behr und Kulaçatan sehen die Probleme bei Maßnahmen zur Deradikalisierung und Distanzierung im Bereich des islamistischen Extremismus nicht nur in der fehlenden dauerhaften Finanzierung und in den befristeten Arbeitsverträgen. Die beiden Frankfurter Pädagog* innen, die sich im Rahmen von MAPEX die Präventionsarbeit im schulischen Kontext angeschaut haben, weisen auf ein tiefer liegendes Problem hin: Seit der Gründung des sogenannten Islamischen Staates und der „Flüchtlingskrise“ 2015 habe man in Deutschland zahlreiche Präventionsprogramme aus dem Boden gestampft, ohne das Phänomen der islamistischen oder religiös bedingten Radikalisierung wirklich verstanden zu haben, beklagt Behr.

Das Projekt MAPEX habe daher auch das Ziel verfolgt, bei den zahlreichen Präventionsprojekten zu schauen, welche Denkmodelle und Vorstellungen von Radikalisierung überhaupt zugrunde gelegt werden. Lange Zeit seien Politik und Bildungsinstitutionen davon ausgegangen, dass Radikalisierung vornehmlich an den Rändern der Gesellschaft zu finden sei; in Gruppierungen, die aus bürgerlicher Sicht als deviant und prekär gesehen werden. „Mit anderen Worten: Radikalisierung ist ein ‚Problem der anderen‘, was aber nach unseren Ergebnissen ein Trugschluss ist. Radikalisierung findet sich auch in der Mitte der Gesellschaft.“ In den Untersuchungen habe man auch eruieren können, dass die vermeintliche Radikalisierung von Schülerinnen und Schülern sich öfter als ein „Artefakt“ der Öffentlichen Schule herausstelle: „Der Blick wendet sich dann von den Schüler*innen hin zu den Lehrkräften“, erklärt Meltem Kulaçatan. Dabei verfolgen die beiden Forscher*innen eine Spur, die sie vonseiten der Schulen selbst erreicht: Rassismus sei in einem bedenklichen Maße bei Lehrkräften anzutreffen, so auch ihr Kollege Harry Harun Behr, auch wenn das viele Verantwortliche nicht wahrhaben wollten. „Rassismus ist ein Haltungsproblem, kein Verwaltungsproblem.“

Klare Empfehlungen für Politik und Behörden

Die Frankfurter Pädagog*innen verstehen ihre Aufgabe darin, auf Grundlage der Ergebnisse ihrer Forschung der Politik und den Behörden klare Empfehlungen zu geben: „Das schließt diejenigen ein, die Curricula für die Polizeiführung, für Verwaltungshochschulen und natürlich für die Lehrerbildung und die Fortbildung für Integrationsbeauftragte schreiben. Das verstehen wir auch als Aufgabe im Rahmen der Third Mission“, sagt Kulaçatan. Was fehlt in der Lehramtsausbildung? Wie können Pädagog*innen fitter gemacht werden im Sinne einer Diversitätsanerkennung und Religious Literacy? Behr und Kulaçatan haben in ihren Forschungsprojekten Religion als soziologisches Analysekriterium eingeführt. „Lehrkräfte verfügen meistens über keine spezifische religionswissenschaftliche Expertise, kommen aber plötzlich in ihrem beruflichen Alltag mit unterschiedlichen Aspekten von Religion und Religiosität in Berührung. Die daraus entstehende Not von Lehrkräften, aber auch von Integrationsbeauftragten, wird uns oft in unseren Fortbildungsangeboten geschildert“, berichtet Harry Harun Behr.

Religiös verankerter Extremismus bilde ein hoch volatiles Feld, man habe es mit heterogenen Formen zu tun. Ein eigenes bundesweites Forschungszentrum, wie nach Vorbild Großbritanniens von den MAPEX-Verbundpartnern gefordert, sei dringend notwendig. Meltem Kulaçatan möchte keine Prognosen dazu abgeben, ob die Radikalisierung im islamistischen Kontext künftig zuoder abnehmen wird. Zu beobachten sei, dass sich Radikalisierungsanreize verändert hätten; manchmal treffe ein religiös motivierter Extremismus auf nationalistische Komponenten, Mischformen entstünden, wie es auch bei identitären Bewegungen sichtbar sei. „Man muss aber auch die Frage stellen: Wie können politisch relevante Radikalisierungsbewegungen abgegrenzt werden von adoleszenten Radikalisierungen, die zur Pubertät dazugehören?“ Früher habe man sich als junger Mensch vor allem über das Outfit, zum Beispiel die Irokesenfrisur, abgegrenzt. Heute biete sich dafür auch eine islamistische Radikalisierung an. „Das mag banal klingen, ist es aber nicht“, sagt Kulaçatan, und ergänzt: „Radikalisierungsprozesse, die mit dem Missbrauch religiöser Inhalte einhergehen, zu erklären, heißt natürlich nicht, sie in irgendeiner Form zu relativieren oder gar gutzuheißen.“

Intervention von Wissenschaft in Praxis

Im Projekt FEM4DEM begleiten die Frankfurter Forscher*innen Frauenorganisationen im Kontext migrantischer Selbstorganisation. Es handelt sich um aktive muslimische Frauen, die im Kontext von Mädchen-, Jugend- und Familienarbeit tätig sind. Der Einbezug von Projekten der Jungen- und Männerarbeit ist in der 2. Projektphase neu hinzugekommen. Bislang fehlte es an Studien, die sich mit der muslimischen Zivilgesellschaft außerhalb der verbandlichen Strukturen befassen. Die zentrale Frage lautet: Was benötigen die Organisationen, um nachhaltig arbeiten zu können? Und gibt es Projektideen, die sie bislang nicht haben umsetzen können, wie kann man eine gute Umsetzung gewährleisten? Vom Grundprinzip her begleitet die Wissenschaft im Projekt FEM4DEM die Praxis aktiv und leistet auch konkrete Unterstützung. „Ein Beispiel ist die Antragsstellung und der Umgang mit dem sogenannten Beamtendeutsch. Damit sind viele Projekte überfordert, unser Team übernimmt dann diese Aufgaben“, berichtet Meltem Kulaçatan. Die Intervention von Wissenschaft in Praxis ist gedacht als ein Beitrag zur Deradikalisierung, wobei für viele Projekte der Kontext der Präventionsarbeit nicht immer dienlich ist: „Leute, die sich zivilgesellschaftlich- partizipatorisch engagieren, wollen ungern mit dem Label ‚Islamismus-bezogene Deradikalisierung‘ versehen werden, das wäre auch nicht zutreffend“, betont Harry Harun Behr. Stattdessen sei mit den Schlagworten Demokratiebildung, Demokratiebewusstsein und demokratische Konsensbildung deren Arbeit viel besser beschrieben.

Interaktive Online-Plattform MAPEX
(Mapping und Analyse von Präventions- und Distanzierungsprojekten im Umgang mit islamistischer Radikalisierung): www.mapex-projekt.de

Projektseite von FEM4DEM: www.uni-frankfurt.de/Fem4Dem_II

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 2/2021 (PDF) des UniReport erschienen.