Bei einer Konferenz zum „Landjudentum“ wurde der erste Band des Synagogengedenkbuches Hessen präsentiert. Das Werk befasst sich mit Synagogen und Gemeinden, die vor der NS-Zeit in den (heutigen) Landkreisen Darmstadt-Diebung und Offenbach existierten.

700 Seiten stark und reich bebildert ist der erste Band des Großprojekts „Zerbrechliche Nachbarschaft: Gedenkbuch der Synagogen und jüdischen Gemeinden in Hessen“, der im Rahmen der Konferenz „Landjudentum“ im November der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. An der Präsentation nahmen unter anderem der Hessische Wissenschaftsminister Timon Gremmels sowie Vertreterinnen und Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Hessen, der hessischen Kirchen und Bistümer und der betreffenden Städte und Gemeinden teil. Das umfangreiche Werk, das Professor Christian Wiese und Professor Stefan Vogt ihr Team erarbeitet haben, befasst sich mit der Geschichte und der Architektur der Synagogen und jüdischen Gemeinden, die vor dem Nationalsozialismus in den Landkreisen Darmstadt-Dieburg und Offenbach sowie in den Städten Darmstadt und Offenbach bestanden. In den kommenden Jahren sollen acht weitere Bände erscheinen, die in gleicher Weise alle Synagogen und jüdischen Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen behandeln werden. Das Gedenkbuch „Zerbrechliche Nachbarschaft“ setzt nicht nur wichtige Impulse für die Erforschung der jüdischen Geschichte Hessens. Es ist zugleich selbst ein Denkmal für diese Geschichte und für deren Zerstörung – und setzt damit auch ein starkes Zeichen gegen Antisemitismus und Geschichtsvergessenheit.
In seinem Grußwort betonte Wissenschaftsminister Gremmels, das Synagogengedenkbuch leiste einen wichtigen Beitrag dazu, das reiche jüdische Erbe innerhalb der Geschichte zu bewahren und sichtbar zu machen. Damit, so Gremmels, leiste der Band „einen unschätzbaren Beitrag zum historischen Gedächtnis unseres Landes.“ Aus diesem Grund freue er sich, „als Wissenschaftsminister das Gedenkbuch mit all seinen verschiedenen Partnern zu unterstützen, den ersten Band und auch alle weiteren Bände, […] die noch erstellt werden müssen.“ Daniel Neumann, der Vorsitzende des Verbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen, betonte die Bedeutung des Gedenkbuchs für die jüdische Gemeinschaft im Land. In einer Zeit, so Neumann, „in der wir permanent ausgesetzt sind der Propaganda und dem Hass, der nicht selten auf Juden zielt, in eben dieser Zeit hat sich ein engagiertes Team die Mühe gemacht, in die Tiefe zu gehen, präzise zu arbeiten, wissenschaftlich zu arbeiten. […] Und das ist so notwendig, und das ist so wichtig.“

Das Synagogen-Gedenkbuch „Zerbrechliche Nachbarschaft“ ist die erste umfassende Darstellung der Geschichte der jüdischen Gemeinden in Hessen. Es ist außerdem die erste umfassende Dokumentation der Synagogen, die im Laufe der Jahrhunderte auf dem Gebiet des Landes Hessen bestanden, in der Zeit des Nationalsozialismus den jüdischen Gemeinden entrissen und vor und nach 1945 zerstört oder zweckentfremdet wurden. Hier bestanden vor 1933 etwa 450 jüdische Gemeinden unterschiedlichster Größe, von kleinen Landgemeinden bis hin zu großen städtischen Gemeinden mit überregionaler und teilweise europaweiter Bedeutung. Damit ist die jüdische Geschichte Hessens von besonderer Dichte und Vielfalt. Das Gedenkbuch rekonstruiert für jeden dieser Orte die Entstehung und Entwicklung der jüdischen Gemeinden, folgt den Lebenswegen der Jüdinnen und Juden dort und untersucht ihre Position in den lokalen Gesellschaften und gegenüber der jeweiligen Obrigkeit. Es beschreibt den jüdischen Alltag in den Dörfern und Städten des heutigen Hessens, der gleichzeitig von großer Nähe zu den nichtjüdischen Nachbarn und von wiederkehrender Bedrohung und Verfolgung bis hin zur Zerstörung jüdischen Lebens im Nationalsozialismus geprägt war. Das Gedenkbuch widmet sich insbesondere den Synagogen und Beträumen der jüdischen Gemeinden, beschreibt detailliert deren Architektur und analysiert ihre Position innerhalb der lokalen Topographie. Es befasst sich außerdem mit der Geschichte der Synagogengebäude nach 1945 und den Auseinandersetzungen um die Erinnerung an die jüdische Geschichte vor Ort.

Das Gedenkbuch richtet sich einerseits an ein Fachpublikum, indem es neue Quellen erschließt und vielfach verstreutes Wissen über die jüdische Geschichte Hessens zusammenträgt. Es richtet sich aber auch an ein breites Publikum, für das diese Geschichte in nie dagewesener Zugänglichkeit und Anschaulichkeit präsentiert wird. Dafür erscheinen die Gedenkbände in großem Format und aufwendiger Ausstattung mit vielen Abbildungen. Vor allem sind die Gedenkbände als Open-Access-Publikation für jedermann über die Webseite des Verlags De Gruyter frei zugänglich. Im Kontext des Projekts wurde zudem eine Reihe von Synagogen durch die Technische Universität Darmstadt digital rekonstruiert. Sie können unter diesem Link genutzt werden. Weitere Rekonstruktionen werden folgen.

Die Präsentation fand im Rahmen der Eröffnung der internationalen Konferenz „Landjudentum“ an der Goethe-Universität statt, die von 23. bis 25. November 2025 dauerte. Expertinnen und Experten aus fünf Ländern diskutierten über Geschichte und Bedeutung des ländlichen Judentums, das gerade auch in Hessen die jüdische Geschichte nachhaltig geprägt hat. Die Erforschung der Geschichte des Landjudentums ist damit auch eine wichtige Grundlage für die Arbeit am Gedenkbuch „Zerbrechliche Nachbarschaft“. Noch bis weit ins 19. Jahrhundert lebte die Mehrheit der Jüdinnen und Juden in Deutschland auf dem Land. In den Dörfern und kleinen Städten hatte sich über die Jahrhunderte hinweg eine vielfältige jüdische Kultur, Ökonomie und Topographie entwickelt, die in besonders enger räumlicher und sozialer Nachbarschaft zur nichtjüdischen Gesellschaft stand. Hier fanden Jüdinnen und Juden Aufnahme nach Vertreibungen aus den großen Städten, erlebten aber auch Anfeindungen, Schikanen und Ausgrenzungen. Der Nationalsozialismus hat diese Form jüdischen Lebens in Deutschland ebenso brutal wie endgültig zerstört. Die Konferenz hat das Landjudentum als bedeutenden, heute aber weithin vergessenen Teil der jüdischen Geschichte aus unterschiedlichen historischen Perspektiven und mit Blick auf verschiedene regionale Ausprägungen untersucht und dabei einen Bogen vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert gespannt. Auf der Grundlage der Konferenz wird voraussichtlich 2027 in der Reihe „Kontexte zur jüdischen Geschichte Hessens“ im Verlag De Gruyter auch ein Sammelband zum Thema erscheinen.
Christian Wiese/Stefan Vogt/Doron Kiesel/Gury Schneider-Ludorff (Hrsg.): Zerbrechliche Nachbarschaft. Gedenkbuch der Synagogen und jüdischen Gemeinden in Hessen. Band 1: Regierungsbezirk Darmstadt südlicher Teil. Teilband 1 Berlin/Boston 2025






